Mit «Spind’l … Sp’ich’r — Still‘» widmet sich das Chössi-Theater einem düsteren Kapitel der Toggenburger Geschichte. Im Mittelpunkt stehen junge Frauen, die in den 1950er- und 1960er-Jahren in einer Textilfabrik in Dietfurt arbeiten mussten. Das Stück erzählt von Ausbeutung, Kontrolle und unterdrückten Stimmen – und davon, wie sich die Betroffenen nach Freiheit und Liebe sehnten.
Frauenschicksale auf der Chössi-Bühne
Zwischen Fabrikarbeit und Fürsorge
Die Handlung führt in eine Textilfabrik im Toggenburg. Dort arbeiten sogenannte «gefallene Mädchen» unter strenger Aufsicht an den Maschinen. Untergebracht waren sie im Marienheim in Dietfurt, einem von katholischen Ordensschwestern geführten Heim, in dem bis zu 100 Mädchen lebten und für ihren Unterhalt in der Fabrik arbeiten mussten. Hinter dem Versprechen von Fürsorge und Schutz verbarg sich ein System aus Kontrolle, Überwachung und Schweigen. Das Stück unter der Regie von Simon Keller beleuchtet unterschiedliche Perspektiven: jene des Dorfes, der Heimleitung und der Fabrikdirektion – vor allem aber jene der jungen Frauen selbst. Den meisten von ihnen wurden Dinge vorgeworfen, die damals als unsittlich galten, heute jedoch anders beurteilt würden.
Recherche und persönliche Begegnungen
Für seine Recherche sprach der Autor Alexander Stutz mit Zeitzeuginnen und tauchte in Archive ein. Daraus entstand eine authentische Aufarbeitung der Zeit, in der das Schicksal der «gefallenen Mädchen» im Mittelpunkt steht. Ihre Gedanken, Wünsche und Ängste stehen im Zentrum der Inszenierung. Zwischen Fabriklärm und gesellschaftlichem Druck träumen sie von einem anderen Leben. Auch für die Laiendarstellerinnen wurde die Mitarbeit an «Spind’l … Sp’ich’r — Still‘» zu einem intensiven Erlebnis. Teilweise war es ihnen möglich, mit den Frauen von damals Gespräche zu führen und traumatisierende Erfahrungen aus erster Hand erzählt zu bekommen.
Ein verdrängtes Kapitel der Regionalgeschichte
Das kleine Ensemble junger Frauen gibt den «gefallenen Mädchen» von damals eine Stimme zurück, die lange ungehört blieb. Durch das Stück wird ein dunkles Kapitel der Toggenburger Industrie- und Sozialgeschichte wieder erfahrbar – ein Teil der regionalen Vergangenheit, der sich in unmittelbarer Nähe des Aufführungsorts abgespielt hat und lange Zeit verdrängt wurde.

