Es ist das Ende einer aussergewöhnlichen Schweizer Theatergeschichte: Am 3. Dezember 2026 startet MUMMENSCHANZ im Theater 11 in Zürich seine Abschiedstournee, die bis Ende 2027 durch die ganze Schweiz führt. Seit der Gründung 1972 hat die Formation mit ihrer unverwechselbaren Mischung aus Maskenspiel, Bewegung und visueller Fantasie Millionen Menschen auf allen Kontinenten begeistert. Ganz ohne Worte, Musik und aufwendige Bühnenbilder gelang es ihr, eine universelle Theatersprache zu entwickeln, die kulturelle und sprachliche Grenzen überwindet. Nun sagt Floriana Frassetto, das letzte aktive Mitglied des Gründungstrios, gemeinsam mit ihrem Ensemble «Adieu!».
«ADIEU!» MUMMENSCHANZ – Ein letztes Mal verzaubern
- Publiziert am 4. November 2026
Nach 55 Jahren wird die letzte Reise durch ein einzigartiges Universum voller Fantasie, Poesie und leiser Komik angetreten.

Eine Vorschau von Alain Ziehbrunner
Von der Strasse auf den Broadway
Die Erfolgsgeschichte beginnt 1970 in Paris. Die beiden Schweizer Schauspieler Bernie Schürch und Andres Bossard experimentieren mit Pantomime, Bewegung und Masken. In Rom begegnet ihnen die junge amerikanisch-italienische Künstlerin Floriana Frassetto, die von ihrer ungewöhnlichen Ausdrucksform sofort fasziniert ist. Sie folgt den beiden nach Paris, wird Teil des Ensembles und gründet mit ihnen 1972 in der Schweiz MUMMENSCHANZ. Was folgt, ist ein geradezu kometenhafter Aufstieg. Bereits 1973 tourt das Trio durch Europa und wird in die USA eingeladen. Aus einem kurzen Gastspiel werden drei Jahre. Von 1977 bis 1980 erobert MUMMENSCHANZ den Broadway in New York. Auftritte in populären amerikanischen Fernsehsendungen wie der «Muppet Show» und der «Sesame Street» machen die Schweizer Formation einem Millionenpublikum bekannt. Ihre skurrilen Figuren aus Alltagsmaterialien, ihre wandelbaren Masken und die ebenso einfachen wie genialen visuellen Einfälle entwickeln sich zu einem Markenzeichen.

Triumphe, Verluste und Neuanfänge
Die internationale Karriere führt MUMMENSCHANZ rund um den Globus. 1988 gastiert die Formation beim Schweizer National-Circus Knie, 1991 folgt mit «The New Show» eine weitere Welttournee. Doch auf dem Höhepunkt des Erfolgs trifft die Gruppe ein schwerer Schicksalsschlag: Andres Bossard stirbt im März 1992 im Alter von 48 Jahren an den Folgen von AIDS. Für Bernie Schürch und Floriana Frassetto bedeutet der Verlust ihres Freundes und künstlerischen Weggefährten eine existenzielle Krise. Nach einer Pause entscheiden sie sich, in seinem Andenken weiterzumachen. Es folgen neue Programme, internationale Tourneen und Auftritte an der Schweizer Landesausstellung Expo.02, wo MUMMENSCHANZ in Biel ein eigenes Theater erhält. 2012 verabschiedet sich Bernie Schürch nach rund 5700 Vorstellungen von der Bühne. Floriana Frassetto bleibt zurück und wagt mit einer jüngeren Generation von Darsteller:innen einen weiteren Neuanfang. Auch dieser gelingt. MUMMENSCHANZ bleibt ein Publikumsmagnet, dessen künstlerische Sprache über Jahrzehnte nichts von ihrer Originalität eingebüsst hat.
Die Kunst, ohne Worte alles zu sagen
Was MUMMENSCHANZ so besonders macht, ist die Fähigkeit, mit einfachsten Mitteln grosse Gefühle auszulösen. Ein Stück Stoff, ein aufgeblasener Körper oder eine unförmige Maske genügen, um ganze Geschichten entstehen zu lassen. Die Figuren lieben, streiten, scheitern, versöhnen sich und bringen das Publikum zum Lachen. Sie erzählen von urmenschlichen Regungen, ohne ein einziges Wort zu benötigen. Für «Adieu!» hat Floriana Frassetto Höhepunkte aus über fünf Jahrzehnten zusammengestellt. Legendäre Figuren wie der Röhrenmann und die luftgefüllten «Giants» kehren zurück, ergänzt durch neue, überraschende Bilder. Das 90-minütige Programm ist damit nicht nur eine Retrospektive, sondern auch eine letzte Demonstration jener Fantasie, die MUMMENSCHANZ zu einem unverwechselbaren Stück Schweizer Kulturgeschichte gemacht hat.
Nach 55 Jahren geht eine Ära zu Ende. Floriana Frassetto und ihr Ensemble verabschieden sich mit einer Kunst, die nie laut sein musste, um verstanden zu werden. Ein letztes Mal dürfen wir staunen, lachen und uns von Figuren berühren lassen, die eigentlich gar keine Gesichter haben. Adieu, MUMMENSCHANZ – und merci für ein halbes Jahrhundert voller unvergesslicher Bilder!



