Wer in Zürich eine Wohnung sucht, kennt das Gefühl: endlose Besichtigungen, steigende Mieten, absurde Fragen. Daraus hat das sogar theater jetzt ein Theater gemacht. Mit dem partizipativen Projekt «Suchst du noch oder wohnst du schon?» bringt eine Gruppe von zwölf Menschen zwischen 11 und 78 Jahren ihre persönlichen Erfahrungen mit Verdrängung, Wohnungssuche und Zusammenleben auf die Bühne.
Suchst du noch oder wohnst du schon?
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Im sogar theater wird die Zürcher Wohnkrise zum vielstimmigen Bühnenereignis zwischen Wut, Humor und Nachbarschaftsgeist.
Ein Chor gegen die Verdrängung
Entstanden ist kein klassisches Schauspiel, sondern ein chorischer Theaterabend aus Sprache, Rhythmus und Klang. Die Mitwirkenden erzählen von verlorenen Nachbar:innen, schwierigen Umzügen und dem Gefühl, in der eigenen Stadt plötzlich fremd zu werden. Im Zentrum steht ein Sprechchor, der individuelle Geschichten zu einer gemeinsamen Stimme verdichtet. Mal laut und wütend, mal absurd komisch, mal poetisch. Fragen wie: Warum haben Sie denn nichts gekauft? Warum haben Sie denn nichts gespart? Warum haben Sie denn nichts geerbt? ziehen sich wie ein bitterer Refrain durch den Abend. Die Texte entstehen aus persönlichen Erfahrungen der Beteiligten und verbinden sich mit journalistischen Recherchen zu einer musikalischen Collage. Gesprochen wird in Mundart, Hochdeutsch und weiteren Sprachen – passend zur Vielfalt der Gruppe, zu der Menschen mit schweizerischen, kurdischen, äthiopischen, südkoreanischen und arabischen Hintergründen gehören.
Theater aus dem Quartier fürs Quartier
Das Projekt ist Teil der jährlichen partizipativen Arbeiten des sogar theaters. Ausgangspunkt waren die aktuellen Entwicklungen in den Zürcher Kreisen 4 und 5: Leerkündigungen, Umnutzungen und steigende Mieten prägen dort zunehmend den Alltag vieler Bewohner:innen. Regisseurin Ursina Greuel sieht darin nicht nur politischen Stoff, sondern auch die Chance für kollektive Erfahrung. Gemeinsam mit Sibylle Burkart arbeitet sie mit Menschen, die nicht wegen Theatererfahrung teilnehmen, sondern weil sie das Thema direkt betrifft. Das mache wohl den Reiz des Projektes aus: Die Geschichten auf der Bühne wirken nicht gespielt, sondern gelebt.
Vom Hinterhof auf die Bühne und am Ende eine Wurst
Das sogar theater liegt versteckt in einem Hinterhof im Kreis 5 – ein Grund warum das Haus stärker im Quartier sichtbar werden will. Das Projekt soll Menschen zusammenbringen, die sonst vielleicht nie gemeinsam auf einer Bühne stehen würden. Diese Offenheit zeigt soll sich gemäss den Macher.innne auch in der Inszenierung zeigen: Eine Person pfeift wie ein Vogel, andere bringen eigene Sprachen oder Bewegungen ein. Die individuellen Fähigkeiten der Teilnehmenden werden Teil der Aufführung und prägen ihren besonderen Ton. Der Abend endet nicht mit Applaus allein. Nach der Vorstellung wird gemeinsam grilliert, das Publikum ist eingeladen mitzufeiern. Vegi-Wurst statt Premierenchampagner. «Suchst du noch oder wohnst du schon?» will mehr sein als ein Stück über Wohnungsnot. Es ist ein Versuch, Nachbarschaft und Zusammenhalt nicht nur zu zeigen, sondern direkt erlebbar zu machen.
