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Kunsthaus Zug | ZuZug aus Osteuropa

Am Dienstag, 2. März öffnete das Kunsthaus Zug wieder seine Türen.

Unbekannt, fremd, anders. «ZuZug» zeigt erstmals aus dem Bestand der eigenen Sammlung grössere Werkgruppen mittel- und osteuropäischer Kunstschaffender aus mehreren Generationen und bezeugt den privilegierten Bezug des Hauses zu Osteuropa. Mehrere einander ergänzende Angebote geben einen umfassenden digitalen Einblick in die neue Sammlungsausstellung. Es ist die zweite Ausstellung des Kunsthauses Zug im Zeichen von Corona.

ZuZug digital
Ein digitales Programm mit verschiedenen Online-Angeboten lädt dazu ein, die Ausstellung kennenzulernen, sich auszutauschen und sich von den künstlerischen Positionen inspirieren zu lassen. In kurzen Video-Clips gibt Matthias Haldemann, Direktor des Kunsthaus Zug, einen Einblick in die Ausstellung. Mitarbeitende erzählen davon, welche Werke sie besonders berühren und berichten von den vielfältigen Aufgaben, die in einem Museum anfallen. Einen ganz anderen Blick auf «ZuZug» wirft das filmische Essay von Carlos Lügstenmann und arttv.ch zur Ausstellung. Auf subtile Weise wird die Schicksalhaftigkeit des Lebens im künstlerischen Ausdruck der gezeigten Werke sichtbar und inspiriert den Betrachter dadurch umso mehr im Hier und Jetzt. Schliesslich wird ein Digitorial mit einem Text von Julie Freudiger und Fotos von Jorit Aust als «digitales Saalblatt» demnächst ausführlichere inhaltliche Orientierung und Anregungen geben.

Von BeZug zu ZuZug
Nachdem die letzte Ausstellung «BeZug» die Sicht auf Zug und das ‹Eigene› thematisierte, dreht «ZuZug» den Spiess um: Es geht um den Blick vom ‹Eigenen› auf das ‹Fremde›. Die Sammlungsausstellung zeigt Werke von Josef Hoffmann, der ein wichtiger Zeichner und Architekt der Wiener Moderne war und von tschechischen Künstlern dreier Generationen; Pravoslav Sovak, Jan Jedlička und Tomas Kratky, die alle nach 68 in die Schweiz flüchteten. Ebenso vertreten ist der Appenzeller Roman Signer, der die Warschauer Künstlerin Aleksandra Rogowiec heiratete, sowie der Bündner Fotografen Guido Baselgia, der den russischen Künstler Pavel Pepperstein und seine Freunde in Zug fotografierte. Weitere vertretene Künstler sind Jan Jedlička, Annelies Štrba und Péter Nádas, als raumfüllende Videoinstallation gezeigt wird das ‹unendliche› Gespräch von Ilya Kabakov, Boris Groys und Pavel Pepperstein aus der ehemaligen Sowjetunion. Ein Rundgang entlang der Frage, wie unsere Sicht auf Osteuropa ist und wie osteuropäische Kunstschaffende den ‹Westen› sehen.

West-Ost
Geradezu beispielhaft für den Perspektivenwechsel stehen etwa die Werke von Guido Baselgia und Jan Jedlička: Der ehemalige Wahlzuger Baselgia, der eben mit dem Bündner Kulturpreis geehrt wurde, richtete seine Kamera auf den russischen Künstler Pavel Pepperstein und dessen russische Freunde im Kunsthaus Zug. Gegenüber die Porträts Jan Jedličkas von westlichen Kunstschaffenden im Kunst Museum Winterthur wie Gerhard Richter, Sol LeWitt und Roni Horn. Ein Kontrast von «West» und «Ost». Die tschechischen Künstler dreier Generationen Pravoslav Sovak, Jan Jedlička und Tomas Kratky kamen in die Schweiz aus Anlass der niedergeschlagenen Reformbewegung des Prager Frühlings 1968. Von Luzern und Hergiswil aus bereiste Sovak während Jahrzehnten die USA, entdeckte für sich die Wüste des Südwestens, den Strand von Los Angeles und die Skyline von New York, was sich in einem reichen druckgrafischen Oeuvre niederschlug. Der 1988 in Bern früh verstorbene Tomas Kratky stellt in seinen Zeichnungen und Gemälden existentielle Fragen von Religion und Sexualität, Leben und Tod.

Kontraste und Verbindungen
Der Appenzeller Künstler Roman Signer beschritt den umgekehrten Weg. Er studierte in den 1970er-Jahren in Warschau Kunst und heiratete die Künstlerin Aleksandra Signer. Bis heute zeugen ihre Werke von der Nähe zum Osten. Und Annelies Štrba, deren Grossvater aus dem ehemaligen Jugoslawien einst nach Baar und Zug gekommen war, zeigt Reiseaufnahmen von Auschwitz und Tschernobyl und ein Video von Prag. Die Ausstellung ZuZug verbindet auch individuelle Sichtweisen: Etwa mit einhundert Blättern das zeichnerische Schaffen von Josef Hoffmann, ein wichtiger Architekt und Designer der Wiener Moderne im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Hoffmann wuchs in Böhmen auf und hätte im vergangenen Dezember seinen 150. Geburtstag feiern können. Oder aus Ungarn der Schriftsteller und Fotograf Péter Nádas mit zahlreichen Aufnahmen eines Birnbaums und des Himmels, welche die Zeit und Lebensveränderung, aber auch den Wechsel der Bildmedien thematisieren.

Öffnung zum Westen
Das ‚unendliche’ Gespräch von Ilya Kabakov, Boris Groys und Pavel Pepperstein aus der ehemaligen Sowjetunion beschliesst als raumfüllende Videoinstallation den Sammlungsrundgang. Nach dem Ende der Sowjetunion und mit der Öffnung zum Westen haben die drei ihre abgebrochene künstlerische Gesprächspraxis noch einmal geführt und im Kunsthaus Zug in Verbindung mit ihren schweigenden Gesichtern für die Zukunft symbolisch musealisiert. Nicht zuletzt bezieht sich ZuZug auch auf gegenwärtige Proteste, Aufstände und revolutionäre Geschehnisse in Polen, Russland, Ungarn, Weissrussland und der Ukraine. Freiheit und Toleranz, Weggang und Flucht bleiben als Themen schmerzlich aktuell. Daran erinnert auch die Installation «The Ship of Tolerance» von Ilya und Emilia Kabakov, die noch bis im Herbst 2021 im Zuger Gebiet Brüggli steht.
Text: Kunsthaus Zug

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