Abstraktion gilt als Reich der reinen Form. Linie, Farbe und Fläche sollten für sich selbst stehen, frei von Figuren, Geschichten und menschlichen Körpern. THE BODY WITHIN ABSTRACTION stellt diese Vorstellung lustvoll auf den Kopf. Acht international renommierte Künstler:innen zeigen, dass selbst streng reduzierte Kunst voller Körper stecken kann: als Masseinheit, Widerstand, Material, Bewegung oder Präsenz im Raum. Mit der Ausstellung feiert das Museum zugleich sein 40-jähriges Bestehen und bespielt erstmals seit dem Umzug ins Löwenbräukunst-Areal Ost- und Westtrakt gemeinsam.
ABSTRAKTION, DIE UNTER DIE HAUT GEHT
- Publiziert am 15. September 2026
Der Körper war nie wirklich weg
Ausgangspunkt der Ausstellung im Haus Konstruktiv ist Dóra Maurers Film PROPORTIONS von 1979, in dem die Künstlerin ihren eigenen Körper systematisch vermisst. Bei Bruce Nauman wird aus Geometrie beinahe Sport: In DANCE OR EXERCISE ON THE PERIMETER OF A SQUARE bewegt er sich entlang der Grenzen eines Quadrats, während Body Pressure die Besucher auffordert, den eigenen Körper gegen eine Wand zu pressen. Abstraktion wird hier körperlich spürbar.
Heidi Buchers Körperhüllen leben wieder
Zu den spektakulärsten Arbeiten der Ausstellung gehören Heidi Buchers BODYSHELLS: überdimensionale, tragbare Körperhüllen aus Schaumstoff mit schimmernder Perlmuttoberfläche. 1972 bewegten sich Bucher und ihre Familie mit diesen seltsamen Wesen über Venice Beach – halb Skulptur, halb Kostüm, irgendwo zwischen Muschel, Schutzraum und Science-Fiction. Die Originale sind nicht erhalten. Zum 100. Geburtstag der 1926 in Winterthur geborenen Künstlerin erhalten die BODYSHELLS nun ein neues Leben. Der Estate of Heidi Bucher liess gemeinsam mit dem MCAD – Museum of Contemporary Art and Design Manila neue Bodyshells anfertigen und stellte sie eigenhändig fertig. Erstmals werden sie nun zeitgleich in Zürich und Athen als performative Skulpturen präsentiert. Damit werden die Arbeiten nicht bloss ausgestellt, sondern wieder so erfahrbar, wie sie ursprünglich gedacht waren: durch Bewegung und Körper. In Athen ist Heidi Bucher gleichzeitig mit einem zweiteiligen Ausstellungsprojekt zu ihrem 100. Geburtstag präsent. Auch dort werden die BODYSHELLS performativ aktiviert. Die Ausstellungen beleuchten insbesondere Buchers bislang weniger bekannte Verbindung zu Griechenland und den Kykladen.
Abstraktion zum Anfassen
Franz Wests tragbare PASSSTÜCKE, Chiharu Shiotas raumfüllende Fadeninstallation ENDLESS CONNECTIONS, Kimsoojas textile BOTTARI und Eva Fàbregas’ aus Latex gefertigte EXUDATES treiben die Idee weiter: Körperlichkeit braucht kein Abbild des Körpers. Sie kann in Material, Massstab, Spannung, Berührung und Bewegung stecken. Mit Heidi Bucher, Eva Fàbregas, Kimsooja, Dóra Maurer, Bruce Nauman, Steven Parrino, Chiharu Shiota und Franz West versammelt THE BODY WITHIN ABSTRACTION grosse Namen – und macht überzeugend sichtbar, was die Geschichte der abstrakten Kunst gern verdrängt hat: Auch die reine Form entsteht nicht im luftleeren Raum. Am Ende steht immer ein Körper davor, darin oder dahinter.
