Der psychologische Thriller von Johanna Moder mit der wunderbaren Marie Leuenberger (DIE GÖTTLICHE ORDNUNG) in der Hauptrolle kratzt am Mythos der bedingungslosen Mutterliebe. Visuelle Düsternis trifft auf den Kontrast von Schönheit und Schmerz und hinterfragt die gesellschaftlichen Erwartungen an die bedingungslose Liebe einer Mutter.
MOTHER’S BABY
MOTHER’S BABY | SYNOPSIS
Julia, 40, eine erfolgreiche Dirigentin und ihr Partner Georg, 44, sehnen sich verzweifelt nach einem Kind, bis der Arzt Dr. Vilfort ihnen Hoffnung gibt. Nach der erfolgreichen Behandlung in seiner Klinik wird Julia schwanger. Doch die Geburt verläuft anders als erwartet, und der Säugling wird sofort weggebracht. Julia wird im Unklaren gelassen, was passiert ist. Als sie das Kind schliesslich erhält, fühlt sie sich merkwürdig distanziert. Sie zweifelt sogar, ob es wirklich ihr Kind ist.
DIE REGISSEURIN
Mit ihrem Spielfilm «Waren einmal Revoluzzer» gewann Johanna Moder zahlreiche Preise, unter anderem beim Max Ophüls Festival 2020 den Preis für die beste Regie. Zudem führte sie bei der von SRF mitproduzierten Dramaserie «School of Champions» die Co-Regie.
MOTHERS BABY | REZENSION
Für uns gesehen (an der Berlinale) hat Felix Schenker
Ein stiller Alptraum der Mutterschaft
Was geschieht, wenn das eigene Empfinden plötzlich nicht mehr verlässlich ist? MOTHERS BABY nähert sich dieser Frage mit einer kühlen Konsequenz, die lange nachwirkt. Der Film erzählt keine klassische Mutter-Kind-Geschichte, sondern entwirft ein psychologisches Spannungsfeld zwischen Körper, Kontrolle und gesellschaftlichen Erwartungen. Mutterschaft erscheint hier nicht als natürlicher Zustand, sondern als Zumutung – medizinisch begleitet, emotional reguliert, sozial überwacht.
Der Körper als Konfliktzone
Im Zentrum steht eine Frau, deren Schwangerschaft und frühe Mutterschaft zunehmend von Zweifeln und Irritationen begleitet wird. Ärztliche Autoritäten, routinierte Abläufe und gut gemeinte Ratschläge verdichten sich zu einem System, das Sicherheit verspricht, zugleich aber Entfremdung erzeugt. Der weibliche Körper wird vermessen, beobachtet, bewertet – und der innere Kompass der Protagonistin gerät aus dem Gleichgewicht.
Der Film erzählt diese Verschiebung nicht über Erklärungen, sondern über Wahrnehmung: Blicke, Geräusche, kleine Verschiebungen im Alltag werden zu Trägern eines wachsenden Unbehagens.
Präzise Inszenierung, starke Präsenz
Die Inszenierung bleibt bewusst zurückhaltend. Kühle Bildkompositionen, eine reduzierte Tonspur und ein kontrolliertes Erzähltempo erzeugen eine Atmosphäre latenter Bedrohung. Besonders die Hauptdarstellerin Marie Leuenberger – mit grosser physischer Präsenz und feiner innerer Spannung – trägt den Film. Ihr Spiel lebt von Nuancen, von kaum wahrnehmbaren Brüchen zwischen Anpassung und Widerstand. MOTHERS BABY verweigert klare Zuordnungen: Ist das Misstrauen berechtigt oder Ausdruck einer inneren Krise? Genau in dieser Schwebe entfaltet der Film seine Stärke.
Mutterschaft ohne Verklärung
Bemerkenswert ist der konsequente Verzicht auf emotionale Entlastung. Nähe entsteht hier nicht automatisch, Bindung ist kein Versprechen, sondern eine fragile Möglichkeit. Der Film stellt damit gängige Narrative von Mutterschaft radikal infrage – ohne Provokation, aber mit analytischer Schärfe. Das Private wird politisch, der intime Zweifel gesellschaftlich lesbar.
Fazit
MOTHERS BABY ist ein präziser, unbequemer Film über Mutterschaft als Erfahrungsraum zwischen Selbstverlust und Selbstbehauptung. Ein leises, aber nachhaltiges Werk, das weniger Antworten gibt als Fragen stellt – und genau darin seine Kraft entfaltet.
