Was passiert, wenn eine mögliche Schwangerschaft die Zukunftspläne einer 17-Jährigen infrage stellt und Freundinnenschaft zum Ort wird, an dem unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinandertreffen? Ausgehend von Eva Rottmanns Stück «Wälder im Frühling» verhandelt die Inszenierung Selbstbestimmung, reproduktive Rechte, Herkunft und Verantwortung – und eröffnet mit vier Figuren, die jeweils auch in eine fantastische Avatar-Rolle schlüpfen, eine zweite Ebene, auf der innere Zustände und gesellschaftliche Erwartungen sichtbar werden.
WÄLDER IM FRÜHLING – Ein Jugendstück über Freundinnenschaften
Eine mögliche Schwangerschaft, grosse Zukunftsfragen: Die Junge Marie zeigt «Wälder im Frühling» in aktualisierter Fassung.
Jährlich realisiert die Junge Marie eine Theaterproduktion unter professioneller Leitung. So bietet der freie Theaterproduktionsort Theater Marie jungen Menschen ohne Schauspielstudium oder professionelle Erfahrung die Möglichkeit, sich auf der Bühne auszuprobieren und den Alltag als Schauspieler:in kennenzulernen. Nach einer Ausschreibung lernen die Jugendlichen in einem Workshop einander und das Produktionsteam kennen. In einem mehrstufigen Castingprozess werden schliesslich die Spielenden ausgewählt, die gemeinsam mit einem professionellen Leitungsteam eine Inszenierung für ein junges Publikum erarbeiten. Die Produktionen werden von Vermittlungsformaten für Schulen begleitet.
Spiel: Lina Ammann, Sora Ndiaye, Mara Staehelin, Neftalem Tewelde Tekeste
Regie: Kenza Nessaf
Ausstattung: Mikki Levy-Strasser
Musik, Sounddesign: Marlena Kressin
Choreografie: Elisa Bruder
Theaterpädagogik, Vermittlung: Andrea Brunner
Dramaturgie: Manuel Bürgin
Regieassistenz: Vivienne Giulia Vogt
Ton: Peter Luginbühl
Technik: Tonio Finkam, Andreas Bächli
Zwischen Zukunftsangst und Freundinnenschaften
Jen ist 17 und vielleicht schwanger. Gemeinsam mit ihren Freundinnen Nini und Ka versucht sie herauszufinden, wie sie leben möchte und welche Rolle eine mögliche Mutterschaft in ihrer Zukunft spielen könnte. Zwischen Panik, Romantisierung, Zynismus, Streit und gut gemeinten Ratschlägen prallen unterschiedliche Vorstellungen von Familie und Selbstbestimmung aufeinander. Auch Luis, der nicht der Vater des erwarteten Kindes sein kann, aber in Jen verliebt ist, muss sich fragen, welche Verantwortung er übernehmen möchte. Die Freundinnenschaft wird zum Raum, in dem Zukunftsentwürfe erprobt, verworfen und neu verhandelt werden.
Avatare der inneren Welt
Die Schweizer Autorin Eva Rottmann verfasste «Wälder im Frühling» 2017. Mit direkter Sprache und absurdem Humor erzählt sie vom Erwachsenwerden und von einer ungeplanten Schwangerschaft. Dabei bringen ihre vier Figuren unterschiedliche familiäre und soziale Voraussetzungen mit: Bei Jen ist das Geld knapp und schulischer Erfolg mit hohem Druck verbunden. Nini wächst in einer bildungsbürgerlichen Akademiker:innenfamilie auf, in der Aufklärungsbücher und Zykluswissen selbstverständlich sind. Ka bewegt sich zwischen den Erwartungen der Eltern, Luis zwischen Verliebtheit und Verantwortungsbereitschaft. Regisseurin Kenza Nessaf beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit kollektiven Erzählweisen und der Frage, wie gesellschaftliche Spannungen durch Körper, Sprache und Bewegung sichtbar werden. In ihrer Inszenierung erhalten die Figuren neben ihrer realistischen Ebene jeweils einen fantastischen Avatar: Jen/Teletubby, Nini/Jungfrau Maria, Ka/Spermium und Luis/Einhorn. Die Avatare machen innere Konflikte und Wünsche sichtbar. Dabei stellt Nessaf Realität und Fantasie gleichberechtigt nebeneinander und lässt die beiden Ebenen zunehmend ineinanderfliessen.
Ein Stoff, der aktuell bleibt
Wie frei sind persönliche Entscheidungen, wenn gesellschaftliche Erwartungen, finanzielle Möglichkeiten und politische Debatten mitbestimmen? «Wälder im Frühling» verhandelt Schwangerschaftsabbruch, Kinderwunsch, Mutterschaft und Klassismus ebenso wie sexuelle Selbstbestimmung. Auch der gesellschaftliche Backlash gegen feministische Errungenschaften spiegelt sich in den Konflikten des Stücks. Der 2017 entstandene Text wurde in Absprache mit der Autorin und dem Verlag für die Inszenierung aktualisiert. Dabei fliessen auch heutige Perspektiven ein, etwa queere Familienbilder und nicht-binäre Lebensrealitäten. Die Junge Marie setzt damit ihre Auseinandersetzung mit Fragen fort, die junge Menschen unmittelbar betreffen: Wer kann sich ein Kind leisten, wer übernimmt Verantwortung und wer darf über den eigenen Körper entscheiden? Unter professioneller Leitung entwickelt das Format gemeinsam mit jungen Erwachsenen ohne Schauspielausbildung Theater für ein junges Publikum. In «Wälder im Frühling» überzeugen die Darstellenden mit grossem schauspielerischem Talent und bemerkenswerter Präsenz. Sie verleihen den vielschichtigen Figuren und ihren inneren Konflikten Ausdruck und zeigen, wie das Konzept der Jungen Marie junge Perspektiven ernst nimmt und komplexe Fragen verhandelt, ohne einfache Antworten vorzugeben.


