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Foto: Kaspar Kasics auf dem Locarno Film Festival | Video: Trailer «Erica Jong - Breaking the Wall»

Humorvoll und gnadenlos ehrlich – Kaspar Kasics' Filmportrait einer Kultautorin

Erica Jong gab dem weiblichen Begehren eine Bühne und wurde dafür als eine der ersten Feministinnen weltweit ebenso geliebt wie verachtet.

Gemeinsam mit der amerikanischen Kultautorin blickt der Zürcher Regisseur Kaspar Kasics in seinem Dokumentarfilm auf ihre erfolgreiche Karriere und stellt die schlagfertige Autorin in den Mittelpunkt. Im Interview verrät Kasics, wieso er auch die aggressive Seite der sinnlichen und humorvollen Erica Jong zeigt und betont, wieso es wichtig ist, über ‹her-story› zu sprechen.

Interview mit Kaspar Kasics

Von Silvia Posavec

Wie haben Sie die Literatur der amerikanischen Autorin Eric Jong entdeckt?
Das erste Buch, das ich von Erica Jong gelesen habe, war «Fear of Dying» von 2015. Damals arbeitete ich an meinem Film «Das Erste und das Letzte» (2018) über eine Frau, die weiss, dass sie im Begriff ist zu sterben. Dadurch war ich sensibilisiert für das Thema Tod. Aber Erica Jong erzählt ihre Geschichte ganz anders als erwartet, mit sehr viel Humor. Ich war von der Fantasie dieser Autorin überrascht, sie ist skurril
und auch klug. Der Name Erica Jong kam mir bekannt vor und ich wollte wissen, was sie noch geschrieben hatte. Also las ich irgendwann ihr erstes Buch «Fear of Flying» (1973) und das war genau so geistreich. Dass es keinen Film über diese so wichtige amerikanische Autorin gab, hat mich verwundert und ich habe mich nur noch gefragt: Wie kann ich sie kontaktieren?

Wie ist es Ihnen dann gelungen, den Kontakt zu Erica Jong herzustellen?
Ich wusste, ich muss privat an die Frau herankommen. Sie hat vier Agent:innen und zwei Assisten:innen, wenn ich über diese gegangen wäre, hätte ich sofort Schiffbruch erlitten. Über Marilyn Yalom, die nun bereits verstorbene Frau des amerikanischen Psychotherapeuten David Yalom, habe ich dann erste Versuche gemacht, einen Kontakt herzustellen. Marilyn Yalom kannte Erica Jong nicht persönlich, verwies mich aber an eine befreundete kalifornische Professorin für Literaturwissenschaften. Diese war von meiner Idee sofort überzeugt und sagte, wenn jemand einen Dokumentarfilm verdient hat, dann ist es Erica Jong. So kam ich an die private E-Mail Adresse und schickte ihr einen zweiseitigen Brief. Aufgrund ihrer Bücher wusste ich, darin muss ich gnadenlos ehrlich sein.

Weil sie jede Form der Anbiederung durchschaut hätte?
Ja, sicher. Ich habe also offen gesagt, dass ich ihre Bücher erst jetzt für mich entdeckt habe. Ich habe ein bisschen von meiner Arbeit erzählt und geschrieben, dass ich einen Dokumentarfilm über sie machen will – dafür aber noch kein Konzept habe (schmunzelt). Zuerst wollte ich sie kennenlernen und gemeinsam schauen, wie man ihn umsetzen könnte. Nach zwei Tagen kam ihre lapidare Antwort: «Sounds interesting, let’s set up a phone call». Wir führten ein zweistündiges Telefonat und bald darauf flog ich für sieben Tage nach New York. Doch weil sie eine so viel beschäftigte Frau ist, hatte sie nur zwei Stunden Zeit für mich. Erica Jong lud mich zu einem kleinen Lunch zu sich ein. Unsere erste Begegnung war lustig, aber auch sehr wild. Sie sprang von einem Thema zum anderen. Ich ahnte damals schon, dass es nicht einfach werden würde.

Das hört sich nach einem Sprung ins kalte Wasser an, etwas, was sich auch am Anfang des Films bemerkbar macht. Wie ist es, in diese so wohlhabende und exklusive Welt der Upper East Side einzutauchen?
Die Szenerie ihrer Wohnung war eine Offenbarung und ich kannte dieses Milieu zuvor überhaupt nicht. Natürlich wusste ich, dass sie sehr viel Geld verdient hat mit ihren Büchern. Weltweit hat Erica Jong 60 Millionen Exemplare verkauft. Und ich wusste auch, dass ihre Familie und ihr Mann wohlhabend sind. Und dennoch war es eine wunderbare Überraschung, einen so lebendigen Ort vorzufinden. Diese vielen verschiedenen Räume, die Aussicht auf die Stadt, Bilder und Skulpturen überall. Ich habe sehr früh entschieden, dass die Wohnung eine Figur im Film sein wird. Eine, die mit der Zeit immer mehr von sich zeigt und Geschichten enthüllt.

Sie nehmen einen mit auf eine Expedition in den Kosmos Erica Jong. Und doch kommt sie in einer Szene, in der sie sich über eine Waschmaschine aufregt, beinahe versnobt rüber. Absicht?
Ja, ich habe diese Szene sehr bewusst gesetzt, denn das gehört zu ihr. Sie macht gewisse Sachen nicht mit und wehrt sich. In den USA ist es so, dass man übertrieben gesagt 15 Formulare ausfüllen muss, um eine Waschmaschine zu bekommen. Ich bin das Risiko eingegangen, dass man denkt: Oha, diese Frau kann aber sehr unangenehm sein. Ich wollte ihre Aggressivität beibehalten, auch weil es keine einfache Hommage an Erica Jong werden sollte, in der immer alles nett ist. Manchmal war sie auch mir gegenüber ungeduldig und wollte wissen, was ich jetzt vorhabe. Aber das ist die Ungeduld des kreativen Menschen, der sich nicht aufhalten lassen will durch den banalen Alltag.

Wie war die Zusammenarbeit mit dieser so starken und doch sinnlichen Schriftstellerinnenpersönlichkeit?
Es war ein ständiges Ringen. Nur weil ich Mann und Regisseur bin, konnte ich nicht einfach Dinge von ihr verlangen. Alles musste begründet werden, auch wenn es manchmal nicht möglich war, im Vorhinein zu sagen, ob der Dreh einer Szene Sinn macht. Und ihre Sinnlichkeit, ja, manchmal wollte sie mich richtig umarmen. In diesen Situationen kam ich ihr dann verklemmt vor (lacht). Es hat gedauert, bis wir uns auf Augenhöhe begegnen konnten, dabei ging es aber weniger um eine Machtfrage, sondern mehr um eine Verständnisfrage. Ich bin mir sicher, bis zum Schluss war ich für sie ein Fremder. Sie hat mir viele Fragen gestellt und wollte alles über mich wissen. Sie wollte, dass ich so offen bin, wie sie ihn ihren Büchern, da spricht sie davon, «naked on the page» zu sein. Aber wir in Europa oder auch in der Schweiz öffnen uns nicht so schnell.

Erica Jong ist durchaus eine kontroverse Figur. Mit den Archivaufnahmen, die Sie in Ihren Film einbauen, bekommt man von der damaligen Diskussionen um die erotischen Textpassagen in ihren Büchern mit. Kämpft sie nicht auch bis heute noch mit dem Image, das ihr angehaftet wurde?
Ja, sie wurde auf eine erotische Schriftstellerin reduziert, was ihren Texten wirklich nicht gerecht wird. Es ist wie ein Stigma, das sie bis heute trägt, auch wenn sie sich damit arrangiert hat. Ich bin sehr froh, wenn man das im Film spürt. Während sie in Amerika umstritten war, wurde sie in Europa gefeiert. Bis heute werden ihre Texte weltweit unglaublich geschätzt, weil sie für Frauen eine Türe aufgemacht haben.

An ihrer Person zeigt sich aber auch, wie sehr unsere Kultur von Amerika geprägt ist. Ist Erica Jong ein typisch amerikanisches Phänomen?
Es ist weniger ihre Art zu schreiben als das das Element des Entertainment, das sie als Amerikanerin charakterisiert. Die Art, wie sie aufgetreten ist und auch die Rolle, welche sie im öffentlichen Diskurs eingenommen hat. Die Archivaufnahmen ihrer Fernsehauftritte in den 70ern zeigen, wie schlagfertig sie bereits als junge Frau war. Das hat mich am meisten überrascht, mit wie viel Humor sie damals auf provokante Fragen reagierte und das Publikum für sich gewinnen konnte.

Auch die Bücher der Schriftstellerin Erica Jong spielen eine Rolle in Ihrem Film. Wie haben Sie entschieden, welche ihrer Werke Sie erwähnen wollen?
Das war eine der entscheidenden Fragen. In der Vorbereitung habe ich nicht nur die zwei genannten, sondern insgesamt 14 Bücher von ihr gelesen. Ihre Geschichten sind sehr verschieden, aber das Grundthema ist immer das Gleiche: Es geht immer um eine Befreiung. Mir war also klar, anstatt die Inhalte nachzuerzählen, fokussiere ich mich auf dieses Grundthema. Aber ich war in der Klemme, wie viel muss ich aus den Büchern erzählen, damit man dieses Motiv wirklich spürt. In «Fear of Flying» befreit sich die Protagonistin aus einer unglücklichen Ehe und findet zu sich selbst. Aber die eigentliche Befreiung ist, dass Erica Jong der Heldin in ihrem Roman erotische Fantasien zutraut und den Begriff des «zipless fuck» prägt. Ich hätte gerne noch mehr Inhalte reingebracht, aber ich wusste, dass der Film kippt, wenn ich zu viel über die Bücher rede. Ich wollte ja auch das Leben einer Schriftstellerin zeigen, wie sie lebt, denkt und schreibt.

Habt Sie über zeitgenössischen Feminismus gesprochen?
Ja, natürlich, aber Erica Jong ist sehr vorsichtig. Sie wurde oft angefeindet, weil sie die Männer nicht in eine Ecke stellt. Sie ist für das Recht auf Abtreibung und für Lohngleichheit, keine Frage. Aber wenn es um die Methoden geht, bleibt sie ihrer Linie treu. Sie fordert Gleichberechtigung, Respekt und Augenhöhe ein, auf diese Ebene muss man erst mal kommen. Auch ich muss mich immer aufs Neue fragen, ob ich wirklich auf Augenhöhe kommuniziere, denn die Überzeugung der eigenen Überlegenheit ist tief in jedem Mann verankert. Da kann man noch so aufgeklärt sein, aber das ist die Geschichte. Es heisst ja auch ‹his-story›, nicht ‹her-story› – diese historisch verankerte Differenz zu überwinden ist ein langer Prozess. Da ist Erica Jong eine Wegbereiterin.

Wie in der Branche üblich haben Sie für ihren Film nach Fördergeldern gesucht, doch Ihr Gesuch wurde abgelehnt. Wie erklären Sie sich das?
Ja, der Bund und auch die Zürcher Filmstiftung haben ihn abgelehnt. Vom Bund wurde mir die Frage gestellt, was uns diese alte Feministin noch zu sagen habe. Wir haben dann versucht, unsere Argumente vorzutragen, doch hat es nicht geholfen. Wir wissen nicht, welche der Kommissionsmitglieder von unserem Konzept nicht überzeugt waren. Aber sicher ist, dass die Mehrheit der Frauen in der Kommission dem Film zumindest nicht zur Finanzierung verholfen haben. Auch das Argument der Zürcher Filmstiftung war fragwürdig, sie haben befürchtet, dass es zu sehr um Sex geht. Ich fand es schade, dass der Film abgelehnt wurde. Vielleicht ist es auch ein kulturelles Phänomen, Erica Jong ist eine charakterstarke Amerikanerin und sie dachten wohl, das passt irgendwie nicht zu uns.

Der Ausbruch der Pandemie fiel genau in ihre Drehzeit, wie sind Sie damit umgegangen?
Ja, wegen der Pandemie konnte unser Austausch nur noch über Zoom passieren, der letzte grosse Dreh war nicht mehr möglich. Ich hatte Angst, den Film nicht abschliessen zu können, aber letztlich hat die Pandemie zu einer neuen, kreativen Lösung geführt. Die Gespräche mit Erica etablieren eine Metaebene, denn wir reden gemeinsam über den Film. Sie bilden eine dekonstruktive Ebene, auf der wir Dinge thematisieren, die beim Dreh in der konkreten Station nicht angesprochen werden konnten.

Wie hat Erica Jong auf den Film reagiert, als sie ihn gesehen hat?
Ich wusste, ich muss sie auf die Erfahrung vorbereiten, denn Dokumentarfilme sehen in den Staaten anderes aus. Man lässt verschiedene Leute über die Hauptpersonen sprechen und wir machen es genau umgekehrt. Unser Ansatz ist, eine Person von innen heraus zu zeigen. Wir kommen Erica Jong als Person sehr nah und zeigen unerwartete Momente. Ich wusste nicht, wie sie ihn aufnimmt, aber sie war hin und weg.

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