Carl Böckli (1889–1970), besser bekannt unter seinem Kürzel Bö, war von den 1920er- bis in die 1960er-Jahre Karikaturist und Redaktionsmitglied des damals als Satiremagazin bekannten «Nebelspalter» in Rorschach. Mit Verve und Scharfsinn beobachter der in Heiden Lebende seine Umgebung und kommentierte in seinen Karikaturen die Conditio Helvetica ebenso wie das Weltgeschehen. Seine Zeichnungen machten ihn schweizweit zu einem der bekanntesten Kritiker von Hitlerdeutschland und dem Sowjetstalinismus – im Spannungsfeld zwischen Zivilcourage und Geistiger Landesverteidigung.
Karikaturen gegen den Totalitarismus
- Publiziert am 29. Mai 2026
Eine Ausstellung über Carl Böcklis scharfsinnige Karikaturen – und was sie heute zu sagen haben!
Der Popoburger
Es gaht en böse Schturm ums Huus,
Es gseht nach Pech und Schwefel us,
Nach Undergang und jüngschtem G’richt,
Zue üs chunts aber nüd, vilicht.
Und chiems, so triffts vilicht nüd mi,
Ich bi gar immer artig gsi,
Na nie het mini Wenigkeit
Es lideschaftlichs Wörtli gsait,
Und hends am Schtamm politisch gredt,
So bin ich sofort hei is Bett.
Das chunt eim wohl i derige Täg
Mag cho was will – ich mag eweg!
(Der Mitläufer, erschienen im Nebelspalter Nr. 43 vom 22. Oktober 1942 als Titelbild)
Carl Böcklis Zivilcourage
Im Zentrum des künstlerischen Werks von Carl Böckli, genannt Bö, steht das Anzeichnen gegen den Totalitarismus. Mit grossem Können zeichnete und textete er ab den 1920er-Jahren gegen den Faschismus in Italien, den Stalinismus in der Sowjetunion, den Nationalsozialismus in Deutschland und auch gegen Faschisten und Kommunisten in der Schweiz. Das brauchte in dieser Zeit Mut und Zivilcourage. In einer Gegenwart, die geprägt ist vom Aufschwung rechter Parteien und autokratischen Tendenzen, von «alternativen Fakten», Demokratieabbau und Kriegen, gewinnt Carl Böcklis Werk erneut an Relevanz und Dringlichkeit. Doch wenngleich er zu seiner Zeit in der Deutschschweiz eine gewichtige öffentliche Stimme hatte, kennt man ihn heute kaum mehr. Die Sonderausstellung «Dagegenhalten!» der Bö-Stiftung im Museum Heiden setzt sich zum Ziel, Bös Kampf «gegen rote und braune Fäuste» anhand von Originalkarikaturen darzulegen und den Bezug zur Gegenwart aufzuzeigen.
Karriere beim Nebelspalter
Carl Böckli wurde 1889 in St. Gallen geboren und liess sich in Zürich und Winterthur zum Grafiker ausbilden. Nach Wanderjahren in Europa eröffnete er 1919 in St. Gallen ein eigenes Grafikstudio. Ein Zeichenwettbewerb machte den «Nebelspalter»-Verleger Ernst Löpfe-Benz auf das junge Talent aufmerksam. Ab 1922 arbeitete Böckli beim «Nebelspalter», von 1927 bis 1962 als leitender Bildredaktor. Der «Nebelspalter» erschien seit 1874 zunächst als liberales Zürcher Kampfblatt gegen die katholisch-konservative Partei im Kulturkampf. Das Satiremagazin stand in der Tradition europäischer Blätter wie «Punch» oder «Simplicissimus». Seine deutschfreundliche Haltung im Ersten Weltkrieg kostete viele Abonnenten, weshalb Löpfe-Benz 1922 ein marodes Blatt übernahm. Zu Beginn seiner Karriere zeichnete Carl Böckli zahlreiche Karikaturen zu Sport und zu sozialen Fragen, wie dem weitverbreiteten Alkoholismus. Nach Übernahme der Bildredaktion legte er sich 1928 erstmals mit dem faschistischen Machthaber Benito Mussolini an. In der Kombination von Karikatur und Text hatte Böckli seinen Stil gefunden, der sich auch gnadenlos gegen Gewaltherrscher richtete. Nach Veröffentlichung der Zeichnung erhielt Bö eine Einladung der faschistischen Partei Italiens, sich Rom anzusehen und sich davon zu überzeugen, dass in Mussolinis Italien alles prächtig sei. Böckli antwortete lakonisch mit einer Gegeneinladung nach Rorschach, das ebenfalls sehr schön sei.
Die Geistige Landesverteidigung
Als Bildredaktor des «Nebelspalter» scharte Carl Böckli einen illustren Kreis von Zeichnern um sich, die seine Haltung gegen alles Totalitäre teilten und bildnerisch umsetzten. Dazu gehörten etwa Gregor Rabinovitch (1884–1948), Jakob Nef (1896–1977) oder René Gilsi (1901–2002). Dieser neue Ton verhalf dem «Nebelspalter» erneut zum Erfolg. 1933, im Jahr von Hitlers Machtergreifung, wurde der «Nebelspalter» in Deutschland verboten. Bereits in den frühen 1930er-Jahren setzte Carl Böckli Sowjet- und Nazidiktatur gleich und bewies damit einen klaren Blick auf die politischen Verhältnisse. Bö war immer auch gesellschafts-, politik- und behördenkritisch. Trotzdem war seine Haltung gegen Kommunismus und Faschismus insgesamt kongruent mit der Doktrin der Geistigen Landesverteidigung, die in den 1930er-Jahren immer wichtiger wurde. Darin definierte sich die Schweiz als historisch gewachsenes und kulturell eigenständiges Staatsgebilde mit demokratischer Tradition in deutlicher Abgrenzung zu Faschismus und Kommunismus. Zudem wollte sie sich im Kriegsfall verteidigen. Die Karikaturen von Bö und seinen Kollegen im «Nebelspalter» waren so gesehen nicht weniger als ein Teil der Schweizer Kriegsabwehr während des Zweiten Weltkriegs.
Dagegenhalten!
Carl Böckli schuf über 3000 Karikaturen; im «Nebelspalter» erschienen durchschnittlich zwei Bilder pro Woche von ihm. Mit seiner Arbeit wurde er Teil des kollektiven Gedächtnisses der Schweiz. Sein Stil war unverkennbar im Zusammenspiel von Bild und Text, Letzterer häufig in einem von Bö entwickelten allemand fédéral, einer witzigen Mischung aus Dialekt und Hochsprache. Wenngleich seine Themen weit über die Politik hinausgingen und gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Fragen im In- und Ausland umfassten, fokussiert die Sonderausstellung «Dagegenhalten!» auf das Kernthema in Carl Böcklis Werk: das Anzeichnen gegen den Totalitarismus. Sie ist in vier Stationen gegliedert: Machtergreifung von Diktatoren, Propaganda und Zensur, Faschismus in der Schweiz sowie Kommunismus in der Schweiz und in Osteuropa. Wegen Arthritis in der rechten Hand konnte Carl Böckli ab 1962 nicht mehr zeichnen und beendete seine Arbeit beim «Nebelspalter». Bis zu seinem tragischen Tod bei einem Verkehrsunfall verbrachte Bö seinen Lebensabend zurückgezogen und menschenscheu in Heiden. Die Aussagen seiner Karikaturen zum Totalitarismus treten uns bis heute klar und unmissverständlich entgegen. Die Botschaft bleibt: Dagegenhalten!
(Gekürzte Fassung des Einführungstextes der gleichnamigen, parallel zur Ausstellung «Dagegenhalten!» erscheinenden Begleitpublikation, erschienen im Appenzeller Verlag, Herisau.)