Nicht Zürich, Basel oder Luzern und in der Regel auch nicht der Urner Hauptort Altdorf, sondern das kleine Dorf Amsteg: Christof Hirtler setzt mit seiner Kulturreihe «Amstäg!» seit 2019 konsequent auf Veranstaltungen ausserhalb der kulturellen Zentren. Was klein begann, hat sich zu einer bemerkenswerten Reihe entwickelt, in der Volkskultur ebenso selbstverständlich ihren Platz findet wie Literatur, experimentelle Klänge oder musikalische Spurensuchen. Das Herbstprogramm 2026 klingt «amächelig».
KULTUR, WO MAN SIE NICHT ERWARTET
Seit 2019 bringt Christof Hirtler mit «Amstäg!» Literatur und Musik dorthin, wo Kulturveranstaltungen keine Selbstverständlichkeit sind.
AMSTÄG! | Herbst/Winter 2026
20. September 2026, 19.00 Uhr
Arlette Wismer & Co.
Pfarrkirche Amsteg
7. November 2026, 20.00 Uhr
Jodlerklub Wattwil & Jodelchörli Hüsliberg
Pfarrkirche Amsteg
26. November 2026, 19.00 Uhr
Pirmin Bossart, Lesung | Cyrill Schläpfer, Töne
Kantonsbibliothek Uri
Eintritt frei
27. Dezember 2026, 20.00 Uhr
Kasi-Geisser-Abend
Restaurant Grund, Amsteg
Organisation und Programmierung:
Christof Hirtler | bildfluss-Verlag, Altdorf
(Den Auftakt machte am 15. August 2026 das Hackbrettduo Kellerheims)
Kultur braucht nicht zwingend ein Kulturhaus
Wer Kultur veranstaltet, denkt häufig zuerst an die grossen Städte, etablierte Bühnen und ein Publikum, das ohnehin schon da ist. Christof Hirtler geht den umgekehrten Weg. Er bringt die Kultur zu den Menschen – und setzt dabei bewusst auf einen Ort, der selbst Teil des Erlebnisses wird. 2019 gründete der Fotograf, Autor, Journalist und Verleger die Reihe «Amstäg! Literatur & Musik». Die ersten Veranstaltungen fanden im traditionsreichen Hotel Stern & Post in Amsteg statt. Später wurde auch das Kraftwerk Amsteg zum Kulturort, heute bespielt die Reihe unterschiedliche Schauplätze im Dorf. Damit verändert sich auch die Wahrnehmung eines Ortes. Eine Pfarrkirche wird zum Konzertsaal, ein Restaurant zum Treffpunkt für Volksmusik und - wenn es dann doch mal in Altdorf stattfindet - die Kantonsbibliothek zum Raum für eine akustische Reise in eine mexikanische Geisterstadt.
arttv.ch war schon 2019 dabei
Bereits im Gründungsjahr besuchte arttv.ch «Amstäg!» mit der Kamera. Damals war schnell klar, weshalb diese Initiative mehr ist als eine weitere Veranstaltungsreihe. Ein altes Hotel abseits der Zentren mit Kultur zu bespielen, Menschen dazu zu bringen, sich auf den Weg zu machen und gemeinsam einen Abend zu erleben – darin lag schon damals etwas ausgesprochen Zeitgemässes. Sieben Jahre später hat diese Idee nichts von ihrer Aktualität verloren. In einer Kulturlandschaft, in der Angebote und Aufmerksamkeit zunehmend in den urbanen Zentren konzentriert werden, bekommen Initiativen wie jene von Christof Hirtler zusätzliches Gewicht. Dabei geht es ihm glücklicherweise nicht darum, städtischen Kulturbetrieb im Kleinen nachzubauen. «Amstäg!» schöpft vielmehr aus dem Ort, der Region und ihren Verbindungen nach aussen.
Vom Hackbrett bis zum mexikanischen Klangarchiv
Das aktuelle Programm zeigt, wie vielfältig musikalische Tradition präsentiert werdem kann. Den Auftakt machte am 15. August das Hackbrettduo Kellerheims mit Hanna Keller und Alessia Heim, ergänzt durch Curdin Mock am Bass. Ihr Repertoire führt über die traditionelle Volksmusik hinaus und verbindet das Hackbrett mit Filmmusik, Rock und Pop. Am 20. September steht mit Arlette Wismer & Co. eine der profilierten jungen Stimmen der Schweizer Jodelszene in der Pfarrkirche Amsteg. Gemeinsam mit Musikerinnen an Violine, Akkordeon und Kontrabass verbindet Wismer Jodel, Naturjutz und Instrumentalmusik zu einem Programm, das Tradition nicht als museales Erbe praktiziert, sondern in eine lebendige musikalische Sprache überführt. Am 7. November folgen mit dem Jodlerklub Wattwil und dem Jodelchörli Hüsliberg zwei Formationen aus dem Toggenburg. Beide pflegen den Naturjodel, setzen dabei aber unterschiedliche Akzente. Das Hüsliberger Stegreiflied steht für eine musikalische Tradition, die ohne Noten auskommt und unmittelbar aus dem gemeinsamen Musizieren entsteht.
Von Uri bis Real de Catorce
Besonders schön zeigt sich Hirtlers weiter Kulturbegriff am 26. November. In Zusammenarbeit mit der Kantonsbibliothek Uri liest Pirmin Bossart aus dem neuen bildfluss-Band IM VERBORGENEN – REPORTAGEN AUS DER INNERSCHWEIZ. Im Zentrum steht der Musiker, Produzent und Klangforscher Cyrill Schläpfer, der mit UR-MUSIG Anfang der 1990er-Jahre schweizweit bekannt wurde. Seit Jahrzehnten sammelt Schläpfer Klänge und Geräusche – unter anderem in Real de Catorce, einer verlassenen ehemaligen Silberminenstadt auf fast 3000 Metern Höhe in der mexikanischen Sierra Madre Oriental. Bossarts Text und Schläpfers Field Recordings verbinden sich an diesem Abend zu einer akustischen Reportage, die von der Innerschweiz weit hinaus in die Welt führt.
Ein grosser Musiker zum Jahresabschluss
Den Schlusspunkt setzt am 27. Dezember ein Abend im Restaurant Grund, der Kasi Geisser gewidmet ist. Der 1899 geborene Klarinettist und Komponist zählt zu den prägenden Persönlichkeiten der Schweizer Ländlermusik. Mehr als tausend Kompositionen werden ihm zugeschrieben, sein technisch anspruchsvolles Spiel beeinflusste Generationen von Musiker. Mit Dani Häusler und Patrick Stalder an den Klarinetten, Simon Lüthi und Fabio Stalder an Akkordeon und Schwyzerörgeli sowie Peter Holdener am Kontrabass steht ein Ensemble auf der Bühne, das Geissers musikalisches Erbe hörbar macht.
Die Kunst, Menschen auf den Weg zu bringen
Christof Hirtler wartet nicht darauf, dass Kulturpublikum zufällig vorbeikommt. Er gibt ihm einen Grund, sich auf den Weg zu machen. Nach Amsteg, in eine Kirche, eine Bibliothek, ein Restaurant oder einst in ein altes Hotel und ein Kraftwerk. Dorthin, wo ein Konzert oder eine Lesung noch Ereignis sein kann und wo Begegnungen entstehen, die in der Routine eines grossen Kulturbetriebs manchmal verloren gehen. «Amstäg!» zeigt damit seit 2019, die Qualität einer Kulturveranstaltung hängt nicht von der Grösse eines Ortes ab. Und schon gar nicht von seiner Postleitzahl.