Kaum eine Schweizer Schauspielerin hat in den vergangenen Jahren eine derart eindrückliche Karriere hingelegt wie Luna Wedler. Am 24. September 2026 erhält die Zürcherin an der Opening Night des Zurich Film Festival aus den Händen von Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider den Golden Eye Award. Sie ist die erste Schweizer Schauspielerin, der diese Auszeichnung verliehen wird. Für arttv.ch ist das auch Anlass für einen persönlichen Rückblick: Wir begleiten Luna Wedler seit vielen Jahren – und waren schon von ihrer besonderen Leinwandpräsenz begeistert, als ihre internationale Karriere gerade erst begann.
LUNA WEDLER – Vom Shooting Star zum Golden Eye
- Publiziert am 7. September 2026
Mit 15 begann am ZFF ihre Kinokarriere – elf Jahre später wird Luna Wedler dort als jüngste Schauspielerin mit dem Golden Eye Award geehrt.
Zurich Film Festival
Das Zurich Film Festival (ZFF) ist das zweitgrösste Filmfestival im deutschsprachigen Raum und präsentiert jeden Herbst während elf Tagen die schönsten Entdeckungen sowie die meist erwarteten Filme des Jahres. Es fördert den Austausch zwischen aufstrebenden Regisseurinnen und Regisseuren, arrivierten Filmschaffenden, der Filmindustrie und dem Publikum.
«Ich bin einfach Luna, fertig.»
2018 trafen wir Luna Wedler an der Berlinale. Sie war gerade 18 Jahre alt und als einer von zehn European Shooting Stars ausgezeichnet worden. Auf die Frage, wer sie denn eigentlich sei, antwortete sie wunderbar unprätentiös: «Ich bin einfach Luna, fertig.» Schon damals gefiel uns diese Mischung aus Selbstbewusstsein und Natürlichkeit. Wedler wirkte ehrgeizig, aber nie kalkuliert. Sie sprach davon, wie sehr ihr Herz für das europäische Kino schlage. Einen Plan B habe sie nicht. Schauspielerin zu sein, sei ihr Traum. Damals konnte niemand wissen, wie schnell sich dieser Traum erfüllen würde. Aber wir hatten bereits das Gefühl: Von dieser jungen Frau wird man noch viel hören.
Alles begann am Zurich Film Festival
Eigentlich hatte die Geschichte bereits drei Jahre zuvor begonnen. Mit 14 ging Luna Wedler aus Neugier zu einem Casting für Niklaus Hilbers AMATEUR TEENS. Sie bekam die Rolle der Milena. 2015 feierte der Film am Zurich Film Festival Weltpremiere und gewann dort den Publikumspreis. Es war nicht nur Wedlers Kinodebüt, sondern der Beginn einer aussergewöhnlichen Verbindung mit dem ZFF. Inzwischen haben acht Filme mit ihr dort Premiere gefeiert. Der eigentliche Durchbruch folgte 2017 mit Lisa Brühlmanns BLUE MY MIND. Als Mia, eine Jugendliche, deren Körper und Identität zunehmend ausser Kontrolle geraten, entwickelte Wedler jene ungewöhnliche Leinwandpräsenz, die fortan zu ihrem Markenzeichen werden sollte. Für uns war damals bereits klar, dass hier etwas Besonderes passiert. Wedler spielt ihre Figuren nicht einfach, sie scheint sich ihnen mit Haut und Haaren auszuliefern. BLUE MY MIND war eine radikale Coming-of-Age-Parabel – und Luna Wedler ihr pulsierendes Zentrum. Und wieder gab es Preise: 2018 erhielt sie dafür den Schweizer Filmpreis als Beste Darstellerin. Im selben Jahr wurde sie European Shooting Star der Berlinale.
Wenn ein Film nicht ganz überzeugt, Luna Wedler tut es
Seit damals begegnete sie uns bei arttv.ch immer wieder. Und interessant ist, dass unsere Begeisterung für Wedler nie davon abhängig war, ob uns auch der jeweilige Film restlos überzeugte. JE SUIS KARL von Christian Schwochow ist dafür das beste Beispiel. Mit dem Film selbst gingen wir durchaus kritisch ins Gericht. Bei Luna Wedler hingegen gab es für uns kaum Vorbehalte. Sie spiele sich als Maxi beinahe «die Seele aus dem Leib», schrieben wir damals. Selbst dort, wo der Film dramaturgisch ins Plakative kippt, bleibt sie sein emotionales Zentrum. Überhaupt ist das eine ihrer grössten Qualitäten: Luna Wedler kann einer Figur eine Glaubwürdigkeit verleihen, die stärker ist als das Drehbuch um sie herum. Auch in Lorenz Merz’ SOUL OF A BEAST gehörte sie zu einem jungen Schweizer Ensemble, dessen Energie den Film überhaupt erst möglich machte. Gemeinsam mit Ella Rumpf und Pablo Caprez taumelt sie durch ein fiebriges, wildes Zürich. Für ihre Rolle wurde sie für den Schweizer Filmpreis als beste Nebendarstellerin nominiert.
Eine Schauspielerin ohne Rollenfach
Bemerkenswert ist dabei die Spannweite ihrer Rollen. Wedler liess sich nie auf den Typus der rebellischen jungen Frau festlegen, mit dem ihre Karriere begann. Sie spielte in DER PASSFÄLSCHER an der Seite von Louis Hofmann eine junge Jüdin im Berlin des Jahres 1942, wurde in DER RÄUBER HOTZENPLOTZ zur Fee Amaryllis und war in Produktionen wie WAS MAN VON HIER AUS SEHEN KANN, BIOHACKERS, ALL THE LIGHT WE CANNOT SEE oder LANDESVERRÄTER zu sehen. Sie funktioniert im historischen Drama ebenso wie im Genrefilm, in einer internationalen Serie, einer Literaturverfilmung oder im Kinderkino.

JAKOBS ROSS: Diese unbändige Lebenskraft
Besonders intensiv haben wir Luna Wedler anlässlich von JAKOBS ROSS empfunden. In Katalin Gödrös’ Verfilmung des Romans von Silvia Tschui spielt sie Elsie, eine musikalisch hochbegabte Magd im 19. Jahrhundert, die sich den gesellschaftlichen Grenzen ihrer Zeit nicht ergeben will. Für uns war der Film mit ungeheurer Wucht erzählt und voller unbändiger Lebenskraft und Musik. Genau diese Lebenskraft ging auch von Wedlers Spiel aus. Für die Rolle lernte sie Berndeutsch, nahm Gesangsunterricht und verbrachte zur Vorbereitung Zeit auf einem Bauernhof. Sie wollte nicht nur wissen, wie diese Frau denkt, sondern auch, wie sich deren Alltag körperlich anfühlt. Im Interview, das für uns der kürzlich verstorbene Rolf Breiner führte, widersprach sie dabei einer allzu einfachen Lesart. Es gehe bei Elsie nicht bloss um Emanzipation, sondern auch um Selbstverwirklichung. Möglicherweise beschreibt das einen entscheidenden roten Faden vieler ihrer Rollen: Wedler spielt auffallend oft Frauen, die darum kämpfen, nicht auf das reduziert zu werden, was andere in ihnen sehen.

22 BAHNEN – noch leiser, noch stärker
Mit der Bestsellerverfilmung 22 BAHNEN erreichte Luna Wedler 2025 ein grosses Publikum. Als Tilda trägt sie einen grossen Teil des Films – und tut dies gerade nicht mit grossen Gesten. Mit Blicken, Pausen und minimalen Veränderungen ihrer Körperhaltung macht sie sichtbar, was in dieser jungen Frau vorgeht: die Verantwortung für ihre kleine Schwester, das Leben mit einer alkoholkranken Mutter, das Studium, die Arbeit an der Supermarktkasse und gleichzeitig die Sehnsucht nach einem eigenen Leben. Unser Fazit fiel und fällt entsprechend euphorisch aus: ein fantastisches Buch, filmisch fantastisch umgesetzt – mit einer noch fantastischeren Luna Wedler. Als wir Ende 2025 auf unser Kinojahr zurückblickten, gehörte 22 BAHNEN folgerichtig zu unseren Favoriten. Damals schrieben wir über Wedler, sie sei eine Schauspielerin, «der man stundenlang zusehen könnte». Dabei bleiben wir.

Und sie wird immer besser
Anfang 2026 folgte in Nicolas Steiners SIE GLAUBEN AN ENGEL, HERR DROWAK? bereits die nächste Rolle, bei der sie uns überzeugte. Der Film kommt demnächst in die Schweizer Kinos. Als Germanistikstudentin Lena Jakobi trifft Wedler auf den von Karl Markovics gespielten verbitterten Hugo Drowak. Für uns ist Luna Wedler der emotionale Anker des Films: ruhig, präzise, nie aufdringlich und mit einem grossen Gespür für Zwischentöne. (Der Film kommt demnächst in die Schweizer Kinos, eine Besprechung findet sich auf unserer Website.) Kurz darauf begegnete sie uns an der Berlinale erneut, diesmal in Anna Rollers ALLEGRO PASTELL nach dem Roman von Leif Randt. Wieder überzeugte gerade das zurückgenommene, pathosfreie Spiel, wenn auch diesmal nur in einer Nebenrolle. Aus jenem Shooting Star, den wir 2018 in Berlin interviewten, ist längst eine der interessantesten Schauspielerinnen ihrer Generation im deutschsprachigen Kino geworden.
Venedig bestätigt die internationale Klasse
Spätestens 2025 wurde auch international unübersehbar, welches Format Luna Wedler inzwischen erreicht hat. Für ihre Darstellung in Ildikó Enyedis SILENT FRIEND erhielt sie bei den Filmfestspielen von Venedig den Marcello Mastroianni Award. Man könnte darüber schmunzeln, dass eine Schauspielerin mit einer bereits derart umfangreichen Filmografie noch als Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet wird. Aber es ist so und da täuscht die vielseitig Filmografie leicht darüber hinweg: Luna Wedler ist erst 26 Jahre alt. Vieles, wofür andere ein halbes Schauspielerleben benötigen, hat sie bereits erreicht.
Zurück an den Ort, an dem alles begann
Nun also Zürich. Beim diesjährigen Zurich Film Festival ist Luna Wedler gleich in zwei Produktionen vertreten. In Frauke Finsterwalders EUROTRASH spielt sie die Fahrerin eines Schriftstellers, der gemeinsam mit seiner schwerkranken Mutter durch die Schweiz reist. Daneben ist sie im Animationsfilm DE RÄGEBOGEFISCH als Stimme zu hören. Damit kehrt sie mit gleich zwei neuen Arbeiten an jenes Festival zurück, an dem ihre Kinokarriere vor elf Jahren begonnen hat. Und diesmal nicht einfach als junge Schauspielerin mit einem neuen Film, sondern als Preisträgerin des Golden Eye Award.
Mehr als eine schöne Zürcher Geste
Christian Jungen, CEO des ZFF, nennt Luna Wedler eine Schauspielerin voller Energie und Charisma. Festival Director Reta Guetg erinnert sich daran, wie sehr sie Wedlers Intensität bereits in BLUE MY MIND beeindruckte. Und Luna Wedler selbst sagt, dass sie die Auszeichnung durch jenes Festival, das sie seit den Anfängen ihrer Karriere begleitet habe, zutiefst berühre. Wir können uns den beiden «Köpfen» des ZFF nur bedingungslos anschliessen. Wir begleiten publizistisch Luna Wedler nun schon einen beträchtlichen Teil ihres Weges. Wir trafen sie als Shooting Star in Berlin, waren begeistert von BLUE MY MIND, fanden sie in JE SUIS KARL besser als den Film, erlebten ihre Kraft in SOUL OF A BEAST und JAKOBS ROSS, ihre stille Präzision in 22 BAHNEN und zuletzt ihre feinen Zwischentöne in SIE GLAUBEN AN ENGEL, HERR DROWAK?Dabei hat sie etwas bewahrt, das mit wachsendem Erfolg keineswegs selbstverständlich ist: Man sieht bei Luna Wedler nie zuerst den Star. Man sieht immer die Figur. Für uns ist dieses Golden Eye deshalb weit mehr als eine schöne Zürcher Geste an eine erfolgreiche Zürcherin. Es ist eine hochverdiente Auszeichnung für eine Schauspielerin, die uns seit Jahren begeistert – und bei der man ohne grosse Töne zu spukern davon ausgehen kann, dass ein grosser Teil ihrer Karriere noch vor ihr liegt.