Der Film begleitet «Strahlner»: Menschen, die in den Urner Alpen auf die Suche nach Quarzkristallen gehen. Diese Kristalle – elegante, geologische Bildungen aus dem Inneren der Berge – haben seit Jahrhunderten Menschen angezogen und sind Teil einer jahrhundertealten Tradition. Die Dokumentation taucht ein in das Leben und die Leidenschaft dieser Kristallsucher:innen, zeigt ihre Gefährdungen in hochalpinem Terrain, ihre Beziehung zu den Naturkräften und die Faszination, die von den Kristallen ausgeht.
IM BANN DER QUARZKRISTALLE – Strahlner:innen in den Urner Alpen
IM BANN DER QUARZKRISTALLE | SYNOPSIS
Seit Jahrhunderten locken Quarzkristalle Menschen in unwegsame Gebiete hoch in den Urner Alpen. Inneres Feuer, Legenden, Mythen und Träume begleiten sie beim «Strahlnen», der Suche nach den wundervollen Gebilden. Früher wie heute verbringen sie Tage, ja Wochen in der archaischen Berglandschaft, die sich in den letzten Jahren markant verändert hat. Doch trotz neuer Gefahren bleibt ihr Drang ungebrochen, die in Felsen verborgenen Schätze aufzuspüren und zu bergen. Derweilen interessieren sich Sammler:innen, Händler:innen, Museen für ihre Funde und Forschende ergründen die Entstehung der Kristalle und ihre Bedeutung für die Menschheit. Der neue Film von Irene Marty spürt der Leidenschaft der Kristallsuchenden nach. Er blickt zurück in eine Zeit, in der Familien in den Bergen damit einen wichtigen Teil ihres Lebensunterhalts bestritten, begleitet Strahlner:innen auf ihren abenteuerlichen Touren und erzählt von der vielschichtigen Bedeutung des Rohstoffs Quarz. «Im Bann der Quarzkristalle» ist eine Entdeckungsreise, eine Schatzsuche in imposanter Naturlandschaft – abenteuerlich, fesselnd, bereichernd.
Kontext: Das verborgene Leuchten der Berge
Wer in den Alpen nach Kristallen sucht, folgt einer jahrhundertealten Spur, so wie Regisseurin Irene Marty in ihrem Film diesen Spuren nachgeht. Lange galten Bergkristalle als gefrorenes Licht, als Gaben aus einer verborgenen Welt tief im Fels. Hirten, Berggänger und spätere Strahlner trugen dieses Wissen weiter – nicht aus Gier, sondern aus Neugier, Geduld und Respekt vor dem Berg. Mit der Zeit trat zur Magie die Wissenschaft. Kristalle wurden vermessen, gesammelt, verstanden. Und doch blieb etwas Unverfügbares: das Warten, das genaue Hinsehen, der Moment, in dem der Stein plötzlich aufleuchtet. Bis heute ist die Kristallsuche weniger Jagd als Begegnung – mit der Geschichte der Alpen und mit der stillen Idee, dass das Wertvollste oft dort liegt, wo man es nicht erzwingen kann.

IM BANN DER QUARZKRISTALLE | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Felix Schenker
Mit IM BANN DER QUARZKRISTALLE ist Regisseurin Irene Marty ein Dokumentarfilm von internationalem Format gelungen. Die Mitglieder der Schweizer Filmakademie tun gut daran, diesen Film für den Schweizer Filmpreis 2027 im Auge zu behalten – und das aus mindestens vier überzeugenden Gründen.
Erstens: die spektakulären Landschaftsaufnahmen
So hat man die Urner Bergwelt im Kino wohl tatsächlich selten gesehen. Es scheint, als habe die Regisseurin ihrem Kamerateam einiges zugemutet – und dieses hat sich nicht gescheut, für die atemberaubenden Bilder beträchtliche Risiken einzugehen. Steile Felswände, abgelegene Klüfte und hochalpine Szenerien werden nicht einfach dokumentiert, sondern regelrecht erfahrbar gemacht. Besonders bemerkenswert ist, dass Marty diesen Bildern den nötigen Raum lässt: Sie hetzt nicht von Einstellung zu Einstellung, sondern vertraut auf die Kraft der Ruhe. Untermalt von den Akkordeonklängen von Albin Brun gewinnen die Aufnahmen zusätzlich an Faszination und einer fast archaisch-entrückten Mystik.
Zweitens: das Thema selbst
Wer das Glück hatte, IM BANN DER QUARZKRISTALLE zu sehen, wird Bergkristalle künftig mit anderen Augen betrachten – seien es Rauchquarz, Milchquarz, klarer Bergkristall oder Amethyst. Diese mineralischen Schönheiten sind im Film weit mehr als blosse Objekte: Sie werden zu Trägern von Geschichten, Erinnerungen und Lebensentwürfen. Unweigerlich denkt man beim Anblick eines Kristalls an die Protagonisten zurück, an ihre Hingabe, ihre Geduld und ihren Respekt vor der Natur.
Konrad Mattli, Xaver Gnos und Peter Indergand vertreten die ältere Generation, die noch vom Strahlern leben konnte und von einer Boomzeit in den 1960er- und 1970er-Jahren profitierte, als ihnen von Sammler:innen und Tourist:innen die Funde förmlich aus den Händen gerissen wurden. Diese Zeiten sind vorbei – was Heinz Imfanger und Bruno Müller jedoch nicht davon abhält, ihrer gefährlichen Leidenschaft weiterhin nachzugehen.
Als Vertreter der jüngeren Generation verbindet insbesondere Bruno Müller seine Passion zunehmend mit Überlegungen zu Klimawandel und Umweltzerstörung, was dem Film eine zusätzliche Ebene verleiht. Ihnen allen – ob jung oder alt – ist eine bemerkenswerte Lebensfreude gemeinsam, gepaart mit Bodenständigkeit und einer Leidenschaft, die über den Film hinaus nachwirkt.
Drittens: Die Leichtigkeit des Seins
Der Film lebt von seinen Protagonisten – und von den vielen heiteren Momenten, die sie mitbringen. Besonders hervorzuheben ist der inzwischen verstorbene Strahler Konrad Mattli. Schon in den ersten Minuten zieht er das Publikum mit seinem verschmitzten Humor und seinem urtümlichen Urner Dialekt in den Bann. Von Lebensfreude und einer positiven Lebenshaltung geradezu durchdrungen ist auch Xaver Gnos, der erste Berufstrahler im Kanton Uri überhaupt – und das, obwohl sein Sohn Bernhard infolge Sauerstoffmangels in einer Kluft als junger Mann verstarb. Diese Tragödie wird im Film nicht ausgeschlachtet, sondern von Xaver Gnos mit grosser Würde und spürbarer Demut erzählt. Gerade darin zeigt sich eindrücklich seine ungebrochene Leidenschaft für die Berge und die Kristalle. Im Zusammenspiel mit den anderen Protagonisten entsteht so ein authentisches, vielstimmiges Porträt einer besonderen Lebensform zwischen Risiko, Entbehrung und Glück – und einer erstaunlichen Leichtigkeit.
Viertens: der kluge, tiefsinnige Kommentar
Es sind die Gedanken der Regisseurin selbst, die sich wie ein roter Faden durch den Film ziehen – gesprochen allerdings von einer professionellen Sprecherin. Dieser erzählerische Kniff schafft Distanz und zugleich Klarheit. Die Reflexionen sind nie aufdringlich, sondern öffnen Räume: für Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Natur, nach dem Wert des Suchens und Findens, nach Vergänglichkeit und Beständigkeit. Der Kommentar hebt den Film über die reine Beobachtung hinaus und verleiht ihm eine stille, philosophische Tiefe. So entsteht ein Werk, das weit mehr ist als eine Dokumentation über Kristallsucher.
Fazit
IM BANN DER QUARZKRISTALLE ist ein atmosphärisch dichter, menschlich berührender und visuell beeindruckender Film – einer, der lange nachwirkt und der bei gutem Marketing zweifellos das Potenzial hätte, auch international Beachtung zu finden.