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Anita Hugi

Anita Hugi - Interview zu «Heidis Alptraum»

Anita Hugi darüber, warum man Johanna Spyri kaum kennt und wie es ihr gelungen ist, Marthe Keller für ihren Film zu gewinnen.

Wie ist der Film entstanden? «Aus einem Missverständnis…. Es gibt gerade in der Schweiz, eine ganze Anzahl Missverständnisse, was Heidi anbelangt. Das interessierte mich. Heidi selbst beschäftigt und inspiriert mich seit meiner Kindheit.» Anita Hugi.

Heidis Alptraum | Interview mit Anita Hugi

Wie ist der Film entstanden?
Aus einem Missverständnis…. Es gibt gerade in der Schweiz, eine ganze Anzahl Missverständnisse, was Heidi anbelangt. Das interessierte mich. Zweitens steht mein Film im Kontext meiner bisherigen Arbeit zu «bekannten Unbekannten»: Frauen, welche die Geschichte und die Kultur geprägt haben, namentlich die Schriftstellerinnen, von denen man aber kaum etwas weiss. So auch Johanna Spyri: von ihrem Roman sind mehr als 50 Millionen Exemplare verkauft worden und Heidi wurde seit 1920 mehr als 20 Mal als Spielfilm adaptiert – und doch gab es bisher keinen Film, der sich für sie und ihr Werk interessiert hätte. Alle kennen Heidi, doch niemand Johanna Spyri.

Seit wann beschäftigen Sie mit Johanna Spyri und Heidi?
Eigentlich seit der Fertigstellung meines letzten Films zur deutsch- französischen Schriftstellerin Undine Gruenter. Also seit sechs Jahren. Heidi selbst beschäftigt und inspiriert mich seit meiner Kindheit.

Wer ist Johanna Spyri?
Johanna Spyri ist eine Schweizer Schriftstellerin, 1827 im Kanton Zürich in Hirzel geboren und 1901 in der Stadt Zürich verstorben. Sogenannte Hausfrau, und als Frau ihrer Zeit ohne jegliches Stimm- und Wahlrecht noch anderer individueller Rechte ausgestattet – und doch hat sie unser Land nachhaltig geprägt. Ihre kleine Heldin Heidi wurde weltweit zum Mythos. Zudem hat Johanna Spyri mit Heidi eine der ersten weiblichen Heldinnen der (Kinder-)Literatur geschaffen.

Weshalb kennt man Spyri jedoch kaum?
Das hat verschiedene Gründe. Einerseits hat ihre Unsichtbarkeit eher noble Gründe: ihre Figur Heidi hat sie in ihrer Bekanntheit einfach überholt, wie auch andere Figuren ihre Schöpferin oder ihren Schöpfer überstrahlt haben. Andererseits aus weniger noblen Gründen: Johanna Spyri eine Schriftstellerin, also eine Frau – und wie viele Künstlerinnen blieb sie einfach deswegen unbekannt, trotz ihres Erfolgs und ihrer Bedeutung.
Wäre sie ein männlicher Schriftsteller gewesen, dann würden wir sie heute zweifelsohne alle kennen, wie wir von männlichen Schriftstellern, Künstlern, Architekten generell mehr wissen als von ihren weiblichen Pendants – sei’s in der Schweiz oder weltweit. Drittens, und das scheint mir wichtig und das fokussiert mein Film: Johanna Spyri war eine Frau des 19. Jahrhunderts, das zwar ein zwar prägendes Jahrhundert für die moderne Schweiz war – das aber den Frauen keine individuelle Handlungsfähigkeit zugestehen wollte. Sie suchten sich deshalb neue Wege, um ihrer Sicht auf die Welt Ausdruck zu geben. In meinem Film wird man aber auch sehen, dass Spyri selber ihre Spuren verwischt hat – als Frau ihrer Zeit, und aus persönlichen Gründen.

Eine Entdeckung ihres Films ist, dass Johanna Spyri selber dafür gesorgt hat, dass wenig Persönliches von ihr bekannt wird.
Johanna Spyri war eine sehr diskrete Person. Als Frau ihrer Zeit wurde von ihr erwartet, angepasst zu sein. Sie wurde von der Gesellschaft auf die Rolle der «Hausfrau und Mutter» zurückgeworfen. Ihr Ehemann war Stadtschreiber der Stadt Zürich, dazu Chefredaktor einer Zürcher Zeitung – sie publizierte dort auch, allerdings anonym. Johanna Spyri hat einen grossen Teil ihrer persönlichen Korrespondenz verschwinden lassen. Ich habe einige ihrer Briefe finden können. Mit Zitaten aus den Briefen habe ich Animationen mit Anja Kofmel und Jotha Wüst entwickelt, welche Johanna Spyri spürbar und sichtbar machen. Mein Film ist eine Spurensuche, und auch eine Art Spurensicherung.

Was können wir von Johanna Spyris Herangehensweise heute lernen?
Kritisch gesagt könnte man sagen: wer seinen Platz nicht ausfüllt, wird von anderen verdrängt. Wenn Frauen ihren Platz nicht einnehmen, wird er von anderen besetzt. Spyri hat sich lieber entzogen, was man im Kontext ihrer Zeit durchaus verstehen kann. Heidi war, wie ich herausfand, von allem Anfang ein Erfolg – und sofort wollte man auch mehr von ihrem Privatleben wissen. Sie zögerte sehr – aus verschiedenen Gründen, die ich im Film ergründe. Was wir heute aus ihrem Umgang hiermit lernen können? Ich glaube, sie hat die Mechanismen der Publizität früh erkannt. Für unsere Zeit können wir von ihr lernen, mit den Spuren, die wir über uns und unser Privatleben hinterlassen, umsichtig umzugehen.

Eine zentrale Person in ihrem Dokumentarfilm ist der japanische Animator Yoishi Kotabe…
Ich habe Yoishi Kotabe seit 2019 mehrmals getroffen. Zum ersten Mal am Animations- filmfestival Annecy in Frankreich. Yoishi Kotabe ist Character- designer und Chefanimator der japanischen TV-Serie. Er gehört mit dem Regisseur Isao Takahata und Hayao Miyazaki zu den Erneuern des japanischen Zeichentrickfilms – und die Trickfilmserie Heidi, die sie 1974 gemeinsam gemacht haben, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Mit der TV-Serie Heidi haben sie eine völlig Herangehensweise entwickelt, was Yoishi Kotabe in «Heidis Alptraum» spannend erläutert.Danach gründeten Isao Takahata und Hayao Miyazaki das legendäre Animations- studio «Ghibli», bekannt etwa für die Filme «Mein Nachbar Tortoro» oder «Pompoko». Yoishi Kotabe ging zu Nintendo und schuf Figuren für Supermario und Pokemon. Heidi ist ein Schlüsselmoment in ihren Karrieren – und der Entwicklung des Anime.

Auf Heidi folgten im japanischen Anime auch zahlreiche weibliche Hauptfiguren.
Ich habe Yoichi Kotabe später in der Schweiz wieder getroffen. Gemeinsam mit dem Produzenten der Heidi-Serie waren wir auf der Alp oberhalb von Maienfeld, wo Johanna Spyri vor 150 Jahren auch gewesen war. Und ich war mit dem japanischen Animator auf dem Hirzel, um ihnen einen besonderen Ort zu zeigen und Spyri zu begegnen. Mit der Zeichentrickserie von 1974 haben Yoishi Kotabe, Isao Takahata und Hayao Miyazaki Heidi noch einmal zum Welterfolg gebracht.

Weshalb war Ihnen der Besuch in Hirzel wichtig?
In meiner filmischen Arbeit frage ich mich immer wieder, wie wir einem Menschen nahe kommen können. Reichen biographische Angaben? Oder begegnen wir jemanden vielmehr an den Orten, die der Person etwas bedeuten? Ich wollte Realität schaffen, also die alten Gemäuer, die Aussicht, die Wälder zeigen, die Spyri geliebt hat – und so durch die Zeiten hindurch eine Begegnung ermöglichen.

Sie arbeiten für ihren Dokumentarfilm mit Anja Kofmel zusammen…
Ja, ich habe bereits zum zweiten Mal das Privileg, mit Anja Kofmel zusammen zu arbeiten – und zum zweiten Mal zu «bekannten Unbekannten». Ich interessiere mich für soziale Bewegungen, wie etwa die Arbeiterinnenbewegung und die Frauenbewegung – wozu es aber oft keine Bilder gibt. Ich wollte Johanna Spyri unbedingt physisch spürbar machen. Die zauberhafte Arbeit von Anja Kofmel und Jotha Wüst und dem ganzen Team ist mir sehr wichtig. Denn wie viele Frauen hat Spyri die gesellschaftliche Anerkennung, den Ruhm, nicht gesucht. Es gibt kaum Bilder von ihr. Ich habe sie deshalb mittels Fiktion sichtbar machen wollen – wie es das Wort «Animation» sagt: ihre Anima wollte ich spürbar machen. Der Film ist eine Hommage an Spyri, die uns seit 150 Jahren inspiriert.

Wie haben Sie Marthe Keller gewonnen, Johanna Spyri ihre Stimme zu leihen?
Ich hatte für meinen Film von Anfang an Marthe Kellers Stimme im Ohr. Es war ein Traum. Und wie es so ist mit Träumen: man versucht sie zu realisieren. Ich habe Marthe Keller einfach kontaktiert. Sie hat mich zurückgerufen und mir erzählt, dass ihr allererstes Buch eine Geschichte von Johanna Spyri war: Rosenresli. Sie habe das Buch als Kind mindestens 10 Mal gelesen – und fühle sich deshalb mit Johanna Spyri verbunden. Dann vertraute mir Marthe Keller eine schöne Anekdote an: «Heidi» sei zudem das erste Theaterstück gewesen, das sie als Kind erlebt habe. Und Heidi sei natürlich mit Ziegen auf der Bühne gestanden und so habe sie mit ihren stolzen vier- oder fünf Jahren entschieden, dass sie auch Schauspielerin werden wolle, um ebenfalls mit kleinen Zicklein zu arbeiten…

Für die Musik haben sie auch einen Namen der Schweizer Filmmusik in der Crew: Marcel Vaid.
Ja, denn Marcel Vaid kann Räume öffnen, die vielleicht nur durch Musik und Klang geöffnet werden kann. Für mich war es sehr wichtig, sich über den Ton an Spyris Welt anzunähern, anstatt nur biographische Fakten zu dreschen und zu behaupten, genau so ist es gewesen. Ich wollte lieber einen Raum öffnen mittels Musik, wo jeder und jede sich ihr und ihrem Werk selber annähern kann. In gleicher Art wollte ich mit der Kamera arbeiten, auch durch Landschaftsaufnahmen von Spyris Heimat, für welche ich auch zum zweiten Mal mit dem Zürcher Benny Jaberg zusammen arbeite, der für seine Kameraarbeit inzwischen Preise gewonnen hat.

Der Filmtitel «Heidis Alptraum» macht hellhörig – und ist auch ein wenig provokativ. Was ist Heidis Alptraum?
Heidis Alptraum ist unser aller Alptraum: Heidi ist überall, die ganze Schweiz ist vielleicht ein Heidiland… Und gleichzeitig bedeutet sie uns nichts. Wir werden seit unserer Kindheit vom Heidi-Klischee geradezu verfolgt, Schokolade, Käse, Autobahnraststätten, das Birchermüsli im Supermarkt heisst Heidi… Aber nicht nur in der Schweiz ist Heidi omnipräsent. In Frankreich hatte McDonald’s das Heidi- Buch in den Happy Meals als Geschenk abgegeben.
Heidi ist zur weltweiten Pop- Ikone avanciert – was in ziemlichem Kontrast steht zur Geschichte selbst. Heidi ist die Geschichte eines Rückzugs in die Natur, und eines Ausbruchs aus der Gesellschaft. Heidi und ihr Grossvater leben abseits vom Dorf auf der Alp. Heidi geht nicht in die Schule, sondern lernt in der freien Natur. Das war ziemlich provokativ von Johanna Spyri selbst. Mit der Heidi-Geschichte, die 1880 in der Hochphase der Industrialisierung erscheint, wirft Spyri die Frage nach dem «guten Leben» auf, nach unserem Bezug zur und unserer Entfremdung von der Natur. Und die Message ist klar: zurück zur Natur. Und was geschieht dann mit Heidi? Sie wird nach Frankfurt gebracht, in eine wohlhabende Familie und eine Stadt, die wirtschaftlich prosperiert, wo es Heidi materiell an nichts fehlt. Doch sie wird krank. Spyri stellt die Frage nach dem, was uns glücklich macht, und was uns einengt und behindert. In ihrer eigenen Arbeit engagieren sie sich auch seit langem für die Sichtbar- machung prägender Frauen. 2012 lancierten sie die Filmreihe «Cherchez la femme» zu den Künstlerinnen Meret Oppenheim, Sophie Taeuber und anderen Pionierinnen der bildenden Kunst.

Als Direktorin der Solothurner Filmtage machten sie einen mehrjährigen Fokus zu Film- Pionierinnen und mit der Cinémathèque suisse das Projekt «Her Story Box». Inwiefern hat ihr neuer Film hiermit zu tun?
Es gibt noch enorm viele aussergewöhnliche Geschichten, Lebensläufe und Werke zu entdecken: gerade von Frauen, die entweder immer wieder vergessen gingen oder aktiv unsichtbar gemacht wurden. Sobald wir beginnen, uns zu interessieren, stossen wir auf echte Schätze, auf Persönlichkeiten, von denen wir oft nicht einmal gewusst haben.
Als ich die Werkschau des Schweizer Films leitete, gehörte es nebst der Öffnung des Festivals fürs junge Publikum und die anderen Sprachregionen zu meinen Prioritäten, die Geschichte der Filmpionierinnen aufzuarbeiten. Viele Filme der Pionierinnen waren seit langem nicht mehr verfügbar gewesen. Ich werde die Begeisterung des Publikums nie vergessen, die Begegnungen von Filmerinnen und Publikum – und ich glaube auch gehört zu haben, dass diese Öffnung der Werkschau einen neuen Schwung gegeben hat und die Zahl der Regisseurinnen, der jungen und der Westschweizer Filmschaffenden zulegte. Das freut mich sehr. In der Filmreihe «Cherchez la femme» ging es eher darum, Künstlerinnen zu zeigen, welche die Kunst des 20. Jahrhunderts geprägt haben, deren Werk aber noch nie in einem Film gezeigt worden war. Das schien mir unglaublich. Mein Dokumentarfilm zu Johanna Spyri ist offenbar auch der erste Film überhaupt, der sich der Schweizer Schriftstellerin widmet. Was mich antreibt? Ich schaffe gerne Begegnungen – mit Persönlichkeiten, die so intelligent, mutig und stilprägend waren, dass sie uns bis heute inspirieren und helfen, die Welt zu verstehen – und zu hinterfragen. Nehmen wir zum Beispiel den Bechdel-Test, der von einer Amerikanerin in den 1980er Jahren zur Messung der Repräsentation von Frauen im Film zu prüfen. Johanna Spyri hätte den Bechdel-Test schon vor 150 Jahren bestanden! In allen ihren 50 Erzählungen schuf sie selbstbestimmte Frauen- und Mädchenfiguren. Aber auch in bezüglich Inklusion, Diversität und in der Thematisierung von Armut hat Johanna Spyri, obwohl sie aus einem sehr konservativen und religiösen Umfeld stammte, Pionierinnen- arbeit geleistet. Lange vor Freud hat sie auch über das Trauma geschrieben. Ihre Sprache mag heute manchmal etwas ältlich klingen. Ihre Geschichten und deren Dramaturgie sind starker Stoff. Auch deshalb wollte ich diesen Film machen: um den Blick auf Spyris Werk frei zu legen. Und um ihr zu danken – für ihre kleine unangepasste Heldin Heidi, die vielen von uns – in der Schweiz und weltweit – Werte vorgelebt hat, die für brave Mädchen nicht vorgesehen waren. Und auch Peter ist kein Sonntagsschüler. Spyri war mutig und modern, allem Kitsch zum Trotz.

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