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Museum im Lagerhaus | Doppelausstellung zur Gender- und Transgender-Debatte

Seine Puppen zeigen die Sehnsucht, das andere Geschlecht zu verkörpern. Ovartaci und weitere Künstler*innen ergründen Fragen der Genderzugehörigkeit.

Die Gender- und Transgender-Debatte ist hoch aktuell, auch in der Kunst. Zwei Ausstellungen im Museum im Lagerhaus widmen sich Genderfragen, sexueller Identität und Transidentität. «Crazy, Queer, and Lovable: Ovartaci» stellt das aussergewöhnliche Gesamtkunstwerk von Louis Marcussen (1894-1985), genannt «Ovartaci» in den Fokus. Parallel dazu präsentiert die Ausstellung «ICH DU ER SIEXIER: Transidentität» zeitgenössische künstlerische Positionen des Weiblichen, Männlichen und von Transidentität.

Gefährtinnen des Ovartaci
Im Zentrum steht das aussergewöhnliche Gesamtkunstwerk von Louis Marcussen (1894-1985), genannt «Ovartaci», entstanden im Laufe von 56 Jahren in der Psychiatrie. Ovartaci zählt zu den herausragenden Künstler*innen Dänemarks wie auch der internationalen Outsider Art. Jetzt ist das Werk zum ersten Mal in der Schweiz zu sehen. Zeitlebens beschäftigt Ovartaci das Thema der Transformation. Er schafft eigenwillige Fabelwesen, halb Mensch, halb Tier, kleine bis nahezu lebensgrosse weibliche Figuren und Puppen aus Papier, Karton oder Papiermaché und Stoff. Er fertigt Frauenfiguren aus Zahnpasta- oder Farbtuben. Sein Werk beinhaltet Zeichnungen, Malerei, Bauten und Flugobjekte. Ovartaci kreiert Wörterbücher für eine künftige Weltsprache – und sieht diese weitsichtig im Chinesisch – und gestaltet sich eine eigene Welt aus Spielgefährtinnen und ‹engen Freundinnen›: Sie sind die Lebensgefährtinnen in der Anstalt – Seelenverwandte, mit denen sich Ovartaci im Zimmer umgibt. Sie zeigen die Sehnsucht, das andere Geschlecht zu verkörpern. Durch Selbstkastration vollzieht Ovartaci schliesslich die gewünschte Anpassung vom Mann zur Frau.

Kontext Transidentität
Die Ausstellung «Crazy, Queer, and Lovable: Ovartaci» ist die zweite einer internationalen Ausstellungstrilogie, die sich anlässlich des dreissigjährigen Jubiläums von Stiftung und Museum dem ‹Anderen› in der Kunst widmet. Beleuchtet werden dabei kulturelle, sexuelle/Gender- und religiöse Facetten des ‹Anderen›. Unter den vielen Aspekten, unter denen das Werk Ovartacis zu betrachten ist, wird hier ein Fokus auf Ovartacis Transidentität gelegt, ohne damit das Werk auf diesen einen Punkt reduzieren zu wollen. Doch soll das heute viel diskutierte Gesellschaftsthema von Transidentität und Transgender in die Kunst einbezogen und in diesem Zusammenhang explizit diskutiert werden. Aus diesem Grund zeigt das Museum im Lagerhaus parallel zu Ovartaci eine Ausstellung mit dem Titel «ICH DU ER SIE XIER: Transidentität». Zu sehen sind zeitgenössische künstlerische Positionen des Weiblichen, Männlichen und von Transidentität von Michelle ‹Jazzie› Biolley, Muda Mathis & Sus Zwick, Francesca Bertolosi und Sascha Alexa Martin Müller. Zudem sind alle Gäste eingeladen, sich einzubringen und sich in Kommentaren zu ihrer Selbstwahrnehmung zu äussern.

Outsider Art
Anstelle des aktuell beschworenen Post-Feminismus in der Kunst und im Kunstbetrieb muss die Genderdebatte heute non-binär geführt werden. Es genügt nicht mehr, (Geschlechts-)Inklusion zu betreiben und in den Museen zu zählen, wie viele Künstlerinnen gegenüber einer Anzahl von Künstlern ausgestellt sind. Die Gesellschaft ist divers. Kunst war schon immer divers. Allein der Kunstbetrieb tut sich schwer mit Diversität, stellt sie doch herrschende Wertesysteme und Hierarchien auf den Kopf. So wird weiterhin der ‹richtigen› Kunst, dem ‹richtigen› Künstler und dem ‹richtigen› Kunstmuseum nachgespürt. Sind Outsider Art-Positionen inzwischen auch im Kunstbetrieb angekommen, so wird deren Berechtigung hier mit dem Branding des ‹richtigen› Museums eingelöst. Das Museum im Lagerhaus setzt sich bewusst ein für Kunst aus Grenzbereichen, um Kunstgrenzen zu überwinden. Die Ausstellungen zu «Crazy, Queer, and Lovable» als Teil der Trilogie «Das ‹Andere› in der Kunst» akzentuieren verschiedene Aspekte von Diversität. Wir sehen ein Cross-over von Outsider Art und zeitgenössischer Kunst, von Kunst aus psychiatrischem Kontext und nicht-psychiatrischer Kunst, von queeren Künstler*innen, die sich nicht einer binären Skalierung unterwerfen wollen.

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