Mit einer stilvollen Schwarz-Weiss-Ästhetik und einer starken Leistung von Benjamin Voisin als Meursault überzeugt Regisseur François Ozon einmal mehr. Sein Film bietet Einblicke in Themen wie Existenzialismus und die Absurdität des Lebens. Mehr dazu auf den Filmstart.
L’ÉTRANGER – Philosophische Adaption des Camus-Klassikers
L’ÉTRANGER | SYNOPSIS
Algier, 1938. Meursault, ein junger Mann um die dreissig, ein bescheidener Angestellter, begräbt seine Mutter, ohne die geringste Emotion zu zeigen. Am nächsten Tag beginnt er eine Affäre mit Marie, einer Kollegin aus dem Büro. Dann kehrt er zu seinem Alltag zurück. Doch sein Nachbar Raymond Sintès stört seinen Alltag, indem er ihn in zwielichtige Geschichten verwickelt, bis es schliesslich unter der sengenden Sonne zu einem Drama am Strand kommt …
DAS BUCH ZUM FILM
Der Roman «Der Fremde» von Albert Camus, 1942 erschienen, gilt als ein Schlüsselwerk des Existenzialismus und Absurdismus. Der Roman erzählt die Geschichte von Meursault, einem Büroangestellten in Algerien, der nach dem Tod seiner Mutter einen Araber erschiesst, wobei er vor Gericht eher wegen seiner gefühllosen Haltung als wegen des Mordes verurteilt wird. Das Werk zeichnet sich durch einen lakonischen Stil aus und thematisiert die Sinnlosigkeit des Lebens und die Fremdheit des Individuums in einer gleichgültigen Welt.

L’ÉTRANGER | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Rolf Breiner
Sich selbst fremd sein
Ein Mann ohne Regung wird zum Angeklagten – und zum Spiegel einer Welt, die Gefühle verlangt, wo keine sind. François Ozon nähert sich dem Roman L’Étranger von Albert Camus nicht ehrfürchtig, sondern eigensinnig: Er verschiebt Perspektiven, verdichtet Situationen und setzt früh einen harten, unmissverständlichen Ausgangspunkt. Die berühmte Tat steht nicht am Ende, sondern am Anfang – ein Satz, trocken gesprochen, fast beiläufig: «Ich habe einen Araber getötet.» Von da an entfaltet sich ein filmischer Rückblick, der weniger nach Motiven sucht als nach Zuständen – nach einer Existenz, die sich jeder emotionalen Zuschreibung entzieht.
Ein Leben ohne Resonanz
Meursault, gespielt von Benjamin Voisin, ist kein klassischer Antiheld, sondern eine Leerstelle. Er reagiert nicht, wo andere fühlen würden, bleibt distanziert, wo Nähe erwartet wäre. Weder der Tod der Mutter noch die Begegnung mit Marie (Rebecca Marder) vermögen ihn zu erreichen. Selbst seine Verbindung zu Raymond (Pierre Lottin) wirkt weniger wie Freundschaft als wie ein funktionales Nebeneinander. Ozon zeichnet diesen Zustand nicht als Provokation, sondern als radikale Form der Abwesenheit – ein Mensch, der nicht rebelliert, sondern schlicht nicht teilnimmt.
Die Tat als Konsequenz eines Zustands
Der Mord geschieht fast zwangsläufig, nicht aus Leidenschaft, sondern aus einer merkwürdigen Mischung aus Überforderung und innerer Leere. Das gleissende Licht, die Spannung am Strand, die eskalierende Situation – all das kulminiert in einem Moment, der weniger Entscheidung als Entladung ist. Ozon inszeniert diese Szene kühl, präzise, ohne dramatische Überhöhung. Auch im anschliessenden Prozess bleibt Meursault unbewegt, verweigert Verteidigung wie Trost, entzieht sich jeder Deutung. Die Justiz reagiert darauf mit umso grösserer Härte – als müsse sie eine Leerstelle bestrafen, die sie nicht begreifen kann.
Ein kaltes Kunstwerk von beklemmender Klarheit
Gedreht in streng komponierten Schwarzweissbildern, entwickelt der Film eine formale Strenge, die sich konsequent mit seiner Hauptfigur verschränkt. François Ozon schafft kein psychologisches Porträt, sondern eine Studie über Entfremdung – und über eine Gesellschaft, die Emotionalität als moralische Pflicht einfordert. Dass Themen wie Kolonialismus oder Rassismus mitschwingen, bleibt bewusst im Hintergrund; entscheidend ist die existenzielle Kälte im Zentrum. So entsteht ein Film, der nicht erklärt, sondern ausstellt – und gerade dadurch lange nachwirkt.
Fazit
L’ÉTRANGER ist ein kompromissloser, formal präziser Film, der seine Zuschauer nicht abholt, sondern ihnen gegenübertritt. Ein unterkühltes, konsequent durchgezogenes Werk – und ein eindringliches Porträt eines Menschen, der sich selbst fremd bleibt.

IN SCHLAGWORTEN: WARUM WIR DEN FILM LIEBEN
L’ÉTRANGER thematisiert zentrale philosophische Ideen aus Camus’ Roman, darunter Existenzialismus und die Absurdität des Lebens, die durch die Darstellung der Hauptfigur Meursault erforscht werden.
Philosophische Tiefe: Ozon wählt eine stilvolle Schwarz-Weiss-Ästhetik, die zur ruhigen und oft distanzierten Stimmung des Films beiträgt.
Überzeugende schauspielerische Leistung: Benjamin Voisin liefert eine starke Leistung als der apathische Meursault, was für den Film entscheidend ist, um die innere Haltung der Figur nach aussen zu tragen.
Glaubwürdige Darstellung der Absurdität: Obwohl der Roman schwer in eine visuelle Form zu bringen ist, gelingt es Ozon, die innere Gefühlswelt Meursaults darzustellen, insbesondere in Szenen, in denen er mit seiner Freundin Marie über die Ehe spricht oder sich im Gefängnis mit einem Geistlichen auseinandersetzt.
Humorvoller Ton: Der Film ist nicht nur ein philosophisches Drama, sondern beinhaltet auch humorvolle Momente. So wird die von einem Geistlichen zu Beginn des Films gegebene Lebensberatung mit der «freundlichen Absurdität» in Verbindung gebracht, da Meursault die «zärtliche Gleichgültigkeit der Welt» als Trost akzeptiert.
Ein passender Abspann: Der Film endet mit dem Song «Killing an Arab» von The Cure, was eine passende und humorvolle Note hinzufügt und die Verbindung zu Camus’ Romanherkunft unterstreicht.

