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Ammonite

Eine zarte Liebesgeschichte in rauer Landschaft.

So präzise und vorsichtig, wie die von Kate Winslet verkörperte Wissenschaftlerin ihre an einem Strand im südwestenglischen Dorset gesammelten versteinerten Fossilien abträgt, so behutsam wächst auch die Leidenschaft zwischen ihrer Figur und der von Saoirse Ronan gespielten jungen Ehefrau.

Rezension
Ja, so kann man sie sich vorstellen: Mary Anning (1799–1849), diese Pionierin der Paläontologie, wie sie im bauschigen Biedermeier-Kleid unter dunklen Wolken die Küste beim südenglischen Lyme entlangstapft und nach hoher Flut im lehmigen Sandstein mit blossen Händen nach Fossilien sucht. Bereits mit zwölf machte Mary einen bedeutenden Fund: einen Fischsaurier, der es ins British Museum schaffte, während ihr selbst erst spät Anerkennung zuteilwurde. Kate Winslet gibt die Selfmade-Forscherin in «Ammonite» als einsilbige, burschikose Frau, die sich in ein einsames Leben mit ihrer Mutter einkapselt. Bis eines Tages die fragile Charlotte (Saoirse Ronan) auftaucht und in Marys versteinerte Miene feine Bewegung bringt. Regisseur Francis Lee spricht von «intensiven Parallelen» zwischen seinem Leben und dem von Anning, die sich in ihrer Zeit ähnlich wehrhaft behaupten musste. Lee schlug sich als Schauspieler mit kleinen Rollen durch, bis er mit einem späten Regiedebüt Erfolge feierte: Mit «God’s Own Country» (2017) erzählte der 51-jährige Lee eine autobiografisch inspirierte Liebe zwischen zwei Männern, die sich auf einem Bauernhof in Yorkshire näherkommen. Wie in jener eher rohen Inszenierung sind auch in «Ammonite» die Dialoge rar, dafür bringen uns viele Close-ups immer wieder in schwindelerregende Nähe zu den Figuren, deren Gefühle in zwei Sexszenen richtiggehend explodieren. Die intimen Begegnungen sollen Ronan und Winslet – die übrigens ihren Durchbruch mit dem Lesbenklassiker «Heavenly Creatures» (1994) machte – selbst choreografiert haben. Der Kontroverse um den Film, ausgelöst durch Nachkommen der Familie, die sich dagegen verwehrten, ihre Ahnin lesbisch zu «labeln», hielt Lee entgegen, dass viel zu oft queere Geschichte in unserer Kultur «heterosexualisiert» werde und es deshalb auch möglich sein solle, eine Figur – von deren Sexualleben man letztlich nichts wisse – lesbisch zu interpretieren. Aus «God’s Own Country» übernahm Lee sowohl Gemma Jones als Marys mauserige Mutter im weissen Spitzenhäubchen als auch Alec Secareanu in der Rolle des adretten Arztes. Im Herbst soll übrigens gleich noch ein Film über die vergessene Fossilienforscherin erscheinen: Sharon Sheehans Zweiteiler «Mary Anning & the Dinosaur Hunters». Doris Senn

Zum Film
England Mitte des 19. Jahrhunderts: Resigniert von der männlich-dominierten Wissenschaftswelt Londons, hat sich die einst gefeierte Paläontologin Mary (Kate Winslet) in ein Provinznest an der Küste im Südwesten Englands zurückgezogen. Dort hält sie sich und ihre von Krankheit gezeichnete Mutter (Gemma Jones) mühsam mit dem Verkauf von Fossilien an Touristen über Wasser. Deshalb kann Mary auch das lukrative Angebot eines wohlhabenden Kunden keinesfalls ausschlagen, der ihr seine schwermütige junge Ehefrau Charlotte (Saoirse Ronan) zur Erholung in Obhut geben will, um seine Europareise ungestört fortsetzen zu können. Mary begegnet ihrem ungewollten Gast zunächst kühl und abweisend, bis Charlotte schwer erkrankt und Marys volle Aufmerksamkeit erfordert. Einhergehend mit Charlottes Genesung gewinnt auch Mary langsam die Lebensfreude zurück, und ihre schroffe Fassade beginnt zu bröckeln. Aus den für beide unerwarteten Glücksgefühlen entwickelt sich bald leidenschaftliche Begierde, die alle gesellschaftlichen Konventionen ins Wanken bringt und den Lebensweg beider Frauen unwiderruflich verändern wird. (Synopsis)

Weitere Stimmen
«Eine von Winslets besten Darstellungen – zurückhaltend und stark zugleich.» – Caryn James, BBC.com | «‹Ammonite› ist eine leidenschaftliche Liebesgeschichte, die von der salzigen Seeluft und der glückseligen Abwesenheit von Männern genährt wird. Und es ist auch eine scharfe Reflexion darüber, wie die künstlerischen, wissenschaftlichen und intellektuellen Beiträge von Frauen systematisch aus der Geschichte herausgeschrieben wurden.» – Justin Chang, LA Times | «Ein brillanter, intimer und erstklassig gespielter Film über eine verbotene Liebe.[…] Eine Liebesgeschichte wie ein wertvolles Artefakt: aufregend, romantisch, erotisch.» – Peter Bradshaw, Guardian | «Wie seine gewundene Muschel-Muse findet ‹Ammonite› seine Schönheit im Ganzen, nicht in den Teilen.» – Leah Greenblatt, Entertainment Weekly | «Tief emotional, aber selten sentimental, wird [der Film] von einem Regisseur inszeniert, der entschlossen ist, jeden Moment des Schmerzes oder Vergnügens mit exquisiter Zurückhaltung spielen zu lassen.» – Steve Pound, The Wrap

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