Im Zentrum von LA GRAZIA steht ein italienischer Präsident am Ende seiner Amtszeit, eindringlich verkörpert von Toni Servillo, der mit Entscheidungen konfrontiert wird, die sich weder politisch noch moralisch eindeutig auflösen lassen.
LA GRAZIA – ein Film über Macht, Gewissen und Vergebung
LA GRAZIA | SYNOPSIS
Mariano De Santis ist der Präsident der Italienischen Republik. Der Witwer und gläubige Katholik lebt mit seiner Tochter Dorotea zusammen, die wie er Rechtswissenschaftlerin ist. Gegen Ende seiner Amtszeit erwartet ihn eine letzte Verantwortung: die Entscheidung über zwei heikle Gnadengesuche. Diese Fälle stellen ihn vor schwerwiegende moralische Dilemmata, die eng mit seinem persönlichen Leben verwoben sind und kaum voneinander zu trennen scheinen. Während Zweifel an ihm nagen, ringt er mit den Fragen von Recht, Gerechtigkeit und Verantwortung. Am Ende steht eine Entscheidung, die das Spannungsfeld zwischen Amt und Privatleben sichtbar macht.
LA GRAZIA | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Djamila Zünd
Entscheidungen am Abgrund
Mit LA GRAZIA setzt Paolo Sorrentino seine filmische Auseinandersetzung mit Persönlichkeiten fort, die an der Spitze von Macht und Verantwortung stehen. Doch anders als man bei einem Film über ein Staatsoberhaupt erwarten könnte, interessiert ihn weniger die Ausübung von Autorität als das, was sich im Inneren eines Entscheidungsträgers abspielt – insbesondere das Gewicht von Entscheidungen. Im Zentrum steht Mariano De Santis, ein fiktiver Präsident der italienischen Republik, verkörpert von Toni Servillo, mit dem Sorrentino bereits mehrfach zusammengearbeitet hat. De Santis gilt als Inbegriff der Integrität. Sein Spitzname lautet «Stahlbeton». Als angesehener Jurist hat er seine Karriere auf der Klarheit des Rechts aufgebaut. Doch am Ende seines siebenjährigen Mandats wird er plötzlich von Zweifel erfasst. Vor ihm liegt eine Entscheidung von enormer Tragweite: Soll er ein Gesetz unterzeichnen, das assistierten Suizid erlaubt – in einem Land, dessen gesellschaftliche Debatte stark vom katholischen Erbe geprägt ist? Gleichzeitig besitzt er die präsidiale Macht, zwei Verurteilte zu begnadigen, deren Handlungen die Grenze zwischen Verbrechen und dem Versuch, das Leiden geliebter Menschen zu beenden, verschwimmen lassen. Das Recht, das De Santis souverän beherrscht, erweist sich plötzlich als unzureichend gegenüber der Komplexität der Realität.
Gegen die Beschleunigung der Welt
Der Film entfaltet sich in den prunkvollen Räumen des Quirinalspalastes, dem Symbol der römischen Staatsmacht. Diese Opulenz wirkt jedoch nicht erdrückend. Vielmehr bildet sie einen beinahe ironischen Gegenpol zur wachsenden Einsamkeit der Hauptfigur. Visuell ist jeder Blick sorgfältig komponiert. Sorrentino lässt seine Bilder atmen und gibt dem Film eine ruhige, beinahe meditative Erzählweise. In einer Zeit, die von Reizüberflutung und permanenter Beschleunigung geprägt ist, wirkt diese Langsamkeit beinahe wie ein Gegenentwurf. Als Zuschauer:in verspürt man mitunter den Impuls, das Geschehen schneller voranschreiten zu sehen, endlich zu erfahren, wie sich der Präsident entscheidet. Doch gerade diese Ungeduld scheint Teil des Konzepts zu sein: Der Film legt den Finger auf unsere eigene Schwierigkeit, Zweifel auszuhalten, ohne ihn sofort auflösen zu wollen.
Frage der Sterbehilfe
Mit diesem dichten und sorgfältig komponierten Film beobachtet Sorrentino seine Figuren in der ganzen Komplexität ihrer Beziehungen. Rund um den Präsidenten entfaltet sich ein Geflecht aus Loyalitäten, Freundschaften, institutionellen Rollen und persönlichen Bindungen. Der Film berührt dabei eine Vielzahl von Themen: unerschütterliche Liebe, Freundschaft im Spannungsfeld politischer Kompromisse, die Müdigkeit von Institutionen, den Stolz militärischer Traditionen, aber auch den Idealismus junger Generationen. Ebenso tauchen Motive wie Langeweile, Erschöpfung oder die ambivalente Haltung gegenüber der Moderne auf. Selbst scheinbar beiläufige Elemente – etwa die Beziehung zu Haustieren – eröffnen überraschende Perspektiven auf politische Überlegungen. Ausgehend von der Frage der Sterbehilfe verzweigt sich die Erzählung in zahlreiche thematische Linien, die sich im Verlauf des Films zunehmend miteinander verbinden.
Fazit
Der Titel LA GRAZIA lässt bewusst mehrere Bedeutungen offen. Gemeint sein kann die juristische Begnadigung, eine gesellschaftliche Haltung oder eine persönliche Form der Befreiung. Der Film beantwortet diese Frage nicht eindeutig. Stattdessen schlägt Sorrentino Möglichkeiten vor und überlässt es dem Publikum, eigene Schlüsse zu ziehen. So entsteht ein präzise gebauter Film, der nicht auf schnelle Antworten setzt, sondern Raum für Reflexion lässt – getragen von einer eindringlichen Darstellung Toni Servillos und einer Bildsprache von grosser Eleganz. Ein ebenso intelligentes wie faszinierendes Kinoerlebnis, das lange nachhallt und zum Weiterdenken anregt.
Paolo Sorrentino – der Poet der inneren Zustände
Paolo Sorrentino (geb. 1970 in Neapel) zählt zu den markantesten Autorenfilmern des europäischen Gegenwartskinos. International bekannt wurde er mit IL DIVO (2008) und spätestens mit dem Oscar-prämierten LA GRANDE BELLEZZA (2013). Seine Filme kreisen um Macht, Vergänglichkeit, Schönheit und Einsamkeit – erzählt in einer unverwechselbaren Bildsprache zwischen barocker Opulenz und existenzieller Melancholie. Mit LA GRAZIA wendet sich Sorrentino einer stilleren, konzentrierteren Form zu und führt seine Auseinandersetzung mit Moral, Verantwortung und dem Menschen hinter der Rolle konsequent weiter.


