Am 22. Juni 1476 verloren rund 10’000 Menschen an einem einzigen Tag ihr Leben. «Murten ausgeschlachtet. Ein Sieg wird in Szene gesetzt» zeigt, dass Darstellungen von Krieg und Kampf oft mehr über die Zeit ihrer Entstehung als über das historische Geschehen selbst vermitteln. Wer erzählt Geschichte, zu welchem Zweck, und wem nützen Inszenierungen von Krieg? Die Ausstellung zeigt erstmals seit der Expo.02 einen Teil des monumentalen Murtenpanoramas von 1894 – heute auch als weltweit grösstes Digitalbild eines Einzelobjekts.
«Murten, ausgeschlachtet.» Wie aus einer Schlacht ein Spektakel wurde
- Publiziert am 12. Mai 2026
Das Bernische Historische Museum beleuchtet ein Ereignis, das tief im kollektiven Gedächtnis der Schweiz verankert ist.
Das Mittelalter nahtnah erleben
Nebst Führungen und vielseitigen Angeboten für Gruppen und Familien bietet das Rahmenprogramm im Sommer einen besonderen Höhepunkt: Vom 27. bis 28. Juni 2026 verwandelt die renommierte Reenactment-Gruppe Company of Saynt George den Museumspark in einen historischen Schauplatz. 80 Darstellende zeigen authentisches Lagerleben, beeindrucken mit packenden Schaukämpfen und mittelalterlicher Küche. Im Herbst diskutieren Fachpersonen im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Ein Abend im Museum» über moderne Kriegspropaganda, kollektive Identitätsbildung und Desinformation. Das Rahmenprogramm umfasst zudem neue inklusive Angebote, darunter «Stille Stunden» für Menschen mit erhöhter Empfindlichkeit gegenüber Sinnesreizen oder Begleittexte in einfacher Sprache.
Zwischen Realität und Inszenierung
Die Eidgenossen und ihre Verbündeten besiegten am 22. Juni 1476 bei Murten die Truppen des burgundischen Herzogs Karl des Kühnen. 400 Jahre später wurde dieses Ereignis in einer beeindruckenden Inszenierung dargestellt: Die Zürcher Panoramagesellschaft liess 1894 das «Panorama der Schlacht bei Murten» anfertigen. Mit einer Länge von 100 Metern und einer Höhe von 10 Metern zog das Rundgemälde ein Massenpublikum an. Strahlende Farben und minutiös komponierte Darstellungen von rund 5’600 Menschen und Tieren standen in starkem Kontrast zum blutigen Chaos der tatsächlichen Ereignisse mit rund 10’000 Todesopfern. Die Ausstellung fragt nach den Kräften, die solche Darstellungen antreiben und verbreiten. Und sie zeigt, wie der Sieg von 1476 bis heute immer wieder in Szene gesetzt wurde.
Das weltweit grösste Digitalbild
Zuletzt wurde das Murtenpanorama im Rahmen der Expo.02 der Öffentlichkeit präsentiert – im Innern des in den Murtensee gestellten «Monolithen». Nun können Besuchende im Museum erstmals wieder einen Teil des Originalgemäldes sehen. Ergänzend bietet das weltweit grösste Digitalbild eines Einzelobjekts eine innovative Art der Auseinandersetzung: Aus 27’000 Einzelaufnahmen des Originalgemäldes hat das Team des Labors für experimentelle Museologie der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) über drei Jahre hinweg das Terapixel-Panorama mit einer Gesamtauflösung von 1,6 Terapixel geschaffen. Mit einem Controller navigieren Besuchende individuell durch die unzähligen Szenen der Schlacht und zoomen so nah heran, dass selbst kleinste Details wie das Weisse im Auge eines Pferdes sichtbar werden. Das Erlebnis wird von einer auf die Szenerien abgestimmten Soundkulisse begleitet – tumultartige Kampfgeräusche, ächzende Verletzte, aufgebrachte Pferde oder scheinbar idyllisches Vogelgezwitscher verstärken das immersive Erlebnis. Im Rahmen der Partnerschaft mit der EPFL wird das digitale Panorama erstmals in einer 360°-Inszenierung gezeigt.
Blendender Glanz der Burgunderbeute
Die Schweiz profitierte in den Burgunderkriegen zwischen 1474 und 1477 unter anderem von umfangreicher Kriegsbeute, der sogenannten Burgunderbeute. Die Aufteilung dieser Güter führte zu grossen Konflikten. Stimmen aus Kirche und Politik warnten, der erbeutete Luxus untergrabe die wahren Werte der Eidgenossenschaft. Gleichwohl blieben die kostbaren Objekte begehrt und wandelten sich von Kriegstrophäen zu Kulturgütern. Bis ins 19. Jahrhundert wurden fast alle erbeuteten mittelalterlichen Objekte dem Zelt des Burgunderherzogs zugeschrieben – eine Vorstellung, die auch in der Ausstellung aufgegriffen wird. Diese Inszenierung vereint Leihgaben und Highlightobjekte des Museums, darunter eine der vier monumentalen Caesar-Tapisserien. Die grossformatigen Wandbehänge waren seit der Museumsgründung 1894 stets ausgestellt und werden seit 2012 in einem aufwendigen Restaurierungsprojekt konserviert, das 2027 zum Abschluss kommen soll. Eine der Tapisserien ist bereits fertig restauriert und kann nun erstmals wieder in ganzer Pracht präsentiert werden.