Mitreissend, intensiv und visuell berauschend: Regisseur Josh Safdie, bekannt für Adrenalinkicks wie UNCUT GEMS, meldet sich mit seinem ersten Soloprojekt, dem Sportler-Drama MARTY SUPREME, zurück. Der Film, der lose vom Leben der Tischtennislegende Marty Reisman inspiriert ist – aber eine fiktionalisierte Geschichte erzählt –, galt als potenzieller Oscar-Anwärter. Gereicht hat es nicht, ansehen sollte man sich den Film trotzdem unbedingt.
MARTY SUPREME – Ein Grossmaul auf dem Weg zur Selbsterkenntnis
MARTY SUPREME | SYNOPSIS
Marty Mauser (gespielt von Timothée Chalamet), ein junger Schuhverkäufer aus der Lower East Side, hat einen grossen Traum: Er will Tischtennis-Weltmeister werden und den Sport zu weltweitem Ruhm führen.
Getrieben von diesem Ziel, setzt Marty, der sich selbst als geborenen Performer sieht, alles auf eine Karte. Er beginnt, anstatt in einem regulären Sportbetrieb, in der Welt der Tischtennis-Zocker um Geld zu spielen. Seine Odyssee führt ihn durch verschiedene Herausforderungen und Rückschläge. Trotz der Skepsis seines Umfelds und familiärer Probleme verfolgt er unermüdlich seinen Weg, um seinen Traum vom «Pingpong-Olymp» zu verwirklichen.
Starbesetzung und Oscar-Ambitionen
Neben Timothée Chalamet ist der Film mit einer beeindruckenden Besetzung gespickt. Die A24-Produktion, die mit einem Budget von rund 60 bis 70 Millionen US-Dollar als eine der teuersten des Studios gilt, setzt auf hochwertige Produktion und die bewährte Zusammenarbeit mit Kameramann Darius Khondji und Cutter Ronald Bronstein. Seine umjubelte Premiere feierte MARTY SUPREME, der als Oscar-Anwärter gehandelt wurde, beim New York Film Festival im Oktober 2025.
MARTY SUPREME | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Walter Gasperi
Atemlos duch New York
Schon die ersten Bilder ziehen einen unmittelbar in Marty Mausers Welt hinein. Darius Khondjis Kamera klebt förmlich an der Hauptfigur, verfolgt sie durch das Lager des Schuhgeschäfts seines Onkels, durch Strassen, Hotelzimmer und Spielhallen. Diese extreme Nähe erzeugt eine nervöse, fast klaustrophobische Energie. Marty ist redegewandt, charmant und skrupellos zugleich — ein Verkäufer, der Menschen ebenso schnell einwickelt wie er sie wieder fallen lässt. Safdie beschwört das New York der frühen 1950er-Jahre mit detailreicher Ausstattung, warmen Braun- und Grüntoenen und körnigem 35-mm-Look, doch Nostalgie kommt dabei kaum auf. Stattdessen dominiert permanenter Druck: Geldnot, sexuelle Eskapaden, Betrug und riskante Deals treiben den rastlosen Antihelden von Szene zu Szene, während selbst die Schwangerschaft seiner Geliebten für ihn nur eine Randnotiz bleibt.
Kein Sportfilm, sondern ein Porträt eines Getriebenen
Die Tischtennisszenen sind überraschend knapp gehalten. Statt sportlicher Dramaturgie dominieren Montagen, Reisen und dubiose Geldbeschaffungsaktionen. Marty bestiehlt seinen Onkel, zockt Amateurspieler ab, lässt sich von zwielichtigen Figuren engagieren und versucht gleichzeitig, wohlhabende Förderer für sich einzunehmen. Das Spiel selbst wird zur Nebensache — wichtiger ist der permanente Kampf ums Überleben und um Anerkennung. Wenn er beim British Open grossspurig seinen Sieg ankündigt und dann brutal scheitert, wirkt das weniger wie eine sportliche Niederlage als wie ein Zusammenstoss mit der Realität. Die erhoffte Revanche in Tokio erscheint folgerichtig eher als Flucht nach vorn denn als sportliche Mission.
Ein Antiheld zwischen Abstossung und Faszination
Herzstück des Films ist Timothee Chalamet, der Marty nicht als strahlenden Sieger, sondern als unreifes Grossmaul mit Hang zur Selbstüberschaetzung spielt. Seine Figur nutzt Menschen aus, überschreitet Grenzen und bleibt dennoch seltsam magnetisch. Gerade diese Ambivalenz macht den Film so packend: Man lehnt Martys Egozentrik ab und bewundert zugleich seine Dreistigkeit und seinen unerschütterlichen Glauben an sich selbst. Dass er sich letztlich nicht kaufen lässt und kompromisslos seine Meinung vertritt, verleiht ihm eine widersprüchliche Integrität. So entsteht weniger eine klassische Aufstiegsgeschichte als vielmehr das Porträt eines Mannes, der erst durch Demütigungen und Abstürze lernt, Verantwortung zu übernehmen — ohne dabei seine kantige Persönlichkeit völlig abzulegen.
Fazit
MARTY SUPREME ist kein Wohlfühl-Sportfilm, sondern ein fiebriges Charakterdrama über Grössenwahn, Scheitern und Selbstfindung. Josh Safdie inszeniert einen rastlosen Trip durch die Psyche eines Mannes, der unbedingt der Beste sein will — und gerade deshalb immer wieder stolpert. Getragen von einer herausragenden Performance Timothee Chalamets entwickelt der Film eine Sogwirkung, die ebenso anstrengend wie faszinierend ist. Ein sperriges, intensives Werk, das weniger mit Triumph als mit Erkenntnis endet.
IN SCHLAGWORTEN – ARGUMENTE, DIE FÜR DEN FILM SPRECHEN
Regie von Josh Safdie: In seinem ersten Solo-Regieprojekt seit 2008 liefert Safdie ein «Meisterwerk des organisierten Chaos» und knüpft mit seinem rasanten, aufregenden und nervenaufreibenden Film an seinen früheren Erfolg mit UNCUT GEMS an.
Vitalität: MARTY SUPREME bietet einen regelrechten Adrenalinrausch. Trotz der Länge des Films von 155 Minuten vergeht die Zeit wie im Fluge.
Timothée Chalamet: Zeigt die beste Leistung seiner bisherigen Karriere.
Technik und Stil: Die Filmmusik (von Daniel Lopatin), der Schnitt und die Cinematografie tragen zur intensiven Atmosphäre des Films bei.
Warum Empfehlung: MARTY SUPREME ist das Richtige für Fans von energiegeladenen Dramen mit herausragenden schauspielerischen Leistungen und einer bestechenden Regieästhetik. Obwohl der Film lose auf dem Leben eines Tischtennisspielers basiert, ist er mehr als ein reiner Sportfilm und so gesehen auch für Arthouse-Liebhaber:innen eine Empfehlung.