Mit seinem schwarzen Käppi wirkt Tobias Kratzer kaum wie der klassische Opernintendant. Auch künstlerisch hält der gebürtige Landshuter wenig von erstarrten Ritualen. Für ihn ist Oper kein ehrwürdiges Museum, sondern eine lebendige Gegenwartskunst, die sich einmischt, provoziert und Menschen unterschiedlichster Generationen zusammenbringt. arttv.ch hat den «Opernerneuerer» im Rahmen einer Pressereise getroffen.
TOBIAS KRATZER – DER OPERN-ERNEUERER AN DER ELBE
Seit der Spielzeit 2025/26 überrascht die Staatsoper Hamburg mit politischem Musiktheater, neuen Formaten und einer grossen Lust am Experiment.
Vom Regisseur zum Intendanten
Kratzer studierte Kunstgeschichte und Philosophie in München und Bern sowie Schauspiel- und Opernregie an der Theaterakademie August Everding. Bekannt wurde er 2008, als er unter zwei verschiedenen Pseudonymen am Grazer Ring Award teilnahm – und mit beiden Identitäten sämtliche wichtigen Preise gewann. Es folgten Inszenierungen an bedeutenden Häusern in Berlin, München, Paris, Amsterdam, Brüssel und London sowie bei den Bayreuther Festspielen. Mehrfach wurde er zum Regisseur des Jahres gewählt. Seit der Spielzeit 2025/26 leitet er die Staatsoper Hamburg. Seinen Einstand gab Kratzer mit Robert Schumanns DAS PARADIES UND DIE PERI. Es folgten die Kinderoper DIE GÄNSEMAGD, der Liederabend FRAUENLIEBE UND -STERBEN sowie die politisch aufgeladene Uraufführung MONSTER’S PARADISE von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek. Kratzer versteht seine Intendanz dabei nicht als Abkehr vom klassischen Repertoire. Rund zwei Drittel des Programms bestehen aus bestehenden Werken und Inszenierungen – doch diese sollen jeden Abend neu befragt werden und «wie eine Premiere» wirken.
Oper ohne Schwellenangst
Besonders wichtig ist Kratzer die Öffnung des Hauses. Studierende begleiten die Repertoirevorstellungen als sogenannte Framing Guides und kommen in den Foyers mit den Besucher:innen ins Gespräch. Junge Menschen unter 30 erhalten vergünstigte Tickets, Generalproben sind im Rahmen des «Sneak Club» teilweise kostenlos zugänglich. Auch Kinderoper ist bei Kratzer keine Nebensache, sondern Chefsache: Die jüngsten Zuschauer:innen sollen mit derselben künstlerischen Ernsthaftigkeit angesprochen werden wie das erwachsene Publikum. Seine Oper soll weder belehren noch gefällig sein. Kratzer setzt auf ästhetische Vielfalt, gesellschaftliche Reibung und die Kraft des Live-Erlebnisses. Historische Werke betrachtet er als «Zeitspeicher»: Sie erzählen nicht nur von ihrer Entstehungszeit, sondern machen ebenso sichtbar, wie sich gesellschaftliche Vorstellungen verändert haben.
Das klügste Spektakel der Welt
Die Spielzeit 2026/27 eröffnet Kratzer mit Verdis MACBETH. Zudem bringt er seine gefeierte Lyoner Inszenierung von Rossinis GUILLAUME TELL nach Hamburg. Wegen der Sanierung des Orchestergrabens verlässt die Staatsoper im Mai 2027 vorübergehend ihr Stammhaus und zieht in ein Zirkuszelt – die «Kuppel Hamburg». Auch diese Ausnahmesituation passt zu Kratzers Vorstellung von Oper: als kluges Spektakel, das seine Formen immer wieder neu erfindet.


