Jazzpianist und Klangforscher Marc Méan erforscht in seinem aktuellen Projekt «L’orgue comme voyage de découverte» Orgelinstrumente ausserhalb ihres liturgischen Kontexts auf organische Weise: Drei Orgeln – darunter jene des Krematoriums Sihlfeld – hat er im vergangenen Herbst aufgenommen und zu neuen Kompositionen weiterentwickelt. Sein spielerischer Ansatz folgt klaren, selbst gesetzten Strukturen und verbindet Experiment mit Präzision. Die Förderung der SUISA Foundation ermöglicht ihm, diese Forschung weiter auszubauen. Zentral dafür ist auch sein Studio in der Zentralwäscherei in Zürich, wo er die kreative Nähe zu anderen Kunst- und Kulturschaffenden schätzt.
MARC MÉAN: Klangräume zwischen Ritual und Experiment
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Marc Méan entwickelt eine Klangsprache jenseits des Sakralen – mit Orgeln, Elektronik und ortsspezifischer Resonanz
Die Orgel neu hören
Die Orgel ist aufgeladen mit Geschichte, Ritual und Erwartung. Ausgehend von den Improvisationen seines Albums Rituals, das in einer Kirche in Lausanne entstand, verlagert er seine Arbeit an die Orgeln des Friedhof Sihlfeld. Ein Ort, an dem Instrumente, Architektur und Themen wie Leben, Tod und Erinnerung untrennbar miteinander verbunden sind. Diese Konstellation ist kein Hintergrund, sondern Teil der Musik. Die Orgel wird nicht als sakrales Monument verstanden, sondern als offenes Klangfeld – resonant, körperlich, wandelbar.
Improvisation trifft Elektronik
Vor Ort entwickelt Méan ein Live-Set, in dem Orgelklänge mit granularer Synthese, Loops und elektronischer Bearbeitung verflochten werden. Die Musik bleibt improvisiert, reagiert auf Raum und Instrument, vermeidet aber bewusst den Weg in klassische oder rein religiöse Kontexte. Stattdessen entsteht eine zeitgenössische Klangsprache, die Jazz-Haltung, elektronische Verfahren und ortsspezifische Resonanz zusammenführt. Die Orgel wird zum Partner im Dialog: mal massiv, mal fragil, mal flüchtig. Elektronik dient nicht der Verdeckung, sondern der Öffnung – als Mittel, um das Instrument aus seiner Schwere zu lösen und neue Beweglichkeit zu gewinnen.
Bündelung und Ausblick
«Get Going!» ermöglicht Marc Méan, die bislang verstreuten Experimente zu bündeln, ihnen eine performative Form zu geben und die Grundlage für ein neues Soloalbum zu schaffen. Es geht um Verdichtung: aus Skizzen werden Set-Strukturen, aus Momenten ein zusammenhängender Weg. Die Jury bezeichnete das Vorhaben als spannendes Projekt mit starker Musik und würdigte insbesondere die konsequente Vertiefung bestehender Arbeiten. L’orgue comme voyage de découverte zeigt einen Jazzpianisten auf ungewohnten, experimentellen Pfaden – und die Orgel als Instrument, das mehr ist als Tradition: als Reisemittel durch Klang, Raum und Erinnerung.