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Museum im Lagerhaus St.Gallen | Ego-Dokumente

Zeitgenössische Outsider verwischen die Grenzen zwischen Ich und Kunst-Ich. In der Ausstellung «Ego-Dokumente» widmen sich verschiedene Künstler der Ich-Konstruktion und Selbstmanifestation.

Wer bin ich?
Im Erleben existentieller Ereignisse und Krisen entzünden sich spezifische Ausdrucksbedürfnisse oder Umformulierungen des Ich. Das hieraus entwickelte künstlerische Schaffen ist nicht allein Werk, sondern zugleich Ich-Konstruktion und Selbstmanifestation. Die Grenzen zwischen einem gestaltenden Ich und gestaltetem Kunst-Ich verwischen.

Pietro Angelozzi und seine Erleuchtung
Die Ausstellung umfasst verschiedene künstlerische Positionen. Allen gemeinsam ist das stetige Umkreisen, Darstellen, Erläutern, Umdeuten oder gar Erfinden der eigenen Person. Pietro Angelozzi (1925–2015) wollte nie ‹Kunst› schaffen. Tatsächlich folgt er einem göttlichen Auftrag, der Welt von seinen sieben Visionen zu berichten. In fortwährend neu erzählten Bild-Geschichten, die er mit Hilfe kleiner Wörterbücher in diversen Sprachen verfasst, schildert er die Geschehnisse seiner göttlichen Ausnahmeerlebnisse und eigenen Erleuchtung. Eine Lebensdokumentation göttlicher Erfahrung.

Künstler und ihre Selbstzeugnisse
Obsessiv spiegelt Anton Bernhardsgrütter (Anton B. lpc, geb. 1925) sein Ich in unzähligen Zeichnungen und Gemälden. «Sein Ich», schreibt er, «scheint ihm in den 30er Jahren abhanden gekommen zu sein». Daher spricht er von sich in der dritten Person und splittet sich in drei Persönlichkeiten auf. Parzival und Emil Manser überschreiten die Grenze zwischen gelebtem Ich und Kunst-Ich, sie verkörpern ihre Ideen. Der Strassenkünstler und Philosoph Emil Manser (1951–2004 ) war in Luzern als Stadt-Original bekannt, der in verschiedenen Rollen mit seiner Plakatkunst die Öffentlichkeit irritierte und verunsicherte. Als Spinner und Störenfried wurde er empfunden, doch ebenso als Visionär. Mit seinen appellativen Plakaten hat er alle angesprochen – und auch provoziert. Werner Baptistas (1946–2012) umfangreiches Werk besteht aus grossformatigen Acrylgemälden, kleineren Blättern und unzähligen Tage- und Notizbüchern, gefüllt mit Zeichnungen und Collagen, in denen er, immer um sich selber kreisend, sein Ego auslebt. Im staatlichen wie gesellschaftlichen Zusammenbruch des Ersten Weltkrieges sieht Rudolf Heinrichshofen (1858–1945) seine Lebensgeschichte gespiegelt. Für ihn potenziert sich die Ohnmacht des Bürgers in der Entmündigung und Anstaltsinternierung als Geisteskranker, die er bitter beklagt. Er kompensiert seine ausweglose Situation mit Spott auf das ihn beherrschende System und gestaltet eine Prachthandschrift, entstanden um 1919 in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Hildburghausen, aufbewahrt in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg. Das Buch ist digitalisiert, und die Ausstellungsbesucher können mittels Bildschirm darin blättern und lesen.

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