Mit Brechts DREIGROSCHENOPER eröffnet das Schauspielhaus Zürich seine Jubiläumsspielzeit. Die Wahl führt zurück in jene Epoche, in der der Pfauen zum wichtigsten Exiltheater des deutschsprachigen Raums und später zur Uraufführungsbühne für Brecht, Frisch und Dürrenmatt wurde. Die DREIGROSCHENOPER ist damit ein treffender Auftakt zum hundertjährigen Jubiläum. Brechts Stück über Geld, Macht und Moral erinnert an die politische Geschichte des Hauses und stellt zugleich Fragen an die Gegenwart.
100 Jahre Schauspielhaus Zürich
- Publiziert am 17. August 2026
MIT BRECHT INS JUBILÄUM
1926 wurde der Pfauen am Zürcher Heimplatz zu einem modernen Sprechtheater umgebaut. Hundert Jahre später eröffnet das Schauspielhaus Zürich seine Jubiläumsspielzeit mit Brechts DREIGROSCHENOPER. Die Wahl ist mehr als eine Hommage an einen Klassiker. Bertolt Brecht gehört wie kaum ein anderer Autor zur Geschichte des Hauses. Während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurden am Pfauen mehrere seiner bedeutendsten Werke uraufgeführt.
1941 kam MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER mit Therese Giehse in der Titelrolle erstmals auf die Bühne. 1943 folgten DER GUTE MENSCH VON SEZUAN und LEBEN DES GALILEI, 1948 HERR PUNTILA UND SEIN KNECHT MATTI. Die Rückkehr zu Brecht verbindet die Gegenwart des Hauses mit jener Zeit, in der das Schauspielhaus zu einer der wichtigsten freien Bühnen des deutschsprachigen Raums wurde.
EINE BÜHNE DES EXILS
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden jüdische, linke und regimekritische Künstler aus Deutschland und später auch aus Österreich vertrieben. Viele von ihnen fanden am Schauspielhaus Zürich Arbeit und vorübergehend eine neue Heimat. Zu den prägenden Persönlichkeiten gehörten Therese Giehse, Ernst Ginsberg, Leonard Steckel, Wolfgang Langhoff, Kurt Horwitz, der Regisseur Leopold Lindtberg und der Bühnenbildner Teo Otto.
Der Pfauen wurde zu einem Ort, an dem eine freie deutschsprachige Theaterkultur weiterleben konnte, während die Bühnen in Deutschland gleichgeschaltet wurden. Die Künstler lebten in der Schweiz allerdings keineswegs sorgenfrei. Viele waren mit unsicheren Aufenthaltsbewilligungen, Arbeitsverboten und gesellschaftlicher Ablehnung konfrontiert. Umso bedeutender war das Schauspielhaus als Schutz- und Arbeitsraum.
KURT HIRSCHFELD PRÄGT DEN PFAUEN
Eine Schlüsselfigur dieser Entwicklung war der Dramaturg Kurt Hirschfeld. Der aus Deutschland geflüchtete Theatermann kam 1933 nach Zürich und erkannte früh das künstlerische Potenzial der vertriebenen Schauspieler, Regisseur und Autor. Gemeinsam mit Direktor Oskar Wälterlin entwickelte Hirschfeld einen Spielplan, der sich gegen die nationalsozialistische Ideologie stellte, ohne in blosse Agitation zu verfallen.
Zeitgenössische Stücke und neu gelesene Klassiker wurden zu Stellungnahmen für Freiheit, Humanität und Verantwortung. Hirschfeld war wesentlich daran beteiligt, dass der Pfauen nicht nur zu einer Bühne des Exils, sondern auch zu einem Ort bedeutender Uraufführungen wurde. Nach dem Krieg förderte er insbesondere Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt und prägte damit eine neue Epoche des Schweizer Theaters.
Der Dokumentarfilm HIRSCHFELD – UNBEKANNTER BEKANNTER von Stina Werenfels und Samir erinnert an den lange unterschätzten Dramaturgen und seine Bedeutung für das Schauspielhaus Zürich. Er zeigt, wie Hirschfeld den Pfauen während der Exil- und Nachkriegszeit künstlerisch prägte und entscheidend dazu beitrug, dass das Haus internationale Ausstrahlung gewann. Eine Rezension zum Film findet sich auf arttv.ch in der Rubrik Film.
FRISCH UND DÜRRENMATT
Nach 1945 verliessen zahlreiche emigrierte Künstler Zürich. Viele kehrten nach Deutschland und Österreich zurück oder setzten ihre Karriere an anderen europäischen Bühnen fort. Das Schauspielhaus musste seine Rolle neu bestimmen. Der Pfauen blieb der zeitgenössischen Dramatik verpflichtet und wurde zum zentralen Aufführungsort für Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. Frischs DON JUAN ODER DIE LIEBE ZUR GEOMETRIE und BIEDERMANN UND DIE BRANDSTIFTER wurden hier uraufgeführt.
Dürrenmatt feierte mit DER BESUCH DER ALTEN DAME und DIE PHYSIKER internationale Erfolge. Die Erfahrungen von Diktatur, Krieg und Exil wirkten in diesen Werken weiter. Gleichzeitig richtete sich der kritische Blick nun verstärkt auf die Schweiz selbst: auf Anpassung, Wohlstand, Verantwortung und moralische Selbsttäuschung.

