Mit beinahe sakralem Ernst zieht der Film das Publikum in eine Welt aus Krieg, Schuld und moralischem Zerfall. THE ODYSSEY ist kein leichtfüssiges Abenteuer, sondern ein überwältigendes Kinoerlebnis, dessen dunkle Bilder und eindringliche Musik brutal nachwirken.
THE ODYSSEY – Heimkehr aus der Hölle
Christopher Nolan verwandelt Homers Epos in bildgewaltiges Blockbuster-Kino als düstere Weltuntergangsgeschichte.
THE ODYSSEY | SYNOPSIS
Nach dem Ende des Trojanischen Krieges tritt Odysseus die lange Heimreise zu seiner Frau Penelope und seinem Sohn Telemachos auf Ithaka an. Doch auf dem Weg über das Mittelmeer geraten der König und seine Gefährten in tödliche Stürme und müssen sich mythischen Wesen wie dem Zyklopen Polyphem, der Zauberin Kirke, den Sirenen sowie den Seeungeheuern Skylla und Charybdis stellen. Während Odysseus um seine Rückkehr kämpft, wird sein Palast von Freiern belagert, die Penelope zur erneuten Heirat drängen und selbst nach der Herrschaft über Ithaka greifen. Nach Jahren des Krieges und der Irrfahrt muss Odysseus nicht nur seine Heimat zurückerobern, sondern sich auch den Folgen seiner eigenen Taten stellen.
THE ODYSSEY | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Walter Gasperi
Ein Held ohne Triumph
Christopher Nolan interessiert sich nicht primär für den Mythos eines siegreichen Kriegers als für die seelischen Verwüstungen, die der Krieg hinterlässt. Matt Damon spielt Odysseus als traumatisierten, gebrochenen Mann, der sich auf seiner Heimreise zunehmend selbst verliert. Ithaka ist dabei nicht nur ein geografisches Ziel, sondern steht für die Hoffnung, wieder zu jenem Menschen zu werden, der er vor dem Trojanischen Krieg einmal war. Wie schon in MEMENTO, DUNKIRK oder OPPENHEIMER erzählt Nolan zunächst nicht geradlinig. Rückblenden führen bis zum Aufbruch nach Troja und zur Opferung Iphigenies zurück. Gegenwart, Erinnerung und Erzählung überlagern sich, ehe der Film zunehmend einer klareren Linie folgt. Die verschachtelte Struktur macht deutlich, dass Odysseus der Vergangenheit nicht entkommen kann: Der Krieg bleibt in jedem Bild gegenwärtig. Besonders eindringlich zeigt sich das bei der Eroberung Trojas. Nolan wechselt mehrfach die Perspektive: vom Blick der Trojaner auf das hölzerne Pferd über die im Innern wartenden Griechen bis zum folgenden Massaker. Agamemnon führt die Soldaten in einer schwarzen Rüstung an, die an Nolans Batman-Filme erinnert. Doch für heroische Verklärung ist kein Platz. Der Sieg erscheint als brutaler Vernichtungsakt, der auch die Sieger zerstört.
Die Monster sind menschlich
Die berühmten Stationen der «Odyssee» spielt Nolan mit voller filmischer Kraft aus. Der Zyklop Polyphem, die Zauberin Kirke, die Sirenen sowie Charybdis und Skylla werden zu eindrucksvollen Horrorszenarien. Dabei verbindet der Film das antike Epos mit Elementen des Monsterfilms und des Body Horrors, ohne die Figuren und Konflikte hinter den Schauwerten verschwinden zu lassen. Nolan nimmt sich zugleich Freiheiten gegenüber Homers Vorlage. Kirke (Samantha Morton) erscheint weniger als verführerische Hexe denn als Herrscherin über einen Ort, an dem das wahre Wesen der Männer sichtbar wird. Ihre Verwandlung in Schweine wirkt deshalb nicht wie ein willkürlicher Zauber, sondern wie eine Entlarvung. Ähnlich verhalten sich die von Antinoos (Robert Pattinson) angeführten Freier am Hof von Ithaka. Sie verkörpern Machtgier, Besitzdenken und Masslosigkeit. Der intrigante Antinoos wird dabei zum Gegenbild des langsam an seiner Schuld zweifelnden Odysseus. Beide sind von Gewalt geprägt, doch nur einer beginnt, die Konsequenzen seines Handelns zu erkennen.
Frauen als moralischer Gegenpol
Während Nolan die Männer weitgehend als gewalttätig, verschlagen und von Machtstreben getrieben zeichnet, bilden die Frauen den moralischen Gegenpol. Penelope (Anne Hathaway) verachtet Krieg und Herrschaftsansprüche. Ihr Warten ist keine passive Unterordnung, sondern Ausdruck von Widerstand und Treue zu einer menschlicheren Ordnung. Auch Helena, gespielt von Lupita Nyong’o, steht für die Folgen einer Welt, in der Männer über das Schicksal von Frauen bestimmen. Damit schenkt Nolan den weiblichen Figuren mehr Gewicht als in vielen seiner früheren Filme. Sie sind nicht bloss Projektionsflächen, sondern verkörpern Vernunft, Menschlichkeit und moralische Klarheit. Eine besondere Rolle übernimmt Athene (Zendaya). Als einzige Göttin tritt sie mehrfach sichtbar auf. Ihre Gespräche mit Odysseus lassen sich jedoch ebenso als innere Dialoge eines Mannes verstehen, der sich mit seinem Gewissen auseinandersetzt. Zeus und Poseidon bleiben dagegen abwesend. Nicht die Götter verursachen das Leiden, sondern die Menschen selbst.
Eine Welt vor dem Untergang
In Homers Sage arbeitet Nolan auch den historischen Zusammenbruch der mykenischen Kultur ein. Die Ahnung eines bevorstehenden Angriffs unbekannter Seevölker liegt wie ein Schatten über dem Film. Der Untergang erscheint nicht als plötzliches Ereignis, sondern als Folge einer Gesellschaft, die sich durch Krieg, Gier und Selbstüberschätzung selbst vernichtet. Damit schlägt THE ODYSSEY auch eine Brücke zur Gegenwart. Die von Gewalt und politischen Konflikten bestimmte antike Welt wirkt vertraut. Nolan inszeniert keinen fernen Mythos, sondern eine Zivilisation am Abgrund. Entscheidend für die Wirkung sind die überwiegend dunklen Bilder von Hoyte van Hoytema. Als erster vollständig mit 70-mm-IMAX-Kameras gedrehter Film Nolans entwickelt THE ODYSSEY eine enorme physische Präsenz. Die Höhle des Zyklopen wird zum klaustrophobischen Albtraum, das Meer zum unberechenbaren Abgrund. Ludwig Göranssons Musik verstärkt diese Wirkung, ohne die Bilder bloss zu überladen. Sein Soundtrack verdichtet die Beklemmung der Monsterszenen ebenso wie die Melancholie der stilleren Momente. Besonders die Begegnung zwischen Odysseus und Penelope erhält dadurch eine emotionale Tiefe, die weit über das Spektakel hinausweist.
Fazit
THE ODYSSEY ist kein beschwingter Abenteuerfilm, sondern eine schwere, kompromisslose Auseinandersetzung mit Krieg, Schuld und männlicher Gewalt. Christopher Nolan erzählt mit grossem Ernst, verleiht Homers Epos dadurch aber eine ausserordentliche Kraft. Matt Damons Odysseus ist kein strahlender Held, sondern ein Mann, der begreifen muss, was der Krieg aus ihm gemacht hat. Die eigentliche Heimkehr besteht deshalb nicht darin, Ithaka zu erreichen. Odysseus muss zuerst wieder lernen, ein Mensch zu sein.