Unter dem Motto «If Music» widmet sich die 5. Ausgabe des St. Moritz Art Film Festival dem Zusammenspiel von bewegtem Bild, Klang und Rhythmus. Internationale Film- und Videokunst trifft dabei auf Talks, immersive Projektionen, Schweizer Premieren und zwei aussergewöhnliche Gäste. Als Guest of Honour reist der britische Regisseur Peter Greenaway ins Engadin. Mit Rusty Egan kommt zudem eine Schlüsselfigur der New-Romantic-Bewegung nach St. Moritz – inklusive Filmvorführung, Talk und exklusivem DJ-Set.
ST. MORITZ ART FILM FESTIVAL 2026 | Bilder, Beats und grosse Namen
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Peter Greenaway, New-Romantic-Pionier Rusty Egan, Schweizer Premieren und internationale Videokunst
PETER GREENAWAY – FILM ALS GESAMTKUNSTWERK
Peter Greenaway gehört zu den entschiedensten Kritikern des konventionellen Erzählkinos. Der ursprünglich als Maler ausgebildete Regisseur begreift Film weniger als lineare Geschichte denn als komplex komponiertes Gesamtkunstwerk aus Malerei, Musik, Architektur, Literatur und bewegtem Bild. Seine Filme folgen häufig strengen Ordnungsprinzipien, Zahlenreihen, Alphabeten oder Taxonomien und entfalten daraus opulente, sinnliche und nicht selten provokante Bildwelten. Werke wie THE COOK, THE THIEF, HIS WIFE & HER LOVER haben das europäische Autorenkino nachhaltig geprägt. Am Sonntag, 23. August 2026, präsentiert Greenaway im Rahmen einer Matinée seinen frühen Erfolgsfilm THE DRAUGHTSMAN’S CONTRACT. Anschliessend spricht er gemeinsam mit seiner Familie über sein Werk und sein künstlerisches Schaffen. Thema ist dabei auch THE GREENAWAY ALPHABET, das persönliche Filmporträt seiner Frau, der Künstlerin und Regisseurin Saskia Boddeke.
VOM BLITZ CLUB NACH ST. MORITZ
Kaum ein Ort steht so sehr für die Verbindung von Musik, Mode, Kunst und exzentrischer Selbstinszenierung wie der Londoner Blitz Club. Ende der 1970er-Jahre wurde er zum kreativen Zentrum der New-Romantic-Bewegung – und Rusty Egan zu einer ihrer prägenden Figuren. Als Schlagzeuger der Band Visage war Egan am Welthit FADE TO GREY beteiligt. Gemeinsam mit Steve Strange führte er den Blitz Club, dessen kompromissloser Dresscode selbst Mick Jagger den Zutritt verwehrt haben soll. Boy George arbeitete zeitweise an der Garderobe, Mitglieder von Spandau Ballet gehörten zu den Stammgästen, und David Bowie engagierte Besucher:innen des Clubs für den Dreh seines Musikvideos ASHES TO ASHES. Am Samstag, 22. August 2026, präsentiert Egan die Dokumentation BLITZED! über die legendäre Londoner Szene, spricht in einem Talk über jene Zeit und verwandelt den Festivalabend anschliessend mit einem exklusiven DJ-Set in eine Hommage an den Sound der New Romantics.
OSCAR-PRÄMIERTER KURZFILM ALS SCHWEIZER PREMIERE
Zu den Höhepunkten der offiziellen Auswahl gehört die Schweizer Premiere von TWO PEOPLE EXCHANGING SALIVA von Natalie Musteata und Alexandre Singh. Der Oscar-prämierte Kurzfilm mit Zar Amir Ebrahimi führt in eine ebenso stilisierte wie absurde Welt, in der Küssen verboten ist und Speichel zur subversiven Währung wird. Der Film steht exemplarisch für ein Festivalprogramm, das nicht nach klassischen Gattungsgrenzen fragt. Dokumentarische Beobachtung, Animation, Performance, Musikfilm und bildende Kunst gehen fliessend ineinander über.
KLAVIERMECHANIK, PUPPEN UND KÜNSTLICHE EMOTIONEN
Anna Franceschini erkundet in NOTHING IS MORE MYSTERIOUS. A FACT THAT IS WELL EXPLAINED das Amsterdamer Pianola Museum. Zwei langsame Kamerabewegungen machen die Mechanik der Instrumente, Oberflächen, Licht und Materialität zu den eigentlichen Protagonist:innen des 16-mm-Films. In Diego Marcons LA GOLA tauschen zwei hyperrealistische Puppen Briefe über ein opulentes Bankett und den körperlichen Verfall einer Mutter aus. Melodram, Horror und Musik verdichten sich zu einer zugleich künstlichen und irritierend emotionalen Erzählung. Shuang Li und der Produzent Osheyack kombinieren in STILL Stockbilder, synthetische Stimmen und elektronischen Sound. Ihre Arbeit kreist um digitale Bildwelten, körperlose Emotionen und die Frage, was von Bildern bleibt, wenn sie unendlich reproduziert, zirkuliert und manipuliert werden.
LANDSCHAFT, ARBEIT UND RITUAL
Mit TILL ASHES TURN INTO PINES richtet Jingru (Cyan) Cheng gemeinsam mit Chen Zhan und Mengfan Wang den Blick auf ältere Frauen in einem zentralchinesischen Dorf. Ihr Lebensunterhalt ist eng mit den umliegenden Kiefernwäldern verbunden. Der experimentelle Dokumentarfilm untersucht das Zusammenspiel von Landschaft, Arbeit und einer Urbanisierung, die traditionelle Lebensformen zunehmend verdrängt. Jonathas de Andrade begleitet in JANGADEIROS E CANOEIROS traditionelle Flösser und Kanufahrer im Nordosten Brasiliens. Beobachtung, Choreografie, Handwerk und soziale Realität verbinden sich zu einem Porträt von Küstengemeinschaften, deren Wissen unmittelbar an Körper, Material und Landschaft gebunden ist. Auch Andrew Norman Wilson beschäftigt sich mit einem gelebten Ritual. SILVESTERCHLAUSEN führt ins winterliche Appenzell, wo Männer in kunstvoll gefertigten Kostümen von Haus zu Haus ziehen, jodeln und ihre schweren Schellen erklingen lassen. Zwischen dokumentarischer Beobachtung und künstlerischer Inszenierung entsteht ein Film über Gemeinschaft, Tradition und kulturelle Selbstvergewisserung.
BEWEGUNG IM URBANEN RAUM
Susanne Bürners THE FLOOR ALL AROUND ME spielt im brutalistisch geprägten Mériadeck-Quartier in Bordeaux. Das in den 1970er-Jahren auf zwei Ebenen errichtete Stadtviertel trennt die Fussgänger:innen und den Autoverkehr voneinander. Bürner beobachtet, wie Menschen die Architektur als Hindernis, Bühne und Resonanzraum nutzen. Eliav Brands Soundarbeit greift die Geräusche des Quartiers auf und verwandelt alltägliche Bewegung in eine urbane Choreografie. Giulia Guidi reduziert Bewegung dagegen auf ein ebenso banales wie poetisches Motiv. FLYING GLOVE zeigt drei vom Wind aufgeblasene, animierte Handschuhe. Die mit traditionellen Animationstechniken entwickelte und auf 16-mm-Schwarzweissfilm gedrehte Arbeit wird in St. Moritz als Schweizer Premiere präsentiert.
BACH, TROMMELN UND DIE KRAFT DES KLANGS
In THE CHRONICLE OF A.M. BACH porträtiert Ken Okiishi den französischen Cembalisten Jean-Luc Ho. Der Film verbindet historische Aufführungspraxis mit Musik, Tanz und der Frage, wie sich Werke Johann Sebastian Bachs aus der Gegenwart heraus neu erfahren lassen. Camilo Restrepos LA BOUCHE verknüpft die Geschichte eines Vaters, der nach der Ermordung seiner Tochter zwischen Trauer und Rache schwankt, mit den musikalischen Darbietungen des guineischen Perkussionisten Mohamed Bangoura, bekannt als «Red Devil». Die Trommel wird zum erzählerischen Motor eines intensiven, auf 16-mm-Material gedrehten Films. Mit gleich mehreren Arbeiten ist auch der schottische Künstler Ross Birrell vertreten. Seine Praxis bewegt sich zwischen Film, Installation, Text, Musik und Performance und verbindet Fragen von Ort, Politik und Poesie mit der unmittelbaren Wirkung von Klang.
MALEREI WIRD ZUM ERFAHRUNGSRAUM
Leiko Ikemura verwandelt in JARDIN NOCTURNO dunkle, abstrakte Gemälde in eine immersive Videoprojektion. Aus Nahaufnahmen entstehen traumartige Landschaften aus Licht, Schatten, Bewegung und Resonanz. Malerei wird nicht bloss abgefilmt, sondern in einen rhythmischen, nahezu körperlich erfahrbaren Raum überführt. Damit bringt die japanisch-schweizerische Künstlerin den Grundgedanken der Jubiläumsausgabe auf den Punkt: Film kann mehr sein als eine Abfolge von Bildern. Er kann vibrieren, hallen, sich wiederholen und wie Musik direkt auf den Körper wirken.
FAZIT
Mit seiner fünften Ausgabe schärft das St. Moritz Art Film Festival sein eigenständiges Profil zwischen Kino, bildender Kunst und Klang. Peter Greenaway und Rusty Egan verleihen dem Festival historischen Glamour, während die internationale Auswahl zeigt, wie vielfältig bewegte Bilder heute gedacht werden können: als Ritual, politische Reflexion, choreografische Versuchsanordnung, musikalische Komposition oder immersiver Erfahrungsraum. «If Music» ist dabei weniger ein Thema als eine Einladung: Filme nicht nur zu betrachten, sondern ihnen zuzuhören. arttv.ch wird das Festival begleiten.