Franz Gertsch (1930 – 2022) zählt zu den bedeutendsten Schweizer Künstler:innen seiner Zeit und erlangte mit seinen grossformatigen Werken bereits in den 70er Jahren Bekanntheit. Nach seiner internationalen Wiederentdeckung kommt die Ausstellung «Franz Gertsch. Blow-Up» nun als zweiteilige Retrospektive in die Schweiz und wird diesen Sommer im Kunstmuseum Bern sowie im Museum Franz Gertsch in Burgdorf eröffnet. Als umfassende Werkschau bietet sie einen Einblick in sechs Jahrzehnte seines künstlerischen Schaffens.
Franz Gertsch – Pionier des Fotorealismus
Die grosse Retrospektive in zwei Ausstellungshäusern zeigt das monumentale Werk des Schweizer Künstlers.
«Meine Gemälde sind Hybride – halb real, halb abstrakt. Von fern fotografische Realität, von nah abstrakte Malerei.»
Franz Gertsch
Die Ausstellung «Franz Gertsch. Blow-Up» wurde vom Louisiana Museum of Modern Art in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler und seiner Familie entwickelt und zuletzt in den Deichtorhallen Hamburg gezeigt.
Zur Ausstellung erschien bisher ein englischsprachiges Buch bei Louisiana Publications mit Texten u.a. von Tobia Bezzola, Kathleen Bühler, Dora Imhof, Florian Illies und Ulrich Loock. Für die Stationen in der Schweiz werden eine deutsche und eine französische Sprachversion in gleicher Ausstattung erarbeitet.
Zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit, Wirklichkeit und Wahrnehmung
Die Ausstellung «Franz Gertsch. Blow-Up» verdankt ihren Titel Michelangelo Antonionis berühmtem Film «Blow-Up» (1966). Wie dieser stellt auch Gertschs Werk die Frage: Wo beginnt die Wahrheit in einem Bild? Für Gertsch garantierte die Fotografie Realität, die Malerei hingegen Wahrheit. Aus der Distanz wirken seine Werke wie fotografische Realität. Aus der Nähe lösen sie sich in abstrakte Malerei auf – und mit zunehmendem Abstand schärft sich die Szene. Diese Spannung zwischen Nahsicht und Fernwirkung prägt das visuelle Erlebnis vor seinen Gemälden und bildet den Kern seiner Methode. In Zeiten von künstlicher Intelligenz und virtuellen Welten gewinnt sein Werk so eine neue Aktualität.
Gertschs Frühwerk
Franz Gertsch wird am 8. März 1930 in Mörigen am Bielersee geboren. Früh kommt er im Kunstmuseum Bern mit Werken von Ferdinand Hodler und Paul Klee in Berührung. Sein Lehrer Hans Schwarzenbach weckt zudem seine Begeisterung für die alten flämischen Meister und die italienische Frührenaissance und vermittelt ihm deren Techniken, insbesondere die lasierend aufgetragene Eitemperamalerei. Gertschs frühe Stillleben, Landschaften und mythologische Szenen entstehen in Eitempera oder Mischtechnik und sind von einem naturalistischen Stil und altmeisterlicher Präzision geprägt. Mitte der 1960er-Jahre eröffnet ihm die Pop Art neue Bildwelten und Methoden: Motive aus der Populärkultur dienen fortan als Vorlagen, etwa Fotos von Bob Dylan, Mick Jagger, den Rolling Stones oder Françoise Hardy aus Jugend- und Musikmagazinen. Sein Gemälde «Huaa...!» (1969) markiert den Übergang in eine neue Schaffensphase mit fotorealistischen Grossformaten. Es zeigt einen britischen Hauptmann im Krimkrieg, wurde jedoch als Kommentar zur amerikanischen Politik im Vietnamkrieg gelesen. Unter anderem von Antonionis Film «Blow-Up» (1966) inspiriert, entwickelt Gertsch bei der Ausführung des Bildes seine «Blow-Up»-Technik: Er fotografiert Magazinseiten, projiziert die Dias auf die Leinwand und malt nach diesen Vorlagen. Damit etabliert er einen radikal neuen Malansatz, aus dem fortan in monatelanger, teils jahrelanger Arbeit monumentale Gemälde hervorgehen.
Denkmäler des Zeitgeistes
Ab 1969 arbeitet Gertsch fast ausschliesslich mit eigenen fotografischen Vorlagen. Narrative und zeitgenössische Inhalte erscheinen ihm nun als Ablenkung von seinem Ziel, wahrhaftige Bilder der Welt zu schaffen, wie sie erscheint. Sein Blick richtet sich auf die eigene Familie in alltäglichen, privaten Momenten. Flüchtige Augenblicke überführt Gertsch ins Monumentale und verdichtet sie zu allgemeinen Erfahrungsbildern. Diese Art von unmittelbaren Familienbildern gab es in der Schweizer Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts bis dahin nicht. Parallel faszinieren ihn der damals zwanzigjährige Luciano Castelli und sein Freundeskreis. Die Gruppe erprobt die Auflösung gesellschaftlicher Konventionen, die Durchlässigkeit von Kunst und Leben, Frau und Mann, Ich und Du – Sinnbilder eines radikalen Aufbruchs der 1970er-Jahre in der Schweiz. Mit «Medici» (1971-1972) sorgt er an der documenta 5 in Kassel für grosses Aufsehen und erlangt internationale Anerkennung. Bedeutend sind auch die in der Camargue entstandenen Werke: Roma-Mädchen beim Spielen am Strand und im Meer in Saintes-Maries-de-la-Mer werden zu Ikonen seines Fotorealismus. Zugleich vollzieht Gertsch auch einen materiellen Wandel: Er malt erstmals auf ungrundierter Baumwolle. Diese Maltechnik erlaubt keine Korrekturen – jeder Pinselstrich muss sitzen.
Im Rausch der Natur, der Pigmente und der Schönheit
1976 zieht Gertsch mit seiner Familie in ein altes Bauernhaus in Rüschegg im Kanton Bern, das bis zu seinem Tod sein Lebensmittelpunkt bleibt. Dort beginnt er mit dem Holzschnitt. In den 1980er-Jahren wendet er sich von zeitgeistigen Themen ab und findet in der Natur um sein Haus neue Bildwelten. Mensch und Natur begreift er fortan gleichermassen als «Wesenheiten» und behandelt sie gleichwertig. Diese Weltsicht kulminiert im gross angelegten «Guadeloupe-Triptychon» (2011–2013), einer Hommage an seine Frau Maria: Die nackte, träumende Figur ist in das Schattenspiel tropischer Vegetation eingebettet. In einer Kunstwelt, die vor allem Innovation und kritisches Bewusstsein fordert, wendet sich Gertsch bewusst der Schönheit zu – als Gegenbewegung. (Pressetext)
