Das Kunsthaus Zürich setzt mit seinem Jahresprogramm 2027 auf grosse Namen, aber auch auf Kunst, die unbequem werden kann. Mit Rembrandt, Vermeer und Alberto Giacometti bedient das Museum die Erwartungen eines breiten Publikums. Gleichzeitig rücken Künstler:innen ins Zentrum, die Machtverhältnisse hinterfragen, historische Erzählungen neu interpretieren oder gesellschaftliche Widersprüche sichtbar machen. Direktorin Ann Demeester etabliert das Kunsthaus zunehmend als ein Ort, an dem Kunstgeschichte nicht einfach bewahrt, sondern aus heutiger Perspektive neu gelesen wird.
Kunsthaus Zürich 2027 - Zwischen Weltkunst und Provokation
Meisterwerke von Rembrandt und Vermeer, feministische Provokationen, zerlegte Luxusautos und neue Geschichtsbilder
arttv Kulturbotschafterin Inge Zingsli war für uns an der Präsentation des Jahresprogramms 2027 dabei.
Wem gehört die Geschichte?
Besonders deutlich wird dieser Anspruch bei Wael Shawky. Der ägyptische Künstler erzählt in seiner berühmten Filmtrilogie CABARET CRUSADES die Kreuzzüge aus arabischer Sicht – und stellt damit eine Geschichtsschreibung infrage, die in Europa über Jahrhunderte als selbstverständlich galt. Auch seine filmische Oper DRAMA 1882 über die britische Besetzung Ägyptens beschäftigt sich mit der Macht derjenigen, die Geschichte erzählen. Eine neue Filminstallation über die Golfregion erlebt in Zürich ihre Europapremiere. Shawkys Ausstellung dürfte zu den künstlerisch spannendsten Projekten des Jahres zählen, da sie historische Ereignisse nicht nur illustriert, sondern mit den Mitteln des Films und des Musiktheaters neu erfahrbar macht. Eine ganz andere, nicht minder politische Perspektive bringt die amerikanische Künstlerin Judith Bernstein ein. Seit den 1960er-Jahren kämpft sie mit monumentalen Phalluszeichnungen gegen patriarchale Machtstrukturen, Sexismus und männliche Kriegsrhetorik. Ihre provokanten Arbeiten gewinnen angesichts der politischen Entwicklungen der Gegenwart zusätzlich an Brisanz. Dass das Kunsthaus Bernstein und Shawky im selben Jahr präsentiert, ist bemerkenswert: Beide beschäftigen sich mit Macht und ihren Bildern, auch wenn sie künstlerisch völlig unterschiedliche Wege gehen.
Ein Mercedes, der zum Erinnerungsstück wird
Zu den ungewöhnlichsten Ereignissen des Zürcher Kunstjahres 2027 gehört die Performance von Selma Selman am 6. März 2027. Die Künstlerin lässt eine Mercedes-Benz S-Klasse zerlegen, die sie einst ihrem Vater geschenkt und nach dessen Tod geerbt hat. Was nach spektakulärer Materialzerstörung klingt, ist ein sehr persönliches Ritual über Herkunft, sozialen Aufstieg, Verlust und Erinnerung. Begleitet wird die Aktion von Musik und Gesang. Die Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus Zürich zeigt zudem, wie durchlässig die Grenzen zwischen bildender Kunst, Performance und Theater geworden sind. Selmans Arbeit hat das Potenzial, zu einem jener Ereignisse zu werden, über die auch ausserhalb der Kunstszene gesprochen wird.
Die grossen Publikumsmagnete
Für die grösste Publikumsresonanz dürfte allerdings die Ausstellung REMBRANDT UND SEIN KREIS ab Ende Oktober sorgen. Mehr als 40 Gemälde aus der international bedeutenden Leiden Collection kommen nach Zürich, darunter Werke von Rembrandt sowie Johannes Vermeers FRAU AM VIRGINAL, das einzige noch in Privatbesitz befindliche Gemälde des niederländischen Meisters. Das allein macht die Ausstellung zu einem aussergewöhnlichen Ereignis. Ergänzend widmet sich das Kunsthaus zusammen mit der Graphischen Sammlung ETH Zürich Rembrandts Druckgrafik. Einen weniger ehrfürchtigen Zugang zur Kunstgeschichte verspricht ab Oktober CLAES OLDENBURG. Seine überdimensionierten Alltagsgegenstände verwandeln Konsumprodukte in absurde Skulpturen. Die Verbindung zum Zürcher Dadaismus liegt nahe und könnte gerade für ein jüngeres Publikum einen attraktiven Einstieg bieten.
Das Kunsthaus erfindet sich auch im Inneren neu
Abseits der grossen Sonderausstellungen verdient die Neugestaltung der Sammlung Aufmerksamkeit. Alberto Giacometti erhält ab März eine erweiterte Präsentation in vier Räumen, während die Dada-Sammlung im Altbau einen neuen Standort bekommt. Mit HOUSE OF NISABA widmet sich das Museum ab April zudem der zeitgenössischen Malerei. Rund 35 eigens geschaffene Werke zeigen, wie Künstler:innen heute auf die Bilderflut zwischen sozialen Medien, Popkultur und Mythologie reagieren. Enrico David wiederum untersucht mit fragilen, oft grotesken Figuren die Grenzen zwischen Körper und Identität. Und ab Juni verwandelt Ai Weiwei das Foyer des Chipperfield-Baus mit einer monumentalen Installation aus Tausenden von Spielbausteinen. Die Installation ist Teil des weiterhin frei zugänglichen Programms «Kunst für Alle».
Viel sehen, viel hinterfragen
Was das Kunsthaus 2027 besonders interessant macht, ist somit nicht allein das Nebeneinander grosser Meister und radikaler Gegenwartskunst. Es ist die Möglichkeit, Beziehungen zu entdecken: zwischen Rembrandts Menschenbildern und Giacomettis Suche nach dem Wesen des Menschen, zwischen Bernsteins feministischer Wut und Shawkys Kritik an historischen Machtverhältnissen oder zwischen Oldenburgs Konsumkritik und Selmans zerlegtem Luxusauto. Ob diese Verbindungen auch in den Ausstellungen selbst überzeugend sichtbar werden, muss sich zeigen. Das Potenzial dafür ist jedenfalls vorhanden. Das Kunsthaus verspricht ein Jahr, in dem nicht nur viel zu sehen, sondern auch einiges zu hinterfragen sein wird.
