Das mit 50 000 Franken dotierte Zuger Werkjahr geht an den Filmemacher Michael Werder. Sein aktuelles Filmprojekt setzt sich mit einem lange gehüteten Familiengeheimnis auseinander und geht dabei grundlegenden Fragen nach. Ausgehend von einer persönlichen Geschichte eröffnet das Vorhaben zugleich einen gesellschaftlich relevanten Blick auf Erinnerung, Schweigen, Zugehörigkeit und die Macht von Narrativen. Die Auseinandersetzung mit familiären und gesellschaftlichen Zuschreibungen verleiht dem Vorhaben eine besondere Aktualität und regt zur Reflexion über individuelle und kollektive Identitätskonstruktionen an.
Ein Familiengeheimnis als Ausgangspunkt: Michael Werder erhält das Zuger Werkjahr
Der Hünenberger Filmemacher Michael Werder hinterfragt mit seinem neuen Werk die Themen Herkunft, Identität und Wahrheit.
Michael Werder (*1980 in Hünenberg, ZG) studierte Film an der Zürcher Hochschule der Künste und schloss sein Studium mit einem Master in Regie und Drehbuch ab. Seit 2011 ist er als selbstständiger Filmemacher, Autor und multimedialer Gestalter tätig. Neben seiner filmischen Arbeit engagiert er sich seit vielen Jahren für das Zuger Kulturleben, unter anderem als Mitinitiator und Betreiber des Böschhof Kultursilos in Hünenberg. Für seine Arbeiten wurde er mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem 1. Preis der Schweizer Jugendfilmtage sowie einer lobenden Erwähnung am Filmfestival Locarno.
Persönliches wird politisch
Erinnerung, Schweigen, Zugehörigkeit und die Konstruktion von Identität bilden den thematischen Kern des geplanten Films. Damit berührt Werder Fragen, die zugleich intim und gesellschaftlich relevant sind. Denn Familiengeschichten bestehen nicht nur aus dem, worüber gesprochen wird. Mindestens ebenso prägend kann das sein, was über Jahre oder sogar Generationen verschwiegen wurde – darin liegt das filmische Potenzial des Projekts. Die Suche nach der eigenen Geschichte wird zur Auseinandersetzung mit Wahrheit und Erinnerung, und damit auch mit der Frage, wie sehr unsere Identität von Erzählungen geprägt wird, die andere über uns und unsere Herkunft geschaffen haben.
Der Kanton Zug würdigt insbesondere die Verbindung einer persönlichen Perspektive mit einer vielschichtigen filmischen Erzählweise: Das Projekt habe das Potenzial, ein breites Publikum anzusprechen und stelle zugleich einen wichtigen Entwicklungsschritt in Werders künstlerischem Schaffen dar.
Geschichten hinter der sichtbaren Oberfläche
Die Beschäftigung mit Menschen und ihren oftmals aussergewöhnlichen Lebensgeschichten zieht sich bereits durch Werders bisherige Arbeit. In seinem Dokumentarfilm EINE FAMILIE KÄMPFT – LEBEN MIT EINER UNHEIMLICHEN KRANKHEIT begleitete er beispielsweise eine Familie aus Unterägeri, deren drei Kinder an der seltenen Erbkrankheit Niemann-Pick Typ C leiden. Auch dort richtete sich sein Blick weniger auf das Spektakuläre als auf den Alltag hinter einer aussergewöhnlichen Situation. Diese Nähe zu seinen Protagonisten und das Interesse an Geschichten, die sich hinter der sichtbaren Oberfläche verbergen, finden im neuen Projekt nun eine sehr persönliche Fortsetzung.
Filmemacher und Kulturvermittler
Doch Werders Engagement reicht über das eigene Filmschaffen hinaus. Gemeinsam mit Regula Werder gründete und entwickelte er das Böschhof Kultursilo in Hünenberg. Aus einem ehemaligen landwirtschaftlichen Betrieb entstand über die Jahre ein Kultur- und Veranstaltungsort mit Ateliers, Proberäumen und Platz für unterschiedlichste kulturelle Projekte. Damit gehört Werder zu jenen Kulturschaffenden, die nicht nur eigene Werke realisieren, sondern zugleich Strukturen schaffen, in denen Kultur entstehen kann. Das Kultursilo versteht sich heute als Plattform für kreative Projekte und kulturelle Vermittlung und arbeitet unter anderem mit Schulen, Kulturinstitutionen und weiteren Partner aus der Region zusammen.
Zeit für Recherche und Entwicklung
Das Zuger Werkjahr ist nicht primär als Auszeichnung für ein abgeschlossenes Werk gedacht, sondern als Freiraum für die Weiterentwicklung künstlerischer Arbeit. 2026 hatten sich fünf Kunstschaffende um das Werkjahr beworben. Michael Werder hat das Rennen um die mit 50 000 Franken dotierte Förderung schlussendlich bekommen. Das Werkjahr soll ihm ermöglichen, die Recherche zu vertiefen, vorhandenes Material aufzuarbeiten und zu sichern sowie Konzept und filmische Form weiterzuentwickeln. Damit schafft die Auszeichnung eine entscheidende Voraussetzung dafür, aus der persönlichen Spurensuche einen eigenständigen Film zu entwickeln. Wie dieser letztlich aussehen wird, ist noch offen. Der Ausgangspunkt jedenfalls könnte persönlicher kaum sein: ein Familiengeheimnis – und die Frage, was geschieht, wenn man beginnt, es zu entschlüsseln.