Hanns Zischler als Thomas Mann und August Diehl als dessen Sohn Klaus sprechen über ihre Rollen in Pawel Pawlikowskis Film VATERLAND. Sie erzählen, wie sie sich ihren Figuren angenähert haben, weshalb der Regisseur nichts dem Zufall überlässt und wo der grosse Humanist Thomas Mann im Umgang mit einzelnen Menschen kläglich versagte. Dabei geht es auch um die Kunst des Schauspielens – und um die Frage, weshalb man im Kino mit Blicken spielt, auf der Bühne aber mit dem ganzen Körper.
Hanns Zischler und August Diehl | VATERLAND
- Publiziert am 8. Oktober 2026
«Thomas Mann wollte das zerbrochene Deutschland wieder zusammenkitten. Doch er musste erkennen, dass er gescheitert war.» – August Diehl
Mit Hanns Zischler und August Diehl sprach für uns Geri Krebs.
arttv.ch: Wie haben Sie beide reagiert, als Pawel Pawlikowski Sie anfragte, mit Thomas Mann und dessen Sohn Klaus zwei so bedeutende historische Persönlichkeiten zu verkörpern? Haben Sie sofort zugesagt oder brauchten Sie Bedenkzeit
August Diehl: Ich brauchte eine kurze Bedenkzeit, weil ich mich fragte, ob ich das überhaupt kann: in einem Film eines Meisters wie Pawel Pawlikowski mitspielen.
Hanns Zischler: Es ist ein Geschenk, eine grosse Ehre, wenn man bei Pawel Pawlikowski spielen darf. Ich zögerte keinen Moment. Ich kenne keinen anderen Regisseur, der sich so rigoros und präzise auf einen Dreh vorbereitet wie er. Da stimmt in jeder Einstellung jedes kleinste Detail, verstärkt noch durch das Schwarz-Weiss und das 4:3-Format. Was Letzteres anbelangt, bin ich überzeugt, dass es die Zuschauer:innen zu grösserer Konzentration zwingt als ein Breitwandformat.
Welchen Bezug hatten Sie beide zu den Figuren, die Sie verkörpern?
A.D.: Ich wusste über Klaus Mann nicht allzu viel. Über Thomas Mann und die schwierigen Konstellationen innerhalb dieser Künstlerfamilie wusste ich hingegen schon einiges. Ich wusste von Klaus Mann natürlich, dass MEPHISTO sein berühmtestes Buch war – ich habe es auch einmal gelesen –, dass er drogensüchtig war und Selbstmord beging. Aber verglichen mit der Rolle von Hanns, der unendlich viel über Thomas Mann weiss, ist meine Rolle ja auch eher klein.
H.Z.: Das stimmt überhaupt nicht! Der Film beginnt ja mit dir und hört mit dir auf, und alles ist vom Tod deiner Figur überschattet. Aber ja, was meine Figur betrifft, so habe ich mich schon sehr lange mit ihr befasst. Ich war 17, als ich erstmals etwas von Thomas Mann las. Schon damals hat mich seine Sprachgewalt überwältigt. Ich habe ja auch einige Hörbücher von ihm eingelesen. Ich kann also sagen, dass ich schon einigermassen vertraut mit ihm bin.
Gedreht wurde an verschiedenen Schauplätzen im polnischen Oberschlesien, die das zerstörte Deutschland des Jahres 1949 darstellen. Wurde dabei digital nachgeholfen, oder existieren diese Orte tatsächlich?
H.Z.: Nein, da ist nichts digital, alles ist real. Für die Eingangseinstellung wurden ein paar wenige Ruinenkulissen gebaut und vor die vorhandenen Fassaden gestellt. Es gibt ja dann wiederholt diese Fahrten mit dem Buick durch Strassen, in denen man Ruinen sieht. Das hat man für den Dreh so gelöst, dass ganz viel Gerümpel links und rechts der Strassen aufgetürmt wurde. Durch die Windschutzscheibe gefilmt, entsteht so der Eindruck, als würde man durch Ruinenlandschaften fahren.
A.D.: Ich spiele bei diesen Szenen ja nicht mit, aber ich war immer im Tross des Filmteams dabei. Pawel hat mich dabei vorsätzlich im Unklaren gelassen, wann er mich wieder braucht. Aber ich habe diese Fahrten durch Oberschlesien sehr genossen. Es sind Orte, von denen ich vorher noch nie etwas gehört hatte.
H.Z.: Auch für mich war das alles Terra incognita. Es ist unglaublich, was Pawel da für Locations gefunden hat.
«Ich habe das Gefühl, es geht in den Krieg», sagt Thomas Mann in einer der ersten Szenen des Films. Die Ambivalenz bezüglich dieser Deutschlandreise drückt sich darin deutlich aus. Ich fragte mich deshalb: Warum hatte er diese Einladung angenommen? War es Eitelkeit, Neugier oder Heimweh?A.D.: Ich glaube, mehr noch als die von Ihnen genannten Gründe war es sein Wunsch, dieses verwüstete, zerbrochene und vom Kalten Krieg bereits gespaltene Deutschland durch seine Präsenz wieder zusammenzukitten. Er wollte damit etwas erreichen, was ihm in seiner eigenen Familie nicht gelang, nämlich die Entfremdung und den Bruch – den mit seinem Sohn, aber ein Stück weit auch den mit seiner Tochter – überwinden. Das wollte er im grossen Stil mit und in Deutschland zustande bringen. Doch er musste dann erkennen, dass er darin gescheitert war.
H.Z.: Der Satz ist natürlich allein schon dadurch bemerkenswert, dass der Krieg ja erst wenige Jahre zuvor zu Ende gegangen war. Es gibt aber auch noch einen anderen Aspekt, den ich ebenso wichtig finde. Thomas Mann, der erst im Exil zu einem politischen Schriftsteller geworden war, hoffte, seine Leserinnen und Leser von früher hier in Deutschland wiederzufinden. Denn er war ja in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren ein äusserst bekannter und populärer Autor gewesen. Das ging sogar so weit, dass einige seiner Bücher in Deutschland noch bis 1936 verkauft wurden. Erst dann gab es ein totales Verbot. Aber dann war da ja der eigentliche Anlass: die doppelte Einladung wegen des 200. Geburtstags von Goethe. Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen: Thomas Mann hatte bis zu diesem Zeitpunkt zwölf lange Essays über Goethe geschrieben. Ohne Übertreibung kann man sagen: Seine Beschäftigung mit Goethe hatte auch etwas Obsessives, und er sah sich ein Stück weit als dessen legitimen Nachfolger in der deutschen Literatur. Denn in seiner Rede in Frankfurt und Weimar sagt er ja auch: «Ich trage die Botschaft Goethes weiter.»
Das bedeutete aber auch, dass ihn konkrete politische Verhältnisse nicht interessierten. So etwa in der Szene im Hotel in Weimar, als ein Mann zu ihm kommt und berichtet, die Sowjets würden im ehemaligen KZ Buchenwald schon wieder politisch missliebige Menschen einsperren. Worauf zwei herbeistürmende Sicherheitsleute den Mann unter den Augen von Thomas Mann verhaften und dieser einfach wegschaut …
H.Z.: Was hätte er denn schon machen können? Sie müssen sich vorstellen: Er war Staatsgast in der gerade entstehenden DDR und sollte eine Preisrede zu Goethe halten. Da wollte er die Inszenierung nicht stören, indem er diesen Vorfall in seiner Rede thematisiert hätte. Ich finde diese Szene im Übrigen ganz fantastisch, denn es ist in diesem so streng komponierten Film das einzige Mal, wo es ein bisschen Action gibt. (lacht)
A.D.: Thomas Mann war natürlich vom Menschentypus her einer, der sich nur für die Menschheit und die grossen Fragen interessierte. Dabei war er aber letztlich einer, der mit den einzelnen Menschen nichts anfangen konnte und dann in einer Situation wie dieser kläglich versagte.
Sie, Hanns Zischler, haben einmal gesagt, Sie seien kein Schauspieler, sondern Darsteller. Das lässt sich nachvollziehen, wenn man erlebt, wie Sie hier Thomas Mann durch und durch verkörpern. Aber es ist dennoch ein interessanter Satz für jemanden, der in über 200 Filmen gespielt hat. Können Sie das etwas ausführen?
H.Z.: Den Satz habe ich 1976 einem Journalisten gesagt, der mich zum Film IM LAUF DER ZEIT von Wim Wenders interviewte. Ich erinnere mich noch gut daran. Ich war damals kurz zuvor noch Dramaturg an der Schaubühne in Berlin gewesen, war aber selbst – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – nie als Schauspieler auf der Bühne gestanden. Deshalb sagte ich zu diesem Journalisten: «Ich bin Darsteller.» Ich wollte damit vor allem ausdrücken, dass es in der Tat etwas ganz anderes ist, ob man in einem Film oder auf einer Theaterbühne spielt. Marcello Mastroianni hat es einmal so definiert: «Im Film spielt man mit Blicken, auf der Bühne mit dem ganzen Körper».
Vielen Dank für das Gespräch.
