Die diesjährige Berlinale wurde nicht nur von Filmen geprägt, sondern auch von einem zunehmend lauten öffentlichen Shitstorm. Forderungen von Filmschaffenden rund um Tilda Swinton verlangten, dass das Festival klar politische Position beziehen und institutionell Partei ergreifen solle. Das ist zwar verstäntlich und trotzdem falsch.
Die Berlinale im politischen Shitstorm
- Publiziert am 21. Februar 2026
Ein Kommentar von arttv Chefredaktor Felix Schenker
Zwischen politischen Forderungen, öffentlichem Druck und der Frage, wem ein Filmfestival eigentlich gehört
Ich habe mich mit arttv.ch bewusst entschieden, zur losgetretenen politischen Diskussion mit einem Kommentar bis zum Festivalende zuzuwarten. Nicht aus Bequemlichkeit. Und auch nicht aus fehlender Haltung. Im Gegenteil: Viele der vorgebrachten politischen Anliegen kann ich persönlich durchaus nachvollziehen — teilweise teile ich sie sogar. Doch gerade deshalb erschien mir Zurückhaltung während des laufenden Festivals wichtig.
Ein Festival gehört zuerst den Filmen
Ein Filmfestival dauert nur wenige Tage. Für viele Filmschaffende sind es Jahre Arbeit, die hier erstmals sichtbar werden. Wenn während dieser Zeit die öffentliche Aufmerksamkeit fast ausschliesslich von politischen Positionskämpfen, offenen Briefen und sozialen Medien dominiert wird, entsteht eine Schieflage. Plötzlich sprechen alle über das Festival — aber immer weniger über die Filme selbst. Das empfinde ich gegenüber den (Wettbewerbs)filmen und ihren Teams als unfair. Ein Festival ist kein politisches Tribunal. Es ist in erster Linie ein Ort des Kinos.
Haltung ja – institutioneller Aktivismus nein
Die Berlinale war - wie kaum ein anderes A-Festival - immer politisch, gerade weil sie unterschiedlichste Stimmen sichtbar macht. Politisches Kino, widersprüchliche Perspektiven und gesellschaftliche Konflikte gehören seit jeher zu ihrer DNA. Doch es bleibt ein Unterschied, ob Filme politische Positionen vertreten — oder ob von einem Festival verlangt wird, selbst zur politischen Akteurin zu werden. Sobald Institutionen gezwungen werden, eindeutig Partei zu ergreifen, verschiebt sich der Fokus weg vom Werk hin zur moralischen Bewertung der Plattform. Die Gefahr dabei: Offenheit wird durch Erwartungsdruck ersetzt. Natürlich lebt die Kunst und die Kultur von Werten, von moralischen Überzeugungen. Aber Festivals brauchen Pluralität.
Erst schauen, dann sprechen
Deshalb habe ich bewusst gewartet. Zuerst Filme sehen. Zuhören. Gespräche führen. Atmosphären wahrnehmen. Denn Kino verändert die Welt selten durch den lautesten Kommentar, sondern durch Bilder und Geschichten, die bleiben. Jetzt, zum Festivalende, bleibt für mich vor allem diese Erkenntnis: Die Berlinale ist dann am stärksten, wenn sie Debatten ermöglicht — ohne dass der Shitstorm das Kino selbst übertönt.