
SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Rolf Breiner
Ein Leben im Dialog
Es beginnt mit einer Begegnung – und wird zu einer jahrelangen filmischen Reise. Als Sabine Lidl und der Basler Filmemacher Dani Levy 2016 Paul Auster in New York besuchen und dort auch Siri Hustvedt kennenlernen, entsteht die Idee für ein Projekt, das weit über ein klassisches Autorenporträt hinausgeht. SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF ist denn auch kein Film über zwei Berühmtheiten der Literatur, sondern ein sensibles Geflecht aus Stimmen, Bildern und Erinnerungen.
Die Sprache als Material
Im Zentrum steht Siri Hustvedt: Schriftstellerin, Essayistin, Zeichnerin – und eine prägende Stimme der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Lidl versucht gar nicht erst, diese komplexe Persönlichkeit in eine eindeutige Form zu zwingen. Stattdessen arbeitet sie essayistisch, tastend, offen. Ein zentrales Element sind die Texte selbst: Hustvedt liest vor, reflektiert, tritt in einen Dialog mit sich und der Kamera. Diese Momente verleihen dem Film eine besondere Tiefe; sie machen Literatur unmittelbar erfahrbar.
Orte der Erinnerung
Gleichzeitig durchziehen visuelle Impressionen den Film: Reisen, Landschaften, Orte des Erinnerns. Besonders eindrücklich ist ein Besuch im norwegischen Vardø, wo ein Mahnmal an die Opfer der Hexenverfolgung erinnert – gestaltet unter anderem vom Architekten Peter Zumthor. Hier verdichten sich Themen, die den Film durchziehen: Geschichte, Gewalt, weibliche Erfahrung. Begegnungen mit Künstlern wie Wim Wenders oder die Präsenz von Louise Bourgeois’ Arbeiten erweitern den Horizont, ohne je vom Kern abzulenken.
Zwei Leben, ein Gespräch
Dieser Kern ist die Beziehung zwischen Hustvedt und Auster. Vierzig Jahre lang waren sie ein Paar – Gefährten, Gegenüber, kreative Spiegel. Der Film zeigt diese Verbindung nicht als Mythos, sondern als gelebte Realität: im gemeinsamen Lesen, im Gespräch, in stillen Momenten. Umso berührender ist das letzte Interview mit Paul Auster vor seinem Tod 2024. Hier kippt das Porträt endgültig in eine Meditation über Vergänglichkeit.
Die Kunst des Dazwischen
Lidl gelingt es, die grossen Themen – Liebe, Kunst, Identität, Tod – nicht zu behaupten, sondern aus dem Material heraus entstehen zu lassen. SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF bleibt dabei stets nah an seiner Protagonistin, ohne sie zu vereinnahmen. Es ist ein Film, der sich Zeit nimmt, der Zwischenräume zulässt – was seine Stärke ausmacht.
Fazit
SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF überzeugt vor allem dann, wenn der Film ganz bei seiner Protagonistin bleibt: in den Lesepassagen, den Gesprächen und den leisen Momenten nach dem Tod von Paul Auster. Weniger zwingend sind einzelne kunsthistorische Abschweifungen, die den Fokus kurz lockern. Insgesamt aber gelingt Sabine Lidl ein präzises, vielschichtiges Porträt, das zeigt, wie eng Leben, Schreiben und Lieben miteinander verwoben sein können – und was es bedeutet, wenn dieses gemeinsame Gefüge auseinanderbricht.
