Seit den 1970er-Jahren prägt Monika Treut das queere Kino – radikal, lustvoll und politisch. Im Gespräch blickt sie auf die Anfänge der Videobewegung zurück, spricht über feministische Kontroversen rund um Sexualität und S/M sowie über die anhaltenden Kämpfe um trans und queere Sichtbarkeit. Dabei wird deutlich: Was einst als Experimentierfeld begann, ist heute erneut unter Druck – und zugleich dringlicher denn je.
Interview | Golden Apple 2026 für Monika Treut
- Publiziert am 2. April 2026
Die Preisträgerin im Überblick
Monika Treut (geb. 1954 in Mönchengladbach) verbindet Theorie und Körper zu einem eigenständigen filmischen Denken: Ausgehend von ihrem Studium und ihrer Promotion über Marquis de Sade und Leopold von Sacher-Masoch entwickelt sie ein Kino, das analytisch, neugierig und kompromisslos ist. International geprägt – zwischen New York, San Francisco und Hamburg – erzählt sie von Identitäten in Bewegung, etwa in DIE JUNGFRAUENMASCHINE (1988), MY FATHER IS COMING (1991) oder dem wegweisenden Dokumentarfilm GENDERNAUTS (1999). Ihr Werk bleibt politisch, ohne je platt zu argumentieren: Filme wie KRIEGERIN DES LICHTS (2001), ZONA NORTE(2016) oder GENDERATION (2021) zeigen Menschen in ihrer konkreten Lebensrealität – jenseits von Schlagworten, jenseits von Zuschreibungen.
Treuts Kino verweigert sich einfacher Kategorien und vertraut auf die Kraft der Begegnung. Ein Œuvre von internationaler Strahlkraft – und bleibender Relevanz. arttv.ch gratuliert herzlich zum Golden Apple 2026.
Mit Monika Treut sprach Doris Senn
Monika Treut, Sie erhalten den diesjährigen Golden Apple für Ihr Werk, das rund fünf Jahrzehnte umfasst. Ihre ersten Videos entstanden schon in den 1970ern. Wie kam es dazu?
Das nahm seinen Anfang während meines Studiums, ab 1974. Wir von der Literaturwissenschaft stellten fest, dass wir Analphabet:innen waren, was visuelle Medien betraf. Wir arbeiteten mit dem Portapak, einem tragbaren, jedoch sehr unhandlichen Videogerät, sowie mit verschiedenen Videosystemen von eher geringer Qualität. Hergestellt haben wir kurze dokumentarische Videos , die wir erst im studentischen, dann im erweiterten Rahmen in Kneipen und Cafés gezeigt haben. Es gab ja eine richtige Videobewegung in den 1970ern – die «Public Access»-Bewegung. Ebenfalls erstmals gab es halbwegs erschwingliche Schneidegeräte – und es war immer auch eine kollektive Angelegenheit. Ende der 1970er haben wir dann in Hamburg den Frauenmedienladen Bildwechsel gegründet, der übrigens heute noch besteht.
Sie haben nach Ihrer Promotion in Literatur Filme zu S/M, Sexualität und Sexarbeit realisiert, etwa 1985 Verführung: DIE GRAUSAME FRAU, in dem eine Domina im Zentrum steht, oder FEMALE MISBEHAVIOR VON 1992 über Bondage und eine Sex-Performance mit Annie Sprinkle. Themen, die die Frauenbewegung damals aufwühlten – Stichwort PorNO-Kampagne von Alice Schwarzer. Wie wurden Ihre Filme aufgenommen?
Durchaus kontrovers. Was die Sexualität von Feministinnen und von Lesben anging, war eine Spaltung da. Ich erinnere mich noch an eine Diskussion, als VERFÜHRUNG: DIE GRAUSAME FRAU ins Kino kam. Alice Schwarzer kam mit der ganzen EMMA-Redaktion dazu und klagte uns als Verräterinnen der Frauenbewegung an! Andererseits gab es sehr viel junge Frauen, auch junge Lesben, die interessiert waren am Experimentieren mit Sexualität. Sie nahmen Elemente auf, die damals aus den USA kamen – etwa von Pat Califia, die über lesbische Sexualität, Bondage und S/M schrieb – und für eine grössere Bandbreite sexueller Praktiken plädierten.
1999 haben Sie mit GENDERNAUTS Premiere gefeiert. Der Film ist heute ein Klassiker des queeren Kinos. Spätestens ab den Nullerjahren wurde «transgender» und «Transsexualität» zu einem eminent wichtigen Thema. Wo stehen wir heute Ihrer Ansicht nach in Bezug auf diese Themen?
In den westlichen Gesellschaften sind eine grössere Liberalität und ein grösseres Wissen da – etwa dass jeder Mensch Anteile von beiden Geschlechtern in sich trägt und eine grössere Fluidität in vielen Gesellschaften akzeptiert ist. Ob sie gewünscht ist, ist eine andere Frage. Doch sehen wir heute vermehrt Angriffe von rechten Bewegungen, die sich wieder der Familie und der traditionellen Frauenrolle verschreiben und alles, was nicht den herkömmlichen binären Geschlechterrollen entspricht, attackieren. Wir sehen da einen grossen Kulturkampf – wie es in Polen der Fall war, in Ungarn, in Russland und durch die MAGA-Bewegung auch in den USA wieder der Fall ist. Alles, was wir erreicht haben – an Offenheit, an durch die Wissenschaft unterstützten Möglichkeiten –, ist nun wieder in Gefahr, wird angegriffen und infrage gestellt.
Was an GENDERNAUTS besticht, ist, dass der Film eine grosse Bandbreite an Gender-Identitäten zulässt – als fliessendes Kontinuum, auf dem sich die Protagonist:innen verorten können. Seither wurde dieses Spektrum weiter ausdifferenziert und in Labels gefasst. Wie sehen Sie diese Entwicklung in Bezug auf trans und queer?
Eine komplizierte Frage. Vor allem sieht es in verschiedenen Kulturen auch je wieder anders aus. In Berlin und in Deutschland etwa ist eine grosse Lust da, sich zu definieren und festzulegen und die eigene Gender-Identität persönlich zu bestimmen. Das war in der Zeit von GENDERNAUTS noch anders, auch weil die Bewegung noch relativ frisch war. Dabei dürfen wir auch nicht vergessen, dass es darin um San Francisco in den 1980er und 1990er Jahren geht, als San Francisco vielleicht die liberalste Stadt überhaupt und ein Experimentierfeld war, um sich auszuprobieren. Eine Idealsituation, die wir heute in dem Sinn gar nicht mehr vorfinden – wenn nicht bei ganz jungen Leuten, wie ich das bei Studierenden zwischen 18 und Ende 20 erlebt habe, als ich an einer Kunsthochschule unterrichtet habe. Sie sehen ihre Gender-Identität als fliessend an und wollen experimentieren und wegkommen von herkömmlichen Rollen. Wenn sich vermehrt junge Menschen outen und in verschiedenste Formen aufsplitten, agieren diese aber selten gegeneinander, sondern wirken meist positiv zusammen.
Sie haben 2021 mit GENDERATION eine Fortsetzung von GENDERNAUTS gedreht, mit zum Teil denselben Protagonist:innen – und mit einer starken politischen Komponente: der Gentrifizierung von San Francisco. Hinzu kommen die Auswirkungen von Trumps erster Präsidentschaft. Der Film vermittelt eine gewisse Ernüchterung angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen – die Community scheint auseinandergebrochen zu sein. Wie ist die Situation dort heute? Sind Sie nach wie vor in Kontakt mit Ihren Protagonist:innen?
Ja, das ist für mich sehr wichtig – grade bei dokumentarischen Filmen. Da kommt man sich doch sehr nah, und es entstehen Freundschaften, die oft das ganze Leben andauern. In einem Fall wie Stafford, einem Transmann, der in beiden Filmen vorkommt, weiss ich, dass durch die zweite Präsidentschaft von Trump extreme Probleme auf Menschen wie ihn zukommen. Etwa durch diese üble Sache mit den Identitätspapieren, in denen die Trump-Administration wieder das Geburtsgeschlecht eintragen lässt. Wenn du also einen Reisepass beantragst, musst du deine Geburtsurkunde mitbringen, und dann wird knallhart dein Geburtsgeschlecht eingetragen. Das heisst, dass es – nicht in allen Staaten, aber in einigen – unmöglich wird zu reisen. Wenn ein Transmann mit seinem «dead name», also seinem Geburtsnamen, da auftaucht, wird er unweigerlich an einer Ein- oder Ausreise gehindert werden.
In Ihrem jüngsten Film, COOKING UP DEMOCRACY, den Pink Apple als Vorpremiere zeigt, geht es um ein ganz anderes Gesellschaftsmodell: Er handelt von Taiwan, von digitaler Demokratie und einem bemerkenswert liberalen Gesellschaftssystem. Wie kam es zu diesem Filmprojekt?
Seit ich 2002 dort von dem grossartigen Frauenfilmfestival WOMEN MAKE WAVES eingeladen wurde, war ich sehr oft in Taiwan. Sie zeigten eine Retrospektive meiner Filme und boten mir im Anschluss daran an, einen Dokumentarfilm über Taiwan zu drehen. Ich hatte Carte Blanche und stieg in die Geschichte Taiwans ein, weil sie extrem vielschichtig ist, und wählte dazu die Biografien von drei Frauen unterschiedlicher Generationen aus.
Was hat Sie besonders am Projekt fasziniert?
Mich hat fasziniert, dass Feministinnen sehr viel zur Demokratisierung Taiwans beigetragen haben, und viele feministische Rechte direkt in der Verfassung festgelegt wurden. Ich habe mich auch sehr für die geopolitische Situation Taiwans interessiert, die ja doch immer gefährdet ist durch eine mögliche Vereinnahmung seitens der Volksrepublik China. Unter dem Radar der Weltöffentlichkeit hat sich in Taiwan wie in einem Biotop eine ganz besondere Demokratie entwickelt. Das wollte ich für westliche Demokratien festhalten – als Anregung im Sinn von: Können wir etwas davon lernen? Speziell ist dabei sicher, dass die Demokratie nach Taiwan kam, als das World Wide Web erfunden wurde und die Taiwaner:innen von Anfang an digitale Elemente in ihre Demokratie übernommen haben. Im Gegensatz etwa zur Bundesrepublik, wo unsere langjährige Kanzlerin, Angela Merkel, noch 2017 sagen konnte: «Das Internet ist Neuland für uns.»
Wie sehen Sie die Zukunft des queeren Films? Wird es ihn auch in kommenden Jahren noch geben?
Ich denke, grade jetzt, wo die Demokratien so gefährdet sind und auch dieser seltsame Kulturkampf tobt und rechte Bewegungen wieder traditionelle Frauenrollen ausspielen wollen, ist die Existenz von queeren Communities sehr unter Beschuss. Da sind die queeren Filme eine Möglichkeit, sich zu vergewissern, was eigentlich vor sich geht. Er ist ein Trost-Medium und gleichzeitig ein Kampf-Medium. Was ich in Hamburg während des dortigen Queer Film Festival immer wieder erlebe: Es ist ein ganz wunderbarer Ort für die Community, um intensiv eine Woche zusammen zu verbringen. Und das wiederum ist eine ganz wichtige Form, um sich wieder neu zu vernetzen und zu kommunizieren, Orte zu besetzen und Präsenz zu zeigen. Ich denke, es gibt ganz vielfältige Gründe, weshalb wir für die Fortexistenz der queeren Filme kämpfen müssen.
Ein schönes Schlusswort! Ich bedanke mich sehr für das Gespräch.