Die Mitglieder von Muralim haben sich während ihres Studiums an der Zürcher Hochschule der Künste kennengelernt und wurden bereits kurz darauf in die Reihe «Best of Swiss Jazz Bachelors» aufgenommen. Ausgangspunkt der Musik von Muralim sind die Kompositionen des Saxophonisten Mauro Reimann, die beim gemeinsamen Jammen durch die Ideen und Einflüsse der ganzen Band weiterwachsen. arttv.ch hat den Bandleader zum Interview getroffen und mit ihm über die Entstehung des Quartetts, musikalische Vorbilder und einen Jazz gesprochen, der prägnante Grooves mit melodischer Leichtigkeit und Raffinesse verbindet.
Suisse Jazz: Muralim
Eingängige Melodien, raffinierte Arrangements und ansteckende Spielfreude prägen den eigenständigen Jazzsound der Band.
INTERVIEW MIT MAURO REIMANN
Felix Schenker: Ihr habt euch während des Studiums an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) kennengelernt. Wann habt ihr gemerkt, dass aus einem Hochschulprojekt eine langfristige Band werden könnte?
Mauro Reimann: Wir durften eine kleine Tour machen. Unser Projekt wurde als eines der besten Abschlussprojekte ausgezeichnet, und wir konnten an allen Schweizer Jazzhochschulen Konzerte spielen. Wir waren etwa eine Woche gemeinsam unterwegs, und das hat uns richtig zusammengeschweisst. Von da an wussten wir, dass wir weitermachen wollen.
Mauro, du bringst die Kompositionen mit, anschliessend werden sie gemeinsam weiterentwickelt. Wie stark kann sich ein Stück während dieses Prozesses noch verändern?
Das ist sehr unterschiedlich. Gewisse Stücke haben sich nur wenig verändert, weil ich von Beginn an sehr klare Vorstellungen hatte. Andere Stücke waren zunächst eher eine Idee, die wir dann gemeinsam ausgearbeitet haben. Manche haben sich auch im letzten Jahr noch sehr stark verändert. Es kommt sehr auf das jeweilige Stück an.
Wie regelt ihr dabei die Rechte an den Kompositionen?
Die meisten Stücke liegen bei mir, weil ich sie komponiert und bereits ziemlich weit ausarrangiert habe. Bei gewissen Stücken werden die Rechte aber auch aufgeteilt, etwa wenn jemand eine Idee für einen bestimmten Teil eingebracht hat. Die Grundidee stammt meistens von mir, die gemeinsame Erarbeitung wird jedoch ebenfalls berücksichtigt und entsprechend aufgeteilt.
Was muss eine Komposition mitbringen, damit sie genügend Orientierung bietet und zugleich Raum für die Persönlichkeiten aller fünf Musiker lässt?
Genau das ist mein Ziel: Stücke zu schreiben, die Spielraum lassen und trotzdem eine klare Richtung vorgeben. Für mich war das ein Lernprozess. Ich musste herausfinden, was und wie viel die Band braucht.
Ein wichtiger Schlüssel ist auch, dass ich die Musiker für die Band ausgewählt habe. Ich weiss, dass sie die Musik so spielen, wie ich sie mir vorstelle. Wir haben ähnliche Vorstellungen davon, was uns musikalisch gefällt. Deshalb ist es am Ende gar nicht so schwierig. Aber auch das hat sich über die Jahre entwickelt.
Ist es Zufall, dass die Band nur aus Männern besteht?
Es ist einerseits Zufall, andererseits spiegelt es auch die Geschlechterverteilung an den Jazzhochschulen wider. Ich hatte ursprünglich auch Frauen angefragt, die aber entweder nicht konnten oder nicht wollten. Letztlich habe ich Menschen gefragt, mit denen ich studiert und mich gut verstanden habe. Wenn jedoch 90 Prozent oder mehr der Jazzstudierenden Männer sind, ist es nicht ganz zufällig, dass sich daraus eine reine Männerband ergibt. Es war aber keine bewusste Entscheidung.
Waren alle sofort von der Bandidee begeistert, oder musstest du Überzeugungsarbeit leisten?
Ich glaube, alle waren von Anfang an dabei. Es sind auch Freunde von mir, deshalb war ziemlich schnell klar, dass wir das gemeinsam machen wollen.
Eure Musik verbindet eingängige Melodien mit komplexeren Strukturen und ausgeprägten Grooves. Ist diese unmittelbare Zugänglichkeit bewusst gesucht, oder entsteht sie intuitiv?
Ich glaube, sie ist sowohl intuitiv als auch bewusst gesucht. Es ist die Musik, die ich selbst gerne höre. Wenn ich an einem Konzert bin, liebe ich es, einerseits überrascht und herausgefordert zu werden. Andererseits möchte ich etwas mit nach Hause nehmen, etwa eine Melodie, die mir noch länger nachläuft.
Das ist mein Ziel und deshalb auch die Musik, die ich schreibe. Ob sie tatsächlich so wirkt, müssen am Ende die Zuhörer:innen entscheiden.
Eure Musik ist stark konstruiert und entwickelt sich gleichzeitig im Moment. Hast du bei einem Auftritt unter ungewohnten Bedingungen, etwa hier auf der Terrasse, keine Angst, dass das nicht funktioniert?
Nein. Wir haben mittlerweile schon sehr viele unterschiedliche Situationen erlebt. Dadurch entsteht Vertrauen. Mit dieser Gruppe habe ich keine Angst, weil wir bereits unter den verschiedensten Bedingungen gespielt haben und uns gegenseitig helfen können.
Das ist auch etwas, das man im Jazz lernt: im Moment Entscheidungen zu treffen und aufeinander zu reagieren.
Welche neuen musikalischen Möglichkeiten haben sich durch Tim Bonds Einsatz von Synthesizern neben dem akustischen Klavier eröffnet?
Ich habe Tim auch deshalb ausgewählt, weil er sich in vielen verschiedenen musikalischen Welten wohlfühlt und beispielsweise viel Erfahrung mit Pop und Synthesizern hat. Ich wusste, dass er diese Elemente einbringen würde. Das öffnet natürlich viele neue Türen.
Es gibt auch Momente, in denen es zu viel wird. Dann sagen wir: Vielleicht hier etwas weniger. Ob er Piano oder Synthesizer spielt, überlasse ich meistens ihm. Er entscheidet, was an der jeweiligen Stelle besser passt.
Seit dem Beginn eurer Formation und eurer ersten LP habt ihr intensiv als Band gearbeitet. Worin hört ihr selbst die grösste Entwicklung?
Wir haben einen eigenen Bandsound entwickelt. Oft sind es kleine Details, die eine Band zuerst finden muss. Bei uns begleiten beispielsweise sowohl die Gitarre als auch das Klavier. Am Anfang mussten wir herausfinden, in welchem Spektrum sich beide bewegen, damit sie nicht gegeneinander, sondern miteinander spielen.
Auch das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug hat sich stark entwickelt. Es sind diese kleinen Dinge und die letzten paar Prozente, die sich erst ergeben, wenn man immer wieder miteinander spielt.
Ihr wart inzwischen mehrfach in Deutschland auf Tournee. Reagiert das Publikum dort anders auf eure Musik als in der Schweiz?
Man kann das natürlich nicht verallgemeinern, aber mein Eindruck ist, dass das Publikum in Deutschland etwas offener ist. Dort kennt uns kaum jemand, und trotzdem kamen bisher zu allen Konzerten viele Menschen, die uns einfach eine Chance gaben und offen für etwas Neues waren. Das finde ich sehr schön.
In der Schweiz geht man vielleicht eher an Konzerte von Künstler:innen, die man bereits kennt, und ist bei neuen Sachen etwas vorsichtiger. In Deutschland spürt man oft, dass die Menschen einen sehr offen und herzlich empfangen.
Eure Musik lebt stark vom gemeinsamen Moment. Was kann bei einem Konzert geschehen, das sich im Studio nicht herstellen lässt?
Der grösste Unterschied zwischen Studio und Livekonzert liegt für uns in der Länge und Offenheit der Stücke. Im Studio versuchen wir, die Kompositionen zeitlich etwas kompakter zu halten. Dann machen wir beispielsweise nur ein kurzes Solo und gehen direkt weiter.
Live ist alles offen. Dasselbe Stück dauert manchmal vier und manchmal acht Minuten. Wenn wir gemeinsam einen besonderen Moment spüren, spielen wir ihn länger aus. Das ist das Schöne an einem Livekonzert.
Habt ihr dafür bestimmte Codes oder Zeichen?
Mittlerweile reichen meistens Blicke. Wir schauen uns an und wissen, ob wir weiterspielen oder zum nächsten Teil übergehen. Meistens sind wir uns dabei einig und spüren gleichzeitig, wann der richtige Moment gekommen ist.
Vielen Dank für das Gespräch
Fünf Stimmen, ein gemeinsamer Klang
Zur Band gehören Mauro Reimann am Saxophon, Joachim Frey an der Gitarre, Tim Bond an Klavier und Synthesizern, Elias Kirchgraber am Bass und Martin Maron am Schlagzeug. Was zunächst als Zusammenarbeit junger Musiker begann, entwickelte sich zu einer festen Formation mit einem zunehmend eigenständigen Klangbild.
Obwohl die kompositorischen Grundlagen hauptsächlich von Mauro Reimann stammen, versteht sich Muralim nicht als Begleitband eines einzelnen Bandleaders. Die Stücke werden im Proberaum gemeinsam geprüft, geöffnet und verändert. Jede Stimme trägt dazu bei, wie sich ein Motiv entfaltet, ein Rhythmus verschiebt oder eine Passage an Spannung gewinnt.
Die Musik bewegt sich damit in einem offenen Feld zwischen Contemporary Jazz, Fusion und Jazzfunk. Klare melodische Linien treffen auf komplexere rhythmische Strukturen, elektronische Klangfarben auf das direkte Zusammenspiel einer klassischen Jazzformation. Entscheidend ist dabei weniger die eindeutige Zuordnung zu einem Genre als die Energie, die zwischen den fünf Musikern entsteht.
Zwischen Präzision und Freiheit
Muralim arbeitet mit klar erkennbaren Kompositionen, lässt den Stücken jedoch genügend Raum, um sich auf der Bühne weiterzuentwickeln. Improvisation erscheint dabei nicht bloss als Abfolge einzelner Soli. Sie ist Teil eines kollektiven Prozesses, bei dem die Musiker aufeinander reagieren und den Verlauf eines Stücks immer wieder neu bestimmen.
Gerade dieses Wechselspiel prägt die Konzerte der Band. Ein Thema kann sich verdichten, auseinanderfallen oder von einem unerwarteten Groove in eine neue Richtung getragen werden. Die Musik bleibt strukturiert, wirkt aber nie festgeschrieben.
Dadurch entsteht ein Jazz, der musikalische Raffinesse nicht als Selbstzweck versteht. Die Komplexität ist vorhanden, drängt sich jedoch nicht in den Vordergrund. Stattdessen setzt Muralim auf Spielfreude, Bewegung und einen direkten Zugang zum Publikum.
Erste Veröffentlichungen
Im Dezember 2023 veröffentlichte die Band ihre erste, selbstbetitelte EP. Die sechs Stücke «acho», «corn da tinizong», «nachtwach», «delta», «empty» und «pluto» erschienen digital sowie in einer auf 50 Exemplare begrenzten Vinylauflage.
Die Aufnahme dokumentiert eine Band, die bereits damals auf ein geschlossenes Zusammenspiel setzte. Saxophon, Gitarre und Tasteninstrumente bilden darin ein bewegliches Klanggeflecht, während Bass und Schlagzeug für rhythmischen Druck und Stabilität sorgen.
Im Oktober 2025 folgte mit «pony» die nächste Veröffentlichung. Das neue Material führte Muralim auch über die Schweizer Landesgrenzen hinaus. Auf zwei Deutschlandtourneen präsentierte das Quintett seine Musik unter anderem einem Publikum in Leipzig und Troisdorf.
Von Zürich nach St. Moritz
Trotz wachsender Konzerttätigkeit bleibt die Band eng mit der Zürcher Jazzszene verbunden. Ende 2025 war Muralim im Moods zu Gast, einem wichtigen Schweizer Spielort für zeitgenössischen Jazz.
Im Juli 2026 folgte der Auftritt am Festival da Jazz in St. Moritz. Das Festival bringt internationale Namen mit ausgewählten Schweizer Formationen zusammen und setzt dabei auf unmittelbare Konzerterlebnisse in teilweise ungewöhnlich intimen Räumen.
Für Muralim bietet ein solcher Rahmen die Möglichkeit, genau jene Qualitäten auszuspielen, von denen ihre Musik lebt: Aufmerksamkeit, Kommunikation und die Bereitschaft, einen einmal eingeschlagenen Weg im entscheidenden Moment wieder zu verlassen.
Muralim versteht Jazz nicht als abgeschlossenes musikalisches Vokabular, sondern als gemeinsame Arbeitsweise. Die Komposition bildet den Ausgangspunkt. Was daraus entsteht, entscheidet sich im Zusammenspiel.