Mit 27 Jahren verlässt Maria Antonia Räss (1893–1980), eine aussergewöhnlich begabte Stickerin aus Innerrhoden, mutterseelenallein ihre Heimat und reist nach Amerika, wo sie ein erfolgreiches Stickerei-Unternehmen aufbaut. Margrit Schribers 2024 veröffentlichter Roman über ihr aussergewöhnliches Leben sorgt seit seinem Erscheinen für Furore. Nun bringt Andrea Wiesli die Geschichte als literarisch-musikalische Klangchronik auf die Bühne und verwebt ihre Textfassung gemeinsam mit Madlaina Küng, Graziella Rossi und Helmut Vogel zu einem vielschichtigen Gesamtkunstwerk.
DIE STICKERIN, DIE AMERIKA EROBERTE
Mit Sticknadel und Appenzeller Tracht über den Atlantik: Eine literarisch-musikalische Klangchronik erzählt eine ungewöhnliche Geschichte.
Vom Appenzell in die grosse Welt
Maria Antonia Räss weiss früh, was sie kann – und wagt damit den Sprung über den Atlantik. Im Gepäck hat sie eine Sticknadel aus englischem Stahl, feinsten französischen Leinen und ihre Appenzeller Tracht. Was wie der Beginn eines Abenteuerromans klingt, wird zur erstaunlichen Karriere einer Frau, die sich in Amerika mit ihrer Kunst und ihrem Unternehmergeist behauptet. Mit ihren kunstvoll bestickten Stoffen macht sich Räss einen Namen. Ihre Arbeiten finden Eingang in die Welt prominenter Persönlichkeiten: Eleanor Roosevelt, Julie Andrews und der Geiger Isaac Stern gehören zu jenen, die ihre Stickereien tragen und schätzen. Auch mit Coco Chanel und Walt Disney soll sie freundschaftlich verbunden gewesen sein. Ihre Biografie wirkt stellenweise so unwahrscheinlich, dass man sie für erfunden halten könnte. Diese Spannung greift Margrit Schriber in ihrem Roman «Die Stickerin» auf: die Geschichte einer Frau aus einem kleinen Innerrhoder Dorf, die ihre Herkunft nie verleugnet und sich dennoch eine ganz eigene Welt erobert.
Aus einem Leben wird Klang
Für die Bühne hat Pianistin Andrea Wiesli den Roman zu einer konzentrierten Textfassung verdichtet. Gemeinsam mit Kontrabassistin Madlaina Küng sowie Graziella Rossi und Helmut Vogel als Sprecher:innen entsteht daraus nicht einfach eine klassische Lesung: Sprache und Musik greifen ineinander, kommentieren sich und öffnen immer wieder neue Räume. Die musikalischen Passagen geben der Lebensgeschichte von Maria Antonia Räss eine zusätzliche Ebene – zwischen Erinnerung, Aufbruch und Sehnsucht. So wird aus einem aussergewöhnlichen Frauenleben eine Klangchronik über Mut, Selbstbehauptung und die Frage, wie weit man gehen muss, um den eigenen Weg zu finden. Maria Antonia Räss holt diese bemerkenswerte Frau ins Heute und macht aus ihrem Leben einen überraschenden Theaterabend.


