Nun bringt die Hochschule Luzern das nahezu vergessene Werk zurück auf die Bühne – und macht damit ein Stück Schweizer Musikgeschichte neu erlebbar. Eine Oper von der es keine Aufnahme, keine vertrauten Interpretationen, keine musikalischen Vorbilder gibt. Wer sich heute mit Willy Burkhards Oper DIE SCHWARZE SPINNE beschäftigt, betritt weitgehend unbekanntes Terrain. Für die Studierenden und Dozierenden der Hochschule Luzern ist die Wiederentdeckung deshalb beinahe so aufregend wie eine Uraufführung.
DIE SCHWARZE SPINNE – Eine vergessene Oper erwacht zu neuem Leben
Alles, was grosses Musiktheater ausmacht
Der 1900 geborene Schweizer Komponist Willy Burkhard zählt zu den bedeutenden Persönlichkeiten der Schweizer Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, ist heute aber vor allem für seine Kirchenmusik bekannt. Seine Oper nach der berühmten Novelle von Jeremias Gotthelf geriet dagegen weitgehend in Vergessenheit. Dabei bietet der Stoff alles, was grosses Musiktheater ausmacht: einen Pakt mit dem Teufel, menschliche Schuld, Angst und eine unheimliche Macht, die eine ganze Gemeinschaft bedroht. Fragen nach Verantwortung, Verführung und dem Preis des eigenen Handelns verleihen Gotthelfs Geschichte bis heute eine beklemmende Aktualität.
Zwischen Volksmusik und düsterem Mysterienspiel
Burkhard hat den Stoff in eine eigenständige musikalische Sprache übersetzt, die auch Anklänge an die Volksmusik aufweist. Die beiden Akte bestehen aus jeweils sieben Bildern. Dirigent Clemens Heil vergleicht das Werk mit einem mittelalterlichen Bilderbogen: archaisch, farbig und voller dramatischer Kraft. Bemerkenswert ist die Nähe zum Oratorium. Burkhard, dem die geistliche Musik besonders vertraut war, ergänzte seine Oper in einer späteren Fassung um eine Erzählerfigur. Das macht die Geschichte auch ohne Bühnenbild und szenische Inszenierung verständlich. Bei der konzertanten Wiederaufführung übernehmen das HSLU Sinfonieorchester, der HSLU Chor und die Solist:innen die Aufgabe, diese lange verstummte Klangwelt zum Leben zu erwecken. Gleichzeitig zeigt das Projekt, wie viel es jenseits des etablierten Opernrepertoires noch zu entdecken gibt. Besonders reizvoll dürfte auch sein, dass man junge Opern-Stimmen zu Gehör bekommen wird.
Mehr als eine musikalische Rarität
Die Wiederentdeckung ist zugleich Anlass, ein wenig beachtetes Kapitel der Schweizer Kulturgeschichte auszuleuchten. Ein wissenschaftliches Symposium an der Hochschule Luzern untersucht, weshalb das Schweizer Musiktheater des 20. Jahrhunderts heute kaum noch präsent ist und welche eigenständigen Formen es entwickelt hat. Dabei geht es auch um weitere musikalische Bearbeitungen von Gotthelfs Erzählung sowie um die Rolle von Komponist:innen und experimentellen Musiktheaterformen. DIE SCHWARZE SPINNE steht damit stellvertretend für ein Repertoire, das abseits der grossen Opernhäuser beinahe verschwunden ist. Dass ein solches Werk nach mehr als einem halben Jahrhundert wieder zu hören ist, zeigt auch, welche Rolle Musikhochschulen bei der Wiederentdeckung unseres kulturellen Erbes spielen können.


