Seit über 50 Jahren arbeitet Simone Kappeler an einem eigenständigen Werk, das die künstlerischen Möglichkeiten der Fotografie auslotet. Unter dem Titel «nature vivante» versammelt die Schau eine Auswahl von Werkgruppen, aufgenommen in den Wiesen und Waldrändern der Ostschweiz, vertraut und doch poetisch verfremdet.
SIMONE KAPPELER UND DIE VERGÄNGLICHE MAGIE DER NATUR
- Publiziert am 8. September 2026
Das Kunstmuseum Thurgau widmet einer der bedeutendsten Schweizer Fotokünstlerinnen ihrer Generation eine umfassende Einzelausstellung
Simone Kappeler wird 1952 in Frauenfeld geboren und greift mit elf Jahren zur Kamera. Ihre frühe Leidenschaft verbindet Beobachtungsgabe mit Forscherinnengeist: Für eine Fotodokumentation über die Entwicklung von Molcheiern wird sie bereits in jungen Jahren mit einem Preis von «Schweizer Jugend forscht» ausgezeichnet. Kappeler studiert von 1972 bis 1976 Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Zürich und von 1975 bis 1979 Fotografie an der Schule für Gestaltung Zürich. Seither lebt und arbeitet sie in Frauenfeld und unterwegs. Ihr Werk wird in Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland präsentiert. Zahlreiche Ausstellungskataloge und selbst herausgegebene Bücher zeugen von Kappelers künstlerischer Handschrift und ihrer stringenten Entwicklung.
Schaffen im «im Strom der Zeit»
In einer Zeit, in der visuelle Welten zunehmend an Bildschirmen und durch Algorithmen perfektioniert werden, sind Simone Kappelers Werke nah am Leben. Im direkten Kontakt mit der Natur, auf ausgedehnten Wanderungen, fängt sie das Unscheinbare und oft Übersehene ein – alte Birnbäume, Gräser, wilde Blüten und Schmetterlinge. «Beim Sehen und Beobachten bin ich glücklich und bei mir. Und mittels der Fotografie kann ich bewahren, was sich ständig verändert – winzige Inseln schaffen im Strom der Zeit», erklärt die Künstlerin, die 2021 mit dem Thurgauer Kulturpreis ausgezeichnet wurde.
Lebendige Natur statt Stillleben
Wie bewusst die Künstlerin selbst im Feld agiert, zeigen knapp zwei Dutzend tiefblaue Cyanotypien in der Ausstellung: Die Pflanzen werden vor Ort, in der Buntbrache auf ein mit eisensalzhaltigen Lösungen präpariertes Seidelbastpapier gelegt und an der Sonne belichtet – sie werden weder ausgerissen noch geknickt. Der Titel «nature vivante» ist Programm. Er spielt mit dem kunstgeschichtlichen Begriff der «nature morte», wie Stillleben im Französischen genannt werden. Anders als die Maler des Barocks interessiert sich Kappeler nicht für das scheinbar Erstarrte und eine detailgetreue Wiedergabe, sondern für das Leben und den schöpferischen Zufall.
Das Unsichtbare sichtbar machen
Kappelers fotografisches Lebenswerk ist bestimmt von Naturliebe und Neugier. Konsequent schöpft sie für ihre Arbeit die künstlerischen und technischen Möglichkeiten der Analogfotografie aus. Auch experimentiert Kappeler mit Röntgenfilm, um die innere «Architektur» der Pflanzen sichtbar zu machen. Später folgen Arbeiten mit Infrarotfilm, die jene Welten erschliessen, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben. Angeregt wird diese Werkreihe von Forschungen, die nachweisen, dass Insekten Blüten anders wahrnehmen als der Mensch. Die verschiedenen fototechnischen Verfahren dienen stets einem übergeordneten Ziel: Neue Facetten der Wahrnehmung sichtbar zu machen. Kappeler übersetzt die unterschiedlichen Spektren von Licht, die je nach Technik und Material genutzt werden können, in eigenständige Bildwelten.
Sinnliches Rahmenprogramm
Trotz aller technischer Finessen: Die neue Ausstellung in der Kartause Ittingen ist ein sinnliches Erlebnis. Das Vermittlungsprogramm des Kunstmuseums Thurgau greift den Geschmack, den Geruch, die Geräusche der Fotografie auf – und auch verschiedene Fotopapiere können ertastet werden: Zwei «Ausstellungsrundgänge für alle Sinne» richten sich speziell an Menschen mit einer Sehbehinderung, stehen aber allen Besuchenden offen, die Kunst über das rein Visuelle hinaus erleben möchten. (Kunstmuseum Thurgau)
