Die Berlinale 2026 geht mit einer Preisverleihung zu Ende, die insgesamt wenig Überraschungen bereithielt, aber durchaus Diskussionen auslösen dürfte. Nach zehn intensiven Festivaltagen zeigt sich einmal mehr: Die Jury setzte auf politisches Kino und gesellschaftliche Relevanz – weniger auf filmische Radikalität oder ästhetische Wagnisse.
Berlinale 2026: Viele starke Filme – aber kein überwältigendes Meisterwerk
- Publiziert am 23. Februar 2026
BERLINALE 2026 – DIE WICHTIGSTEN PREISTRÄGER:INNEN
Goldener Bär – Bester Film
GELBE BRIEFE – Regie: İlker Çatak
Silberner Bär – Grosser Preis der Jury
KURTULUŞ – Regie: Emin Alper
Silberner Bär – Preis der Jury
QUEEN AT SEA – Regie: Lance Hammer
Silberner Bär – Beste Regie
Grant Gee für EVERYBODY DIGS BILL EVANS
Silberner Bär – Beste schauspielerische Leistung (Hauptrolle)
Sandra Hüller für ROSE
Silberner Bär – Beste schauspielerische Leistung (Nebenrolle)
Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay für QUEEN AT SEA
Silberner Bär – Bestes Drehbuch
Geneviève Dulude-de Celles für NINA ROZA
Silberner Bär – Herausragende künstlerische Leistung
Anna Fitch und Banker White für YO (LOVE IS A REBELLIOUS BIRD)
Bester Dokumentarfilm
IF PIGEONS TURNED TO GOLD – Regie: Pepa Lubojacki
GWFF Preis – Bestes Spielfilmdebüt
CHRONICLES FROM THE SIEGE – Regie: Abdallah Alkhatib
Ehrenpreise
Goldener Ehrenbär: Michelle Yeoh
Berlinale Kamera: Max Richter
Special Teddy Award: Céline Sciamma
Goldener Bär für İlker Çatak
Der Goldene Bär ging an GELBE BRIEFE von İlker Çatak: ein präzise inszeniertes politisches Drama, das sich mit staatlicher Kontrolle, künstlerischer Freiheit und persönlicher Verantwortung auseinandersetzt. Eine nachvollziehbare Entscheidung, auch wenn der Film weniger durch cineastische Kühnheit als durch thematische Aktualität überzeugt. Cineworx bringt den Film in die Schweizer Kinos. Mit KURTULUŞ von Emin Alper (Silberner Bär – Grosser Preis der Jury) und QUEEN AT SEA von Lance Hammer (Silberner Bär – Preis der Jury) ehrte die Berlinale weitere solide Beiträge eines insgesamt starken Wettbewerbsjahrgangs.
Sandra Hüller erneut überzeugend
Dass Sandra Hüller für ihre Leistung in ROSE mit dem Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung ausgezeichnet wurde, gehört zu den unbestrittenen Höhepunkten der Preisvergabe. Ihre Präsenz bleibt aussergewöhnlich: präzise, verletzlich und zugleich von einer stillen Wucht getragen, die den Film weit über sich hinaushebt. ROSE werden wir in der Schweiz dank dem Zürcher Filmverleih Filmcoopi zu sehen bekommen.
Eine Preis, der ratlos zurücklässt
Deutlich schwerer nachvollziehbar erscheint hingegen die Auszeichnung für YO (LOVE IS A REBELLIOUS BIRD) mit dem Silbernen Bären für Herausragende künstlerische Leistung. Der Film wirkt über weite Strecken weniger wie ein reifes cineastisches Werk als vielmehr wie der Abschlussfilm einer selbstverliebten Kunstschulabgängerin: ästhetisch bemüht, konzeptuell überfrachtet und emotional erstaunlich leer. Dass ausgerechnet dieser Beitrag innerhalb eines ansonsten starken Wettbewerbs ausgezeichnet wurde, dürfte zu den meistdiskutierten Juryentscheidungen dieses Jahres zählen.
Eine Zumutung im Wettbewerb
Mit MEINE FRAU WEINT von Angela Schanelec lief im Wettbewerb ein Film, dessen Auswahl schlicht unverständlich bleibt. Was als intime Beziehungserzählung verkauft wird, gerät zur selbstreferenziellen Nabelschau. Die Dialoge klingen, als hätte sie ein Roboter geschrieben – offensichtlich als Stilmittel gedacht, wirken jedoch beinahe pubertär im bemühten Versuch, auf Biegen und Brechen unkonventionelles Kino erzwingen zu wollen. Statt das Publikum einzubeziehen, wird es zum unfreiwilligen Teil eines Experiments gemacht. Das Ergebnis ist weniger radikal als vielmehr eine Zumutung – und letztlich eine Verhöhnung des Publikums. Immerhin ging der Film leer aus.
Ein starker Wettbewerb, ohne grosse Offenbarung
Der Wettbewerb 2026 beinhaltete ohne Zweifel viele gute, teilweise sehr gute Filme. Dazu gehörten auch die beiden ziemlich schrägen Werke ROSEBUSH PRUNING von Karim Aïnouz, ein satirisches Familiendrama über eine reiche, völlig dekadente US-Familie im moralischen Zerfall, sowie YÖN LAPSI – NIGHTBORN von Hanna Bergholm, ein Horrorfilm über eine Frau, die ein fleischfressendes Baby zur Welt bringt – lesbar als metaphorische Auseinandersetzung mit postnataler Depression und damit einer der durchaus spannenderen Beiträge im Wettbewerb. Was jedoch fehlte, war jenes grosse Meisterwerk, das einen buchstäblich aus dem Kinosessel hebt – jener Film, über den man noch Jahre später spricht und der ein Festivaljahr definiert. Vielleicht bestätigt sich damit erneut eine alte Berlinale-Weisheit: Die wirklich aufregenden Entdeckungen finden sich oft ausserhalb des Wettbewerbs.
Die Stärke lag im Panorama
Gerade die Sektion Panorama erwies sich dieses Jahr eimal mehr als besonders vital. Mit TRISTAN FOREVER sowie ENJOY YOUR STAY waren dort zwei herausragende Schweizer Beiträge zu sehen, die mutig erzählt, formal eigenständig und emotional präzise das gegenwärtige Autor:innenkino spiegeln. Die Berlinale 2026 war somit ein gutes Festival – aber keines, das filmhistorische Spuren hinterlassen dürfte. Denn die allerbesten Filme sind, wie so oft, nicht zwingend dort zu finden, wo «der Bär tanzt».
Für uns an der Berlinale 2026 waren präsent: Geri Krebs und Felix Schenker