Die Einzelausstellung von Gabriela Löffel richtet den Blick darauf, wie politische und wirtschaftliche Macht durch Sprache, Bilder, Räume und technische Systeme wirkt. Ausgangspunkt ihrer Videoarbeiten sind langjährige Recherchen an schwer zugänglichen Orten wie militärischen Trainingsgeländen, internationalen Finanzkongressen, Filmstudios oder Gerichts- und Verhandlungsräumen. Dabei interessiert sie die Frage, wie Wirklichkeit hergestellt und vermittelt wird: Wer spricht? Welche Rolle spielen Inszenierung, Übersetzung und Architektur? So entstehen vielschichtige Installationen, die komplexe Zusammenhänge aus unterschiedlichen Perspektiven erfahrbar machen.
GRAMMATIK DER LÜCKEN: Gabriela Löffel untersucht die Konstruktion von Wirklichkeit
- Publiziert am 20. Oktober 2026
Eine künstlerische Annäherung an die Sphären der Macht.
Gabriela Löffel (*1972 in Oberburg BE, lebt und arbeitet in Genf) studierte von 2000–2005 an der École supérieure des beaux-arts, heute HEAD – Genève, sowie 2002–2003 an der Akademie der bildenden Künste Wien. Ihre Arbeiten wurden international in Einzel- und Gruppenausstellungen sowie an Film- und Videofestivals gezeigt, darunter am Aargauer Kunsthaus, in der Kunsthalle Osnabrück (European Media Art Festival), im MAST Bologna, im Centre d’art contemporain Yverdon-les-Bains, im Optica Centre d’art contemporain, Montréal, in der Kunsthalle Exnergasse, Wien, an der Kochi-Muziris Biennale sowie bei den Rencontres Internationales Paris/Berlin. Jüngere Präsentationen fanden unter anderem im Centre de la photographie Genève, im Le Commun, Genf, in der Friche la Belle de Mai, Marseille, in der Galería Metropolitana, Santiago de Chile und in der Konschthal Esch statt. 2026 ist sie in einem Projektionszyklus des Centre Pompidou an der Ménagerie de verre, Paris sowie bei der Biennale re:connecting.earth, Genf vertreten. Löffel erhielt 2011 und 2016 einen Swiss Art Award sowie unter anderem Förderungen von Pro Helvetia, der Stadt Genf und dem Kanton Bern. 2022 wurde ihr der Lewis Baltz Research Fund zugesprochen. Recherchen und Arbeitsaufenthalte führten sie unter anderem nach Beirut, London, Shanghai, Québec, Montréal, Berlin und Island. Ihre Werke befinden sich in der Schweizerischen Bundeskunstsammlung, der Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek, der MAST Collection of Photography in Bologna, der Kunstsammlung des Kantons Bern sowie in den Sammlungen der Stadt und des Kantons Genf und des Kantons Jura. 2025 wurde ihre Arbeit in die Phaidon-Publikation Vitamin V: Video and the Moving Image in Contemporary Art aufgenommen.
Rückschau auf zentrale Werke
Die Einzelausstellung in der Kunsthalle Appenzell beleuchtet Löffels künstlerischen Ansatz anhand von Werken aus den letzten zwei Jahrzehnten. So thematisiert Setting (2011) anhand von Erzählungen ehemaliger Statist:innen auf dem US-Truppenübungsplatz Grafenwöhr die Inszenierung von Krieg, sowie deren audiovisuelle Vermittlung durch Sprache, Sound und Projektion. Die fotografische Arbeit Unseen (2016) untersucht anhand der Architektur von Messeständen am SIBOS 2016 in Genf die Inszenierung und Regulierung von Sichtbarkeit in der globalen Finanzwelt, wobei die strategische Unsichtbarkeit der Akteur:innen ins Zentrum rückt. In Grammar of Calculated Ambiguity (2024) werden unverständliche Passagen einer Audioaufnahme einer Offshore-Finanzkonferenz von Expert:innen aus Politik, Recht, Journalismus und Linguistik im Tonstudio analysiert und rekonstruiert.
Schweizer Banken im Visier
Ihre neueste Arbeit for the record (2026) ist eine Mehrkanal-Videoinstallation, die den Zusammenbruch des libanesischen Bankensystems und mögliche Verbindungen zum Schweizer Finanzplatz künstlerisch untersucht. Ausgangspunkt sind journalistische Recherchen zum Fall des ehemaligen libanesischen Zentralbankgouverneurs Riad Salamé sowie Fragen nach Geldwäscherei, Veruntreuung öffentlicher Gelder und transnationaler finanzieller Verantwortung. Löffel arbeitet dafür mit libanesischen Journalist:innen, Jurist:innen, Universitäten und Studierenden zusammen. Aus realem Archivmaterial wurde ein fiktiver Rechtsfall entwickelt, in dem eine erfundene Schweizer Bank, die Swiss Trust Bank, mit der Frage einer Mitverantwortung am Kollaps des libanesischen Bankensystems konfrontiert wird. Dieser Fall wurde in Beirut als Mock Trial, also als simulierte Gerichtsverhandlung, mit Jurastudierenden inszeniert und gefilmt.
Realität der Inszenierung
Die Arbeit verschiebt reale politische und ökonomische Zusammenhänge in den Raum des Rechts und der Fiktion. Dadurch entsteht eine Distanz zur unmittelbaren Aktualität, ohne die Dringlichkeit des Themas aufzugeben. Zugleich wird das Filmstudio selbst – das Forest Studio Beirut – als Ort der Inszenierung sichtbar gemacht: Seine Architektur, Technik und Infrastruktur spiegeln die unsichtbaren Infrastrukturen der Finanzindustrie. Zentral in Löffels Schaffen ist nicht das Bild, sondern die Bedingungen des Sprechens und Hörens. Die Künstlerin versteht Klang als eigenständige Ebene, in der Bedeutungen entstehen – oft in Zusammenarbeit mit Sound- und Musikschaffenden. Parallel zur Einzelausstellung kuratiert Gabriela Löffel das Videoformat Imaginier Kunsthalle mit Arbeiten von Basma al-Sharif, Marwa Arsanios, Haig Aivazian, Border Forensics, Miranda Pennell und Mohamed Choucair. (Kunsthalle Appenzell)
