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Fotomuseum Winterthur | Situations/Deviant

Was ist normal und wer entscheidet, was normal ist? Übergeben wir diese Entscheidung mehr und mehr algorithmischen Klassifikationsverfahren?

Fotografische Bilder frieren Momente ein. So werden Körper fragmentiert, Bewegungen stillgelegt und Verhaltensformen erfasst. Über Aufnahmen lassen sich kleinste Abweichungen von der Norm erkennen und kategorisieren. Die Fotografie verfestigt so nicht nur diese Normen, sondern kann neue oder abweichende Verhaltensformen sogar hervorbringen, indem wir unser Verhalten an ihr Vorbild anpassen und uns oder andere entsprechend vor der Kamera inszenieren.

Ausserhalb der Norm
Im Rahmen seines experimentellen Ausstellungsformats SITUATIONS präsentiert das Fotomuseum Winterthur ab dem 19. Oktober 2019 das neue Cluster ‹Deviant›. Die ausgewählten künstlerischen Werke von Mitra Azar, Daniele Buetti, Esther Hovers, Simone C. Niquille, Carrie Mae Weems und Mushon Zer-Aviv widmen sich Verfahren der soziokulturellen Normierung und Abweichung in Zeiten digitaler Überwachungssysteme, algorithmischer Klassifikationsverfahren und präemptiver Bildtechnologien. In Zentrum der Werke von Mitra Azar, Daniele Buetti, Esther Hovers, Simone C. Niquille, Carrie Mae Weems und Mushon Zer-Aviv steht die Auseinandersetzung mit der normativen Wirkung fotografischer Bilder und der Visualisierung und damit gleichzeitiger gesellschaftlicher Verfestigung (sozialer) Differenzen.

Blick in die Ausstellung:

Esther Hovers
Für ihre Arbeit «False Positives» (2015–2016) hat die niederländische Künstlerin Esther Hovers mit Expert*innen auf dem Feld intelligenter Überwachungssysteme zusammengearbeitet und insgesamt acht diagnostizierte ‹Anomalien› in öffentlichen Raum untersucht: Abweichungen von üblichen Verhaltensregeln, die sich über die Körpersprache und Bewegung von Passant*innen äussern. Diese über visuelle Verfahren erfassten Abweichungen werden in Daten übersetzt und in die Algorithmen der Überwachungskameras eingespeist. Intelligente Überwachungssysteme kehren damit die zeitliche Logik der Überwachung um: Sie dienen nicht nur der nachträglichen Analyse von Straftaten, sondern können abweichende, potenziell kriminelle Verhaltensformen über spezifische Bewegungsmerkmale erfassen und einen Eingriff einleiten, noch bevor es überhaupt zu einem Delikt gekommen ist. Hovers‘ Fotografien wirken vom analytischen Blick der Kamera durchdrungen und erzeugen ein Unbehagen im Spannungsfeld von Dokumentation und Inszenierung: wann ist der präemptive Eingriff, d.h. das aktive Eingreifen in ein möglicherweise bevorstehendes Ereignis, gerechtfertigt – und wann schaffen diese Technologien ihre eigene Realität?

Mushon Zer- Aviv
Die interaktive Installation «The Normalizing Machine» (2018) des israelischen Künstlers Mushon Zer- Aviv in Zusammenarbeit mit den Software-Entwicklern Dan Stavy und Eran Weissenstern beschäftigt sich mit visuellen Vorstellungen von ‹Normalität› und dem Ein- und Fortschreiben von Vorurteilen über Algorithmen und maschinelles Lernen. Selbst im Fokus der Kamera müssen die Betrachtenden entscheiden, welche zuvor erfassten Besucher*innenporträts ihnen ‹normaler› erscheint. Im Anschluss werden die so gesammelten Datensätze ausgewertet und ein algorithmisches Abbild von ‹Normalität› erstellt. Zer-Aviv bettet damit die technische Gesichtserkennung des 21. Jahrhunderts in eine Entwicklungslinie ein, die über die für propagandistische Zwecke missbrauchte Gesichtsmessung unter dem NS-Regime bis zu den bereits im 19. Jahrhundert verbreiteten fotografischen Bildpraktiken der Forensik zurückreicht. The Normalizing Machine untersucht, wie wir heutzutage ‹Normalität› wahrnehmen und wirft damit gleichsam die Frage auf, ob diese überhaupt jenseits subjektiver Kategorien existieren kann – und welche Rolle fotografische Technologien als vermeintlich ‹objektive› Verfahren in solchen Normalisierungsprozessen spielen.

Carrie Mae Weems
Die Funktionslogik von Normierung/Abweichung durch die Kamera und mithilfe fotografischer Bilder steht auch im Zentrum der Auseinandersetzung der afroamerikanischen Künstlerin Carrie Mae Weems, die seit den 1980er Jahren die ‹schwarze Erfahrung› von Diskriminierung und Unterdrückung in ihren Werken verhandelt. Unverblümt spricht ihre Arbeit «Mirror, Mirror» (1987) den in gesellschaftlichen Narrativen verankerten Rassismus an, den wir beispielsweise in ‹unschuldigen› Märchen unhinterfragt an die nächsten Generationen weitergeben. Gebrüder Grimms Schneewittchen ist der Inbegriff der white supremacy: Schneewittchens helle, kaukasische Hautfarbe bildet die oftmals noch heute vorherrschende Norm (post-)kolonialer Schönheitsideale. Die rassistische und sexistische Mentalität manifestiert sich zugleich im durch den Spiegel symbolisierten male gaze, der den weiblichen Körper sexualisiert, darüber hinaus aber auch die von der Schönheitsnorm ‹abweichende› dunkle Hautfarbe als das ‹Andere› definiert. «Mirror, Mirror» ist als vielschichtige und scharfe Kritik an der normativen Wirkung der Fotografie zu begreifen, die Rassismen nicht nur über stereotypische Darstellungen fortschreibt, sondern auch über eine Medientechnik, die im Zuge des Kolonialismus als vermeintlich objektives Verfahren die Unterlegenheit der schwarzen Bevölkerung ‹bezeugen› sollte und weiter über viele Jahre technisch nicht in der Lage war, dunklere Hauttöne abzubilden. Der privilegierte, weisse Blick, der uns aus dem Spiegel/der Kamera anstarrt, bildet dabei die unhinterfragte Norm; ihn zu dekonstruieren bleibt auch 30 Jahre nach Weems‘ «Mirror, Mirror» weiterhin ein gesellschaftliches Desiderat.

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