Mit ihrem Dokumentarfilm SONDERFALL begeben sich die beiden Regisseure Stéphane Goël und Mehdi Atmani auf eine ebenso persönliche wie politische Spurensuche. Ausgangspunkt ist die wohl berühmteste Eigenschaft der Schweiz: ihre Neutralität. Doch was bedeutet dieser Begriff heute überhaupt noch? Ist Neutralität eine politische Haltung, ein historisches Konstrukt oder längst Teil einer nationalen Selbstinszenierung geworden?
SONDERFALL
Ein Film über die Schweiz, ihre Mythen und die Frage, wie neutral ein Land in einer zunehmend polarisierten Welt überhaupt noch sein kann.
SONDERFALL | SYNOPSIS
Ausgehend von ihren sehr unterschiedlichen familiären und kulturellen Hintergründen treffen Stéphane Goël und Mehdi Atmani Menschen verschiedenster Herkunft und Weltanschauung. Dabei entsteht ein vielschichtiges Bild eines Landes zwischen Tradition, Selbstverständnis und politischer Realität. Mit Humor, Selbstironie und persönlicher Offenheit reflektiert SONDERFALL über nationale Identität, Zugehörigkeit und die Frage, was die Schweiz heute eigentlich zusammenhält.
SONDERFALL – EN TERRAIN NEUTRE | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Geri Krebs
Ein dokumentarisches Roadmovie begibt sich auf die Suche nach der Schweizer Neutralität – und trifft dabei auf einen Mythos voller Widersprüche, Projektionen und politischer Interessen. Am kommenden 27. September stimmt das Schweizer Stimmvolk voraussichtlich über die sogenannte Neutralitätsinitiative ab, ein von Christoph Blocher initiiertes Volksbegehren, das eine sehr eng gefasste Definition der Neutralität in der Verfassung festschreiben will. Das dokumentarische Roadmovie des Westschweizer Regieduos Stéphane Goël und Mehdi Atmani zielt, ohne dies explizit zu benennen, klar auf diesen Abstimmungstermin hin – und legt eine Art ironisches, reich bebildertes Abstimmungsbüchlein vor.
Auf der Suche nach einem Schweizer Mythos
Stéphane Goël ist 60 Jahre alt, Sohn Waadtländer Bauern, seit fast vierzig Jahren als Dokumentarfilmer unterwegs und gehört zu den erfolgreichsten Cineasten der Romandie. Mehdi Atmani, Sohn eines in die Schweiz emigrierten algerischen Fischers, halb so alt wie Goël, ist Journalist und hat zuvor noch nie einen Film realisiert. Zusammen reist das ungleiche Gespann auf der Suche nach der Schweizer Neutralität durch unser Land, durch die Welt und durch die Zeit – immer auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, was Neutralität eigentlich sein könnte. In klarer Rollenverteilung – Goël filmt und spricht meist auch die Kommentare, Atmani gibt den Interviewer und erscheint häufig selbst im Bild – startet der Trip in der Lombardei, am Ort der Schlacht von Marignano im Jahr 1515, der angeblichen Geburtsstätte der Schweizer Neutralität. Danach geht es weiter ins Gotthardgebiet, ins ehemalige Réduit, wo ein Investor den kürzlichen Bankrott seines in einer ehemaligen Festung gelegenen Hotels beklagt. Anschliessend besucht man einen Truppenübungsplatz im jurassischen Bure, wo – zeitgeistig korrekt – eine Frau das Kommando innehat.
Unfreiwillig humoristische Note
Später trifft man auf die Initiant der 2024 eingereichten Neutralitätsinitiative, verweilt bei der Eurosatory-Waffenmesse in Paris und besucht den temporär von der Schweiz mit Bundesrat Cassis präsidierten UN-Sicherheitsrat in New York. Dort erhält die Reise kurz eine unfreiwillig humoristische Note, als man – seit langer Zeit wieder einmal – Nicolas Bideau erlebt, den einstigen, glücklosen Chef der Sektion Film im Bundesamt für Kultur zwischen 2005 und 2010 und heutigen Kommunikationschef von Cassis. In dieser Funktion darf Schauspielersohn Bideau nun vorgestanzte Diplomatenfloskeln vortragen. Noch mehr Komik erreicht der Film später bei einem Halt an der innerkoreanischen Demarkationslinie. Dort unterhält die Schweiz seit 1953 eine Mission zur Überwachung des Waffenstillstands. Ein Schweizer Militär, der einzige mit Generalsrang, darf vorschriftsgemäss die Antworten auf die Interviewfragen nur von einem Blatt ablesen. Zunehmend ratlos treffen Goël und Atmani schliesslich in Zug den Unternehmer und Milliardär Fredy Gantner – wobei natürlich, samt bissigem Kommentar, die Szene mit den Goldbarren und der Rolex bei Donald Trump nicht fehlen darf. Überleitend zu putzigen Bildern der Zuger Altstadt geht es schliesslich bruchlos zur Swiss Miniature in Melide – jener Szene, die auch das Filmplakat ziert.
Zwischen Ironie und Aktivismus
In durchwegs ironischem Ton und mit stets dynamischem Rhythmus hakt der Film auf dieser Weltreise noch zahlreiche weitere Stationen ab. Das besitzt durchaus Unterhaltungswert, wirkt aber oft auch ziemlich vorhersehbar. Häufig weiss man bereits im Voraus, worauf einzelne Szenen hinauslaufen. So etwa bei einer Versammlung von Befürwortenden der Neutralitätsinitiative, die beinahe ausschliesslich als Karikaturen erscheinen, oder bei der Szene im UN-Sicherheitsrat, in der der palästinensische Vertretende während zwei Minuten sprechen darf, die anschliessende Replik des Israelis jedoch bereits nach wenigen Sekunden ausgeblendet wird. Wäre da nicht gelegentlich der Historiker Sacha Zala, Professor an der Universität Bern und einer der profundesten Kenner der Geschichte der Schweizer Diplomatie, der im Film wiederholt versucht, die Komplexität der Materie einzuordnen: Dieser SONDERFALL wäre wohl ein klar aktivistisches Pamphlet geworden – wie man es aus der filmisch durchaus gelungenen «Küche» von Stéphane Goël bereits mehrfach kennt. Sei dies Revolutionsromantik (QUÉ VIVA MAURICE DEMIERRE, 2006), Klimabewegung (CITOYEN NOBEL, 2020; ÉTAT DE NÉCESSITÉ, 2022) oder der Jahrestag der Einführung des Frauenstimmrechts (DE LA CUISINE AU PARLEMENT: EDITION 2021).
Fazit
Ein kurzweiliger, durchwegs unterhaltsamer und stellenweise durchaus witziger Tour d’Horizon auf der Suche nach einem letztlich unfassbaren, uralten Mythos der Schweiz. Zwar verweilt der Film am Ende bewusst bei der Unfassbarkeit und Ratlosigkeit rund um den Begriff der Neutralität, doch mit etwas weniger aktivistischer Zuspitzung würde SONDERFALL – EN TERRAIN NEUTRE letztlich noch stärker wirken.

