Der Film zählt zu den politisch brisantesten Projekten des europäischen Autorenkinos der letzten Jahre. Obwohl die Geschichte fiktionalisiert ist, lehnt sie sich deutlich an reale Personen und Entwicklungen im postsowjetischen Russland an – insbesondere an den Aufstieg Wladimir Putins. THE WIZARD OF THE KREMLIN interessiert sich dabei weniger für die politische Chronologie als für die Mechanik der Macht: Wie entsteht politische Realität?
DER MAGIER IM KREML – im Schatten Putins
THE WIZARD OF THE KREMLIN | SYNOPSIS
Anfang der 1990er-Jahre in Russland: Vadim Baranov, ein talentierter junger Mann, schlägt sich durch das postsowjetische Chaos. Zunächst ist er als Künstler aktiv, später als Produzent von Reality-TV, rückt er in die Nähe der Macht und wird zum Berater eines ehrgeizigen KGB-Agenten – Wladimir Putin. Schritt für Schritt gestaltet Baranov das politische System mit und verwischt die Linien zwischen Wahrheit und Manipulation. Jahre danach, längst zurückgezogen und vom Schweigen umgeben, entscheidet er sich, über die verborgenen Seiten des Regimes zu sprechen, das er einst mit aufgebaut hat.
DER MAGIER IM KREML | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Walter Gasperi
Macht als Inszenierung – Olivier Assayas’ Blick in den Kreml
Mit der Verfilmung von Der Magier im Kreml wagt sich Olivier Assayas an ein ebenso ambitioniertes wie heikles Projekt: die filmische Verdichtung von rund 25 Jahren russischer Geschichte – erzählt als Politthriller, als Charakterstudie und als Reflexion über die Mechanismen moderner Macht. Ausgangspunkt ist der 2022 erschienene Roman von Giuliano da Empoli, der aus der Perspektive des fiktiven Spin-Doktors Vadim Baranov den Aufstieg Wladimir Putins nachzeichnet. Assayas, der den Stoff zunächst als zu abstrakt ablehnte, findet erst in der Zusammenarbeit mit Emmanuel Carrère eine filmische Form: stärker fokussiert, mit klarer Erzähllinie und einer zusätzlichen Figur, die emotionale Kontrapunkte setzt.
Rahmenhandlung als Einstieg in ein System
Der Film wählt eine kluge narrative Klammer: Ein amerikanischer Journalist (Jeffrey Wright) reist 2019 nach Russland, trifft auf den rätselhaften Baranov (Paul Dano) – und wird zum Zuhörer eines Monologs, der sich zunehmend als Chronik politischer Manipulation entpuppt. Diese Perspektive erlaubt es, das Publikum direkt mitzunehmen: als staunende, oft auch überforderte Beobachter eines Systems, das sich aus Chaos und Opportunismus speist.
Rasanter Streifzug durch die 1990er und 2000er
Mit bemerkenswertem Tempo zeichnet Assayas die Transformation Russlands nach: von der euphorischen Aufbruchsstimmung der Jelzin-Ära hin zur systematischen Konsolidierung autoritärer Macht. Archivmaterial – teils authentisch, teils nachgestellt – verschmilzt mit sorgfältig rekonstruierten Szenen zu einem dichten historischen Panorama. Zentrale Stationen werden angerissen: der Zweite Tschetschenienkrieg, die Katastrophe der Kursk, die Inszenierung globaler Ereignisse wie Sotschi 2014 oder die Destabilisierung westlicher Demokratien durch digitale Propaganda. Vieles bleibt zwangsläufig skizzenhaft – doch gerade diese Verdichtung erzeugt den Sog eines politischen Thrillers.
Die Figuren: Macht im Hintergrund und auf der Bühne
Bemerkenswert ist, dass Jude Law als Putin erst spät in Erscheinung tritt – und dann bewusst zurückgenommen gespielt wird. Kein lauter Diktator, sondern ein kontrollierter, kalkulierender Machtmensch, dessen Unsicherheiten subtil durchscheinen. Im Zentrum steht jedoch Baranov: eine Figur, die Macht nicht besitzt, sondern organisiert. Paul Dano verkörpert ihn mit irritierender Sanftheit – ein Strippenzieher ohne Pathos, dessen Gefährlichkeit gerade aus seiner Unscheinbarkeit erwächst. Einen Gegenpol bildet Ksenia (Alicia Vikander), eine Kunstfigur zwischen Opportunismus und Distanz. Ihre Beziehung zu Baranov bringt eine private Ebene ins Spiel, ohne den politischen Fokus zu verwässern. Vielmehr wird sichtbar, wie sehr sich auch persönliche Lebensentwürfe den Logiken von Macht und Einfluss unterordnen.
Fazit: Dicht, kühl, beeindruckend – aber nicht erschöpfend
Assayas gelingt ein ebenso dichter wie nüchterner Film, der weniger erklären als sichtbar machen will. Die Komplexität der Ereignisse lässt kaum Raum für Vertiefung, doch genau darin liegt auch die Stärke: als rasantes Mosaik, das die Funktionsweise moderner Autokratie erfahrbar macht. So bleibt dieser Politthriller vor allem eines: eine präzise Studie darüber, wie Macht entsteht – und wie sie durch Inszenierung, Manipulation und Erzählung stabilisiert wird.


