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Hit the Road

Eine vierköpfige Familie samt Hund, Kind und Kegel macht sich in einem Leihwagen auf eine scheinbar ziellose Reise …

Der Roadtrip der Familie führt durch die wunderschöne, gebirgige Landschaft des iranischen Nordens. Die Stimmung ist ausgelassen, Popsongs werden gesungen, Geschichten erzählt, Zwischenstopps eingelegt. Alle lieben sie sich – alle sind sie am Rande des Nervenzusammenbruchs. Je länger die Fahrt andauert, desto greifbarer wird die Anspannung, schliesslich hat diese Reise einen ganz bestimmten Grund.

Hit the Road | Synopsis

Das Roadmovie einer aussergewöhnlichen Familie zu einem geheimen Ort. Auf dem Rücksitz hat der Vater ein gebrochenes Bein, aber ist es wirklich gebrochen? Die Mutter versucht zu lachen, wenn sie sich das Weinen nicht verkneifen kann. Das Kind stimmt immer wieder ein einstudiertes Karaokestück an. Alle machen sich Sorgen um den kranken Hund und regen sich gegenseitig auf. Nur der geheimnisvolle grosse Bruder schweigt.

Hit the Road | Stimmen

«Regisseur Panah Panahi, Sohn vom Filmemacher Jafar Panahi, beweist in diesem aufsehenerregenden Debüt ein feines Gespür für absurde Situationskomik genauso wie für dramatische Momente.» – ZFF | «Unvergesslich, erschütternd, urkomisch … ein wunderbarer Erstlingsfilm.» – IndieWire

Rezension

von Madeleine Hirsiger

Wir befinden uns am Rande einer spärlich befahrenen Autobahn in der Wüste, irgendwo nahe der Grenze im Norden Irans. Ein Klavierstück von Schubert, das ein kleiner Junge imaginär auf dem Gipsbein seines Vaters «spielt», wo ein paar Tasten rauf gemalt sind, führt uns in die Geschichte ein. Es ist heiss. Auf dem Hintersitz des geliehenen Autos der 6-jährige Wirbelwind, sein grummeliger Vater mit Gipsbein, am Steuer der wortkarge grosse Bruder, neben ihm die Mutter. Und dann nochmals die Frage: Hat wirklich niemand mehr ein Handy auf sich? Mit dieser Frage wird der Ton gesetzt, der sich durch den Film zieht, der ältere Bruder – ein junger Mann – soll aus dem Land gebracht werden. Um das Geld für den Schlepper zu besorgen, hat die Familie ihr Haus verpfändet. Es liegt eine latente Gefahr in der Luft, man hat das Gefühl, dass jeden Moment etwas passieren könnte.

Ein besonderer Roadtrip
Mit Schuld daran ist der quirlige, nicht zu bremsende, kreative kleine Bruder – eine pure Nervensäge, den man auch mal an einen Baum binden muss, damit er nicht rumrennt und alles durcheinanderbringt. Schreien kann er aber alleweil. Es sind wunderschöne, ruhige Bilder, die den Film von Panah Panahi prägen. Manchmal sind es Plansequenzen, also fixe Einstellungen, und man hat das Gefühl, der Regisseur lasse die Schauspieler frei interpretieren. Das schafft Authentizität. Die Geschichte, die sich vorwiegend im Auto abspielt, wird immer wieder mit Nebengeschichten bereichert. So überholt die Familie eine Radfahrergruppe, touchiert versehentlich einen Nachzügler, den sie dann – leicht verletzt – im Auto mitnehmen. Der Velofahrer ist ein grosser Fan von Lance Amstrong und lässt nichts über ihn kommen, auch wenn der Vater meint, der sei ein gedopter Betrüger gewesen.

Von Helden und fremden Galaxien
Auch dem Kino wird Ehre gezollt, wenn die Mutter den Sohn fragt, welches für ihn der beste Film der Welt sei: «2001: A Space Odyssey », weil er einen entspannt und man in die Galaxien eintaucht. Und «Batman» ist das Grösste für den kleinen Wirbelwind. Dann: Von einem Mann auf einem Moped mit bedecktem Gesicht bekommt die Familie Instruktionen. Die immer grüner werdende Landschaft versinkt im Nebel, sie verfahren sich, treffen später den Kontaktmann. Ihr Sohn wird mitgenommen – in Quarantäne, wie es heisst. Er werde wieder zurückgebracht, um sich zu verabschieden, wird dann aber nicht mehr gesehen. Dem kleinen Bruder, der schon immer wissen wollte, wohin die Reise geht, sagt man schliesslich, sein Bruder hätte sich aus dem Land geschlichen, um zu heiraten.

Neue alte Musik
Neben den Melodien Schuberts sind es die wunderbaren, schnulzigen und vor allem populären Liebes-Heimat-Landschaftslieder aus der Zeit vor der Revolution (1979), die den Film prägen. Sie erinnern an die Zeit bevor iranische Mullahs alles Weltliche verboten haben. Er habe ein Gegenstück zur heutigen desolaten Situation der iranischen Musik setzen wollen, denn das Regime toleriere solche Songs längst nicht mehr, sagt Panah Panahi. Sie wurde von Künstler:innen neu interpretiert und aufgenommen, die damals ins Ausland geflohen waren.

Der Sohn des grossen Vaters
Panah Panahi tritt mit seinem ersten Spielfilm in die Fussstapfen seines berühmten Vaters Jafna Panahi. Dieser wurde 2010 als Regimekritiker verhaftet und für 20 Jahre mit einem Berufs- und Reiseverbot belegt. Er hat aber einen Weg gefunden, weiterzuarbeiten: seine Geschichten spielen in Häusern oder in fahrenden Autos, wie zum Beispiel «Taxi Teheran», wo er selbst den Taxichauffeur spielt. Dieser Film wurde aus dem Land geschmuggelt und gewann 2015 an der Berlinale den Goldenen Bären. Es sind die verschiedenen, unaufgeregten Geschichten, gute Dialoge und immer wieder wunderbare Schauspieler, die diese Filme zum internationalen Erfolg verhelfen. Diesem Prinzip ist auch Panah Panahi gefolgt.

Fazit: Es ist eine spannende, gut in Szene gesetzte Flucht-Geschichte eines jungen Mannes, der in seinem Land keine Zukunft mehr sieht. Dem 38-jährigen Regisseur gelingt mit seinem Erstling «Hit the road» der Eintritt in die iranische – und internationale Filmszene, auch wenn man noch die Handschrift seines Vaters spürt.

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