Zum Jahresende blickt die arttv Filmcrew auf ihre persönlichen Höhepunkte und Enttäuschungen zurück. Subjektiv, streitbar, unaufgeregt. Wir zeigen, welche drei Filme jedem einzelnen von uns aus dem vergangenen Kinojahr besonders in Erinnerung geblieben sind – und welcher Film uns am meisten enttäuscht hat. Nicht zwingend, weil er schlecht war, sondern vielleicht einfach, weil wir zu viel erwartet haben und ihn in unseren Köpfen selbstbewusst besser inszeniert hätten.
Das Kinojahr 2025: Unsere Favoriten und Enttäuschungen
- Publiziert am 19. Dezember 2025
Zwölf Monate Film voller Kontraste – Radikal reduzierte Formen, politisches Kino, grosse Emotionen
Felix Schenker, Chefredakteur arttv.ch
HELDIN – Petra Volpe
Starkes, hochrelevantes Sozialkino, das zeigt, was Care-Arbeit wirklich bedeutet. Eindringlich, menschlich und ohne Pathos erzählt. Und schon allein die Begegnung mit Petra Volpe an der Berlinale war ein Ereignis.
22 BAHNEN – Mia Maariel Meyer
So atmosphärisch wie die literarische Vorlage: ein Film von grosser Intimität, präziser Figurenzeichnung – und mit einer Luna Wedler, der man stundenlang zusehen könnte.
KNEECAP – Rich Peppiatt
Unvergessliche Energie, bissiger Humor und politische Schärfe. Ein Film, der zeigt, wie Musik aus dem Bauch einer marginalisierten Jugend Identität, Widerstand und Gemeinschaft formt.
Enttäuschung trotz Erwartungen
BIRD – Andrea Arnold
Sozialrealismus trifft auf mystische Märchenromantik. Unnötig.
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Geri Krebs, Filmredaktor der arttv Filmcrew
SIRAT – Oliver Laxe
In einer Zeit, in der das Arthouse-Kino bevorzugt das Schöne, Wahre und moralisch Richtige feiert, erfindet Oliver Laxe mit einer minimalistischen Nicht-Story den Abenteuerfilm neu. Getragen von einem hypnotischen Soundtrack entstehen grandiose Schauwerte, Nervenkitzel pur und intensivste menschliche Grenzerfahrungen – Qualitäten, die man im heutigen Arthouse-Kino fast verloren glaubte.
TARDES DE SOLEDAD – Albert Serra
Die Einsamkeit eines Stierkampfstars – in der Arena wie im Kleinbus auf dem Weg ins Hotel. Nie wurde diese so grausame wie lebensgefährliche Tradition derart unmittelbar und zugleich schockierend schön gezeigt. Albert Serra demonstriert, zu welchen Höhen rein beobachtendes Kino fähig ist.
BILDER IM KOPF – Eleonora Camuzzi
Zwei weiss gekleidete Personen – die Regisseurin und ihr an Schizophrenie erkrankter Vater – in einem weissen Raum. Aus diesem radikal reduzierten Setting entstehen 70 Minuten Hochspannung. Formal innovativ und inhaltlich fesselnd begegnet der Film psychischer Erkrankung mit grossem Mut.
Enttäuschung trotz Erwartungen
THE LAST SHOWGIRL – Gia Coppola
Der Titel fasst den Plot bereits zusammen. Trotz starkem Hype und Pamela Anderson bleibt dieser Abgesang auf das Showbusiness erstaunlich blutleer.
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Doris Senn, Filmredaktorin der arttv Filmcrew
HELDIN – Petra Volpe
Leonie Benesch überzeugt als Pflegefachfrau in dieser eindrücklichen Schilderung des Spitalalltags. Unaufgeregt und authentisch, zugleich intensiv und spannend, formuliert Petra Volpe ein starkes Plädoyer für Pflegearbeit – und für Menschlichkeit tout court. Die Oscar-Nominierung ist mehr als verdient.
EIN TAG OHNE FRAUEN – Pamela Hogan & Hrafnhildur Gunnarsdóttir
Am 24. Oktober 1975 steht Island still: 90 Prozent der Frauen legen ihre Arbeit nieder – zu Hause wie im Beruf. Ein kollektiver Akt, der eine Gesellschaft wachrüttelt und nachhaltige Veränderungen anstösst. Feministische Energie pur.
LAS NOVIAS DEL SUR – Elena López Riera
Ältere Frauen sprechen offen über Heirat, Hochzeitsnacht, Sex und Liebe. In nur 40 Minuten entsteht ein verblüffendes Kaleidoskop früherer Frauengenerationen in Spanien. Zurecht mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet.
Enttäuschung trotz Erwartungen
IN DIE SONNE SCHAUEN – Mascha Schilinski
Formal ambitioniert, in der Wirkung jedoch erdenschwer. Die 149-minütige Inszenierung versinkt trotz Auszeichnungen in einer schwer nachvollziehbaren, morbiden Tragik.
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Rolf Breiner, Filmredaktor der arttv Filmcrew
ALL THAT’S LEFT OF YOU – Cherien Dabis
Die palästinensisch-amerikanische Regisseurin Cherien Dabis hat einen ergreifenden Spielfilm über ein Flüchtlingsschicksal geschaffen – und darüber hinaus. Über 75 Jahre spannt sie den Bogen von 1948 bis in die Gegenwart, nah an der Wirklichkeit und ohne vereinfachende Schwarz-Weiss-Zeichnungen. Das Drama bleibt zutiefst menschlich, zeigt israelische Willkür nur in einer Szene drastisch, legt aber die Wurzeln eines bis heute brennenden Konflikts offen und setzt zugleich versöhnliche Zeichen.
MOTHER’S BABY – Johanna Moder
Eine Frau, grandios gespielt von Marie Leuenberger, zweifelt an ihrem eigenen Baby – es kommt ihr fremd vor. Leidet Julia an einem postnatalen Trauma? Überforderung, Ängste, Zweifel und Schuldgefühle verdichten sich zu einem Labyrinth aus Ahnungen, Selbstzweifeln und Depression. Die österreichische Regisseurin Johanna Moder beschreibt diesen psychischen Ausnahmezustand mit hoher Intensität: spannend, beunruhigend und bedrohlich wie ein Thriller.
UNSER GELD – Hercli Bundi
«Money makes the world go round» – so heisst es im berühmten Song aus dem Musical Cabaret. Geld, ob als Fetzen Papier, Münze oder Goldbarren, hat seinen Wert nur, weil wir daran glauben. «Die Menschen haben es selbst erschaffen, doch es funktioniert nur, weil sie daran glauben», stellt Filmemacher Hercli Bundi fest. Sein Film fragt, ob Geld uns dient oder wir längst seine Diener sind. Hier wird nicht Geld gewaschen, sondern seziert.
Enttäuschung trotz Erwartungen
LOVE ROULETTE – Chris Niemeyer
Seit 15 Jahren liiert, plötzlich Zweifel an der Ehe: Sollte man sich vorher sexuell ausleben, fremdgehen, anderes ausprobieren? Zeitgeist oder bloss eine Sexfantasie unter dem Deckmantel der Gleichberechtigung? Charlie (Yvonne Eisenring) und Tom (Max Hubacher) stürzen sich in ein Beziehungsexperiment, das weder Charme noch Lust versprüht. Die Gefühle bleiben gespielt, die Inszenierung überraschend kalt. Eine aufgebauschte Romanze ohne nachhaltige Wirkung.
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Madeleine Hirsiger, Filmredaktorin der arttv Filmcrew
SENTIMENTAL VALUE – Joachim Trier
Ein egozentrischer Vater (Stellan Skarsgård), jahrelang abwesend, sucht die Annäherung an seine Tochter (Renate Reinsve). Joachim Trier gelingt eine feinfühlige, präzise Inszenierung, die ohne Effekthascherei auskommt. Ein starkes Stück Kino über schwierige Familienverhältnisse, verletzte Nähe – und die Möglichkeit des Verzeihens.
IN DIE SONNE SCHAUEN – Mascha Schilinski
Vier Frauen, vier Epochen, ein abgelegener Hof in der Altmark. Ihre Geschichten sind durch ein tragisches Ereignis miteinander verbunden. Mascha Schilinski nimmt uns mit auf eine eigenwillige, geheimnisvolle Entdeckungsreise. Ein besonderer Film, dem man sich weniger analytisch als emotional hingeben muss.
ON VOUS CROIT – Charlotte Devillers & Arnaud Dufeys
Eine Mutter kämpft vor Gericht um das alleinige Sorgerecht für ihren Sohn, der vom Vater missbraucht wurde. Jeder Fehler könnte fatal sein. Das belgische Autorenduo erzählt diese Geschichte realistisch und mit grosser Spannung. Vom ersten bis zum letzten Bild geht der Film unter die Haut – getragen von einer herausragenden, glaubwürdigen Myriem Akheddiou.
Enttäuschung trotz Erwartungen
DAS GEHEIMNIS VON BERN – Stascha Bader
Der Regisseur begibt sich selbst als Detektiv auf die Spur des Berner Rocks und seines unerwarteten Erfolgs. Ansatz und Thema sind faszinierend, doch der Film verliert sich zu oft im eigenen Rechercheprozess. Die fehlende Fokussierung schwächt die Wirkung. Weniger wäre mehr gewesen.
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Djamila Zünd, Filmredaktorin der arttv Filmcrew
SENTIMENTAL VALUE – Joachim Trier
Der Film ist nah an den Gesichtern, den Pausen, den Brüchen. Er zeichnet fein die Spannung zwischen familiärer Bindung und dem Bedürfnis nach Loslösung, zwischen Erbe und Selbstbehauptung. Bühne und Filmset werden zu Orten der Maskierung und stellen die Frage, ob Weitergabe ohne Selbstkonfrontation möglich ist.
Ein stiller, dichter Film, der keine eindeutige Lesart erzwingt und sich tief in die persönliche Erfahrung der Zuschauer:innen einschreibt. Fein, nachhaltig, wesentlich.
Enttäuschung trotz Erwartungen
THE PRINCE OF NANAWA – Clarisa Navas
The Prince of Nanawa ist ein Film, der im Gedächtnis haften bleibt. Clarisa Navas begegnet in einer Grenzstadt zwischen Paraguay und Argentinien dem Jungen Ángel – hellwach, rebellisch, voller Liebe zur Welt. Über zehn Jahre begleitet der Film sein Erwachsenwerden, geprägt von Armut, Gewalt, Pandemie, Trennung und Neubeginn. Ángel spricht offen über Träume, Wut und Ungerechtigkeit, wie ein heutiger kleiner Prinz mit unbeirrbarem Glauben an Veränderung. Die lange Laufzeit trägt mühelos, die Zäsur in der Mitte markiert den Übergang von Unschuld zur Konfrontation mit der Realität. Indem Ángel zeitweise selbst zur Kamera greift, entsteht eine seltene Nähe. Ein zutiefst menschlicher Film, der Sanftheit ausstrahlt und zeigt, dass Kino ein Akt von Vertrauen und Liebe sein kann.
SIRAT – Oliver Laxe
SIRÂT ist weniger Film als Erfahrung. Er erkundet die fragile Grenze zwischen körperlicher Realität und spiritueller Wahrnehmung und fordert das Publikum radikal heraus. Statt Komfort setzt er auf Irritation, statt Konsum auf Konfrontation. In einer Welt permanenter Gewaltbilder wirkt der Film wie ein notwendiger Schock: Er reaktiviert unsere Fähigkeit zu fühlen. Musik und Rave werden zu kollektiven, fast rituellen Momenten, die das Publikum mitziehen. Das Leiden ist nie Selbstzweck, sondern Teil eines Durchgangs. SIRÂT tröstet nicht – er destabilisiert und erinnert daran, dass Kino ein Ort der Katharsis und inneren Veränderung sein kann. Ein unbequemer, aber notwendiger Film.
AVATAR: FIRE AND ASH – James Cameron
Technisch bleibt James Cameron unerreicht: visuell überwältigend, handwerklich makellos. Doch diesmal UND enttäuscht er erzählerisch. Die beworbene «Welt der Asche» bleibt überraschend blass, der Film wiederholt weitgehend, was der Trailer bereits verspricht. Ein grosses Spektakel, aber diesmal ohne erzählerisches Gewicht.
Enttäuschung trotz Erwartungen
