Mit THE LONELIEST MAN IN TOWN setzen Tizza Covi und Rainer Frimmel ihre langjährige Arbeit an der Schnittstelle von Dokumentarfilm und Fiktion fort. Im Zentrum steht der Wiener Bluesmusiker Alias Koch, bekannt als Al Cook, dessen reales Leben zur Grundlage einer ebenso präzisen wie menschlichen filmischen Erzählung wird.
THE LONELIEST MAN IN TOWN – Leidenschaft, Durchhaltewillen und Einsamkeit
- Publiziert am 24. Februar 2026
Ein warmherziges Porträt über Musik, Durchhaltewillen und einen Mann, dessen Leben untrennbar mit seiner Stadt verbunden ist.
THE LONELIEST MAN IN TOWN | SYNOPSIS
Al Cook lebt umgeben von seinen Erinnerungen. Seine Wohnung und sein Keller sind vollgestopft mit Büchern, Videokassetten und Schallplatten. Es ist alles, was ihm von einem Leben in vollen Zügen geblieben ist. Die Zeit scheint hier stillzustehen, während sich ausserhalb seiner vier Wände die Erde weitergedreht hat. Der Blues, die Musik, die Al alles bedeutet, gerät allmählich in Vergessenheit. Seine Heimatstadt fühlt sich nicht mehr wie ein Zuhause an, und der Verlust seiner geliebten Frau schmerzt ihn noch immer täglich. Als eine skrupellose Immobilienfirma sein Haus abreissen will, droht ihm auch dieser Rückzugsort zu entgleiten, und er steht vor den Trümmern seiner Existenz. Während er sich gezwungenermassen nach und nach von all den Schätzen seines Lebens verabschiedet, muss Al sich die Frage stellen: Wie weitermachen, wenn Erinnerungen alles sind, was ihm geblieben ist? Angesichts des drohenden Verlusts entscheidet er sich für einen radikalen Neuanfang.
Für uns im Wettbewerb der Berlinale 2026 gesehen, hat den Film arttv Chefredaktor Felix Schenker
Zwei Filmschaffende, ein radikal persönlicher Blick
Seit den 1990er-Jahren realisiert das zwischen Italien und Österreich arbeitende Regieduo Tizza Covi und Rainer Frimmel, Filme, die konsequent Menschen ins Zentrum stellen, die ausserhalb klassischer Erfolgsbiografien stehen. Bereits Werke wie LA PIVELLINA oder MISTER UNIVERSO (im Wettbewerb des Filmfestival Locarno 2016) entstanden aus engen persönlichen Beziehungen zu ihren Protagonist:innen und verbinden dokumentarische Beobachtung mit erzählerischer Verdichtung. Charakteristisch für ihre Arbeitsweise ist zudem die Produktion im Miniteam – oft drehen Covi und Frimmel praktisch allein. Diese reduzierte Form des Filmemachens schafft eine intime Atmosphäre, in der sich Menschen natürlich bewegen können, ohne den Druck einer grossen Filmcrew. Die Kamera wird dadurch zum stillen, unaufdringlichen Begleiter. Diese Nähe, Spontaneität und Authentizität prägen auch THE LONELIEST MAN IN TOWN.

Ein Musikerleben zwischen Bühne, Wohnung und Blues
Alias Koch – Künstlername Al Cook – steht selbst vor der Kamera und verkörpert keine erfundene Figur, sondern eine fiktionalisierte Version seiner eigenen Person. Der Film begleitet den Wiener Bluesmusiker zu Konzerten, Proben und Begegnungen im Alltag, zeigt ihn bei der Organisation seiner Auftritte und auf kleinen Bühnen, auf denen er mit grosser Überzeugung seine Musik lebt. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch das Räumen seiner Wohnung: Das Haus, in dem Koch geboren wurde und bis heute lebt, soll abgerissen werden. Alles, was sich über Jahrzehnte angesammelt hat, wird deshalb verkauft – darunter auch seine umfangreiche Elvis-Presley-Sammlung. Der amerikanische Superstar war ausschlaggebend dafür, dass Koch überhaupt zur Musik fand, denn bis zu seinem 15. Lebensjahr spielte Musik in seinem Leben kaum eine Rolle.
Mehr als ein Musikerporträt
Neben dem Leben von Alias Koch erzählt THE LONELIEST MAN IN TOWN jedoch noch eine zweite Geschichte: jene einer Stadt im Wandel, in der zunehmend alte Häuser verschwinden und langjährige Bewohner:innen ihre Wohnungen verlieren. Wie sich diese Entwicklung konkret im Fall von Koch zuspitzt, soll an dieser Stelle allerdings nicht verraten werden. Äusserst witzig ist allerdings zu beobachten, mit welchen teils absurden Mitteln die Immobilienhaie versuchen, den Musiker aus seiner Wohnung zu ekeln – während Koch selbst dabei stets höflich, ruhig und beinahe stoisch bleibt. Gerade in diesen Momenten zeigt sich, wie präzise Covi und Frimmel auf ihren Protagonisten eingehen: Sie stellen ihn nie bloss, sondern lassen seine Gelassenheit, seinen Humor und seine Würde ganz aus sich selbst heraus wirken. Dadurch entsteht ein ebenso komischer wie zutiefst menschlicher Blick auf eine existenziell ernste Situation.
Fazit:
Covi und Frimmel verdichten reale Situationen zu einem Film, der von grosser Menschlichkeit, stillem Durchhaltewillen und einer feinen Heiterkeit getragen wird. Das zeigt sich auch in einer ebenso überraschenden wie köstlichen Geschichte darüber, weshalb ihn seine erste Freundin einst verlassen hat – ein Ereignis, das Koch gleichermassen überraschte wie traurig machte. Gerade diese Mischung aus Melancholie und Humor macht THE LONELIEST MAN IN TOWN zu einem ebenso berührenden wie lebensnahen Kinoerlebnis.