Der italienische Regisseur Damiano Michieletto verlegt sein filmisches Erzählen an einen ebenso realen wie symbolisch aufgeladenen Ort: das Ospedale della Pietà in Venedig. In diesem Waisenhaus, das zugleich als musikalische Eliteinstitution fungiert, entfaltet sich eine Geschichte über Talent, Begrenzung und den Wunsch nach Selbstbestimmung – getragen von der Kraft der Musik.
PRIMAVERA
- Publiziert am 2. Januar 2026

Ein ausführliche Rezension folgt auf den Filmstart
Hinter Gittern, vor der Welt
Cecilia ist zwanzig Jahre alt und lebt seit ihrer Kindheit im Ospedale della Pietà. Sie ist eine herausragende Geigerin, Teil eines Orchesters, das weit über Venedig hinaus berühmt ist. Doch der Ruhm endet an den Mauern der Institution. Die jungen Musikerinnen dürfen nur hinter Gittern auftreten, abgeschirmt von der Öffentlichkeit, bestaunt von wohlhabenden Mäzenen, aber ohne Aussicht auf ein Leben ausserhalb dieser Welt. Die Musik öffnet Cecilias Geist – nicht jedoch die Türen, die sie umgeben.

Ein Frühlingswind namens Vivaldi
Der Stillstand gerät ins Wanken, als ein neuer Geigenlehrer eintrifft: Antonio Vivaldi. Mit ihm hält ein anderer Blick auf Musik Einzug – lebendiger, wagemutiger, freier. Für Cecilia wird dieser Moment zum Wendepunkt. Was bisher Ordnung war, beginnt sich zu verschieben. Der Frühling, der dem Film seinen Titel gibt, ist dabei mehr als eine Jahreszeit: Er steht für Aufbruch, Verunsicherung und die Möglichkeit eines anderen Lebens.
Kino zwischen Musik und Emanzipation
Michieletto erzählt PRIMAVERA mit grosser Sensibilität für Körper, Räume und Klänge. Die Musik ist nicht bloss historisches Kolorit, sondern Motor der Erzählung – Ausdruck von Sehnsucht und Widerstand zugleich. Die Inszenierung bleibt nah bei den Figuren und macht spürbar, wie sehr Kunst zugleich befreien und einsperren kann.

Fazit
PRIMAVERA ist ein fein komponierter Film über weibliches Talent in einer begrenzten Welt – und über den Moment, in dem sich ein Spalt öffnet. Ein Kino des leisen Aufbegehrens, getragen von Musik, Blicken und dem Versprechen eines Frühlings, der alles verändern könnte.
