Das Fotomuseum Winterthur widmet der US-amerikanischen Fotografin eine grosse Retrospektive. Mehr als 200 Fotografien, rund 115 Archivmaterialien, unveröffentlichte Kontaktabzüge, Farbdias sowie der experimentelle Kurzfilm IN THE STREET von 1948 zeigen ein Werk, das über ihre berühmten Strassenaufnahmen hinausreicht. Zu erleben ist Helen Levitt als grosse Chronistin des urbanen Lebens.
HELEN LEVITT – Die Strasse als Bühne
Helen Levitt – Kurzbiografie
Helen Levitt (1913–2009) wurde in Brooklyn geboren und zählt zu den wichtigsten Vertreterinnen der amerikanischen Street Photography. Seit den späten 1930er-Jahren fotografierte sie vor allem in Harlem, der Lower East Side und der Bronx. Bekannt wurde sie für ihre präzisen, oft humorvollen Beobachtungen des Alltags und für ihre Aufnahmen spielender Kinder und deren Kreidezeichnungen. Levitt arbeitete früh mit Farbe, drehte Filme und bewegte sich im Umfeld von Henri Cartier-Bresson, Walker Evans und Luis Buñuel. 1943 widmete ihr das Museum of Modern Art in New York bereits eine Einzelausstellung.

Das Theater des Alltags
Helen Levitt brauchte kein grosses Ereignis und keine Inszenierung. Sie ging hinaus auf die Strasse und schaute. «I would go out and shoot, follow my eyes», beschrieb sie später ihre Arbeitsweise. Kinder beim Spielen, Menschen vor Hauseingängen, kurze Momente von Komik, Nähe oder Melancholie: Über fünf Jahrzehnte wurde New York zu ihrer Bühne. Seit den späten 1930er-Jahren fotografierte Levitt vor allem in Harlem, der Lower East Side und der Bronx. Besonders häufig begegnen uns Kinder. Nicht, weil sie Kinder besonders geliebt hätte, wie sie selbst trocken bemerkte: «It was just that children were out in the street.» Die Strasse war damals Spielplatz, Treffpunkt und sozialer Raum. Kreidezeichnungen auf Mauern und Asphalt wurden zu einem ihrer bekanntesten Motive. Levitts Bilder wirken spontan, sind aber präzise komponiert. Ein Blick, eine Handbewegung, ein Körper am Bildrand können genügen, um aus einer alltäglichen Situation eine kleine Szene zu machen. Dabei beobachtete sie vor allem Quartiere der Arbeiterklasse, ohne ihre Bilder zu plakativen Sozialreportagen zu machen. Nähe und Distanz bleiben stets in einem feinen Gleichgewicht.

Von Cartier-Bresson bis Buñuel
In der New York Film and Photo League lernte Levitt Henri Cartier-Bresson kennen, dessen Arbeit mit der Leica sie beeinflusste. Mit Walker Evans teilte sie später die Dunkelkammer. Bereits 1943 widmete ihr das Museum of Modern Art in New York eine Einzelausstellung. Auch der Film spielte eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit James Agee und Janice Loeb entstand IN THE STREET. Der Kurzfilm beobachtet den Alltag in Spanish Harlem ohne erklärenden Kommentar und gilt heute als früher Vorläufer des Cinéma vérité. Levitt arbeitete zudem als Filmemacherin und Editorin, unter anderem im Umfeld von Luis Buñuel.

Pionierin der Farbfotografie
1959 erhielt Helen Levitt ein Guggenheim-Stipendium für ihre Experimente mit neuen Farbtechniken. Sie kehrte mit Farbfilm in jene New Yorker Quartiere zurück, die sie bereits in Schwarzweiss fotografiert hatte. Farbe wurde dabei zu einem eigenständigen Gestaltungsmittel. Ein grosser Teil ihrer frühen Farbdias wurde in den 1970er-Jahren gestohlen. Levitt arbeitete dennoch weiter. Die Projektion der erhaltenen Dias gehört zu den besonderen Momenten der Winterthurer Ausstellung.

Die grosse Bühne vor der Haustür
Helen Levitts Fotografien erzählen keine abgeschlossenen Geschichten. Sie zeigen Fragmente und überlassen es uns, darin Zusammenhänge zu entdecken. Die Kamera erklärt nicht, sie beobachtet. Die Ausstellung macht deutlich, dass Levitt mehr war als eine Meisterin der Street Photography. Ihr Werk handelt von Öffentlichkeit, Gemeinschaft, Einsamkeit und gesellschaftlichem Wandel. Vor allem aber erinnert es daran, dass die grosse Bühne des Lebens oft direkt vor der Haustür liegt.

