Wenn Körper und Bewegung zur Sprache einer ganzen Generation werden, dann ist wieder Zeit für das Lugano Dance Project: Vom 10. bis 14. Juni 2026 bringt das Festival internationale Ikonen und radikale neue Stimmen des zeitgenössischen Tanzes ins Tessin – mit Performances, Workshops, Gesprächen und Uraufführungen, die Vergangenheit und Gegenwart auf explosive Weise miteinander verbinden. Eine gute Gelegenheit, dem südlichsten Schweizer Kanton einen Besuch abzustatten.
Tanz als Erinnerung, Widerstand und Zukunft
- Publiziert am 6. Mai 2026
Das Lugano Dance Project macht Lugano fünf Tage lang zum Hotspot des internationalen zeitgenössischen Tanzes.
Tanz und kulturelles Erbe
Die dritte Ausgabe des Lugano Dance Project widmet sich einem hochaktuellen Thema: dem Verhältnis von Tanz und kulturellem Erbe. In einer Welt voller Krisen, Konflikte und gesellschaftlicher Umbrüche fragt das Festival danach, was wir weitergeben – und wie sich Erinnerungen im Körper einschreiben. Kuratiert von Lorenzo Conti und entstanden aus einer Idee von Carmelo Rifici und Michel Gagnon, versteht sich das Festival nicht nur als Plattform für zeitgenössischen Tanz, sondern als Labor für Identität, Geschichte und kollektive Erfahrung. Dabei wird Lugano selbst zur Bühne. Zwischen dem LAC, dem Teatro Foce, dem Palazzo dei Congressi und öffentlichen Plätzen entstehen Begegnungen zwischen Künstler:innen und Publikum, die klassische Aufführungsformate bewusst sprengen. Internationale Grössen wie Kyle Abraham, Trajal Harrell oder Omar Rajeh treffen auf neue Perspektiven und intime Arbeiten, die den Körper als Speicher von Erinnerung und gesellschaftlicher Realität begreifen.
Pina Bausch lebt weiter – und neue Stimmen setzen Zeichen
Einer der emotionalen Höhepunkte des Festivals ist die Schweizer Erstaufführung von Kontakthof – Echoes of ’78 von Meryl Tankard. Fast fünf Jahrzehnte nach der legendären Uraufführung von Pina Bausch kehren ehemalige Tänzer:innen zurück und treten in einen bewegenden Dialog mit Archivbildern und ihrer eigenen Vergangenheit. Tanz wird hier zu Zeitreise, Spurensuche und Hommage zugleich. Daneben setzt das Festival auf starke zeitgenössische Positionen: Trajal Harrell präsentiert mit Music Music Histoire(s) du Théâtre VII ein intensives Solo über Transformation und künstlerische Erinnerung, während Kyle Abraham mit der Weltpremiere von White Space den Abschluss des Festivals markiert. Seine Verbindung aus klassischem Tanz, Contemporary und Hip-Hop gilt seit Jahren als eine der spannendsten choreografischen Handschriften weltweit. Auch intime und experimentelle Arbeiten prägen das Programm: Camilla Parini performt in einer Eisbärenhaut zwischen Identitätskrise und Selbstinszenierung, Yasmine Hugonnet erforscht neue Formen gemeinsamer Präsenz und Parentèle – Première relation bringt Choreografinnen gemeinsam mit ihren Kindern auf die Bühne – ein sensibles Statement über Kunst, Mutterschaft und gesellschaftliche Rollenbilder.
Ein Festival, das Grenzen auflöst
Das Lugano Dance Project versteht Tanz nicht als elitäre Kunstform, sondern als sozialen Raum. Workshops zu libanesischem Dabke, Diskussionen über Tanzdramaturgie oder Panels zu kulturellem Erbe öffnen das Festival bewusst für Austausch und Teilhabe. Besonders der Samstag mit Omar Rajehs The Gathering entwickelt sich dabei zu einem performativen Ausnahmezustand zwischen politischer Reflexion, urbanem Tanz und kollektiver Ekstase. Mit Künstler:innen aus unterschiedlichsten kulturellen Kontexten entsteht ein Festival, das Bewegung als universelle Sprache begreift – roh, poetisch und hochpolitisch zugleich. Das Lugano Dance Project 2026 zeigt somit, dass Tanz weit mehr sein kann als ästhetische Form: nämlich Erinnerung, Widerstand und Zukunft in einem einzigen Körper.


