Hasan Hadis Spielfilmdebüt gewann am Filmfestival von Cannes den Publikumspreis der Quinzaine des cinéastes sowie die Caméra d’Or. Es ist eine Abenteuergeschichte, die die Schilderung der bedrückenden Autokratie immer wieder mit Momenten der Leichtigkeit durchbricht. Mit seinem Erstlingswerk verarbeitet Hadi seine eigene Kindheit in den betörend schönen Marschlandschaften des Südirak und erzählt sie mit einem reinen Laienensemble, in dem die junge Baneen Ahmed Nayyef (Lamia) alle überragt.
THE PRESIDENT'S CAKE – Satire über Macht, Machtspiele und politische Kollisionen
THE PRESIDENT’S CAKE | SYNOPSIS
Irak in den 1990er Jahren: Jedes Jahr wird in den Schulen ausgelost, wer einen Geburtstagskuchen zu Ehren des Präsidenten Saddam Hussein backen soll. Diesmal fällt die Aufgabe der neunjährigen Lamia zu. Sie lebt mit ihrer Grossmutter in den mesopotamischen Sümpfen und Geld haben sie kaum. Unterwegs in der nächstgelegenen Stadt, bekommt sie von ihrem Freund Saeed Hilfe, um die nötigen Backzutaten zu besorgen. Doch die beiden müssen ebenso erfinderisch wie entschlossen sein. Wegen der Wirtschaftssanktionen herrscht Lebensmittelknappheit und die Armut bringt nicht gerade die besten Seiten der Menschen ans Licht.
DER IRAK UNTER SADDAM HUSSEIN – EINE CHRONOLOGIE DER GEWALT
Saddam Hussein trat 1957 im Alter von 20 Jahren der illegalen Baath-Partei bei. Nach dem Sturz der irakischen Monarchie durch einen Militärputsch im Jahr 1958 und der Ausrufung der Republik unter General Abd al-Karim Qasim beteiligte er sich an politischen Machtkämpfen. Ein gescheitertes Attentat auf Qasim zwang ihn 1959 ins Exil. Nach dem Baath-Putsch von 1963 kehrte Saddam Hussein in den Irak zurück und stieg in den folgenden Jahren innerhalb der Partei stetig auf. Mit der endgültigen Machtübernahme der Baath-Partei 1968 unter Präsident Ahmed Hassan al-Bakr wurde er Vizepräsident und faktisch zum starken Mann im Hintergrund.
1979 übernahm Saddam Hussein selbst das Amt des Staatspräsidenten und Regierungschefs. Unmittelbar danach sicherte er seine Macht durch brutale Säuberungen in der Parteiführung. 1980 begann er den Krieg gegen den Iran, den er als raschen Sieg kalkuliert hatte. Der Erste Golfkrieg endete 1988 mit einem Waffenstillstand, nachdem auf beiden Seiten Hunderttausende Menschen ums Leben gekommen waren.
1990 liess Saddam Hussein Kuwait besetzen, was den Zweiten Golfkrieg auslöste. Die internationale Gemeinschaft reagierte mit massiven UN-Sanktionen. 1991 griff eine von den USA geführte Koalition im Rahmen der Operation „Desert Storm“ militärisch ein. Obwohl der Irak militärisch besiegt wurde, blieb Saddam Hussein an der Macht. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu US- und britischen Luftangriffen, insbesondere nach Übergriffen auf kurdische Schutzzonen und trotz diplomatischer Annäherungen an Iran und Syrien. Gleichzeitig verschärfte das Regime im Innern die Repressionen drastisch.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 verschärften die USA unter Präsident George W. Bush ihre Haltung gegenüber dem Irak, der als Teil der „Achse des Bösen“ bezeichnet wurde. 2003 begann nach umstrittenen Geheimdienstvorwürfen der Dritte Golfkrieg mit einem Angriff der USA und Grossbritanniens. Bagdad fiel, wenig später auch Tikrit, womit das Regime zusammenbrach.
Am 13. Dezember 2003 wurde Saddam Hussein von US-Truppen festgenommen. Nach einem Prozess wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen wurde er 2006 in einem Vorort von Bagdad hingerichtet.
THE PRESIDENT’S CAKE | REZENSION

Kindlicher Parcours durch ein Reich des Wahnsinns
Für uns gesehen hat den Film Geri Krebs
Eine Welt, in der die Wände Ohren haben
«Glaubst du, der Präsident isst alle Kuchen alleine?» – «Sei still, die Wände haben Ohren!»
Schon diese frühe Dialogzeile zwischen dem Mädchen Lamia und ihrem Schulfreund Saaed steckt den Rahmen ab: eine Welt, in der kindliche Neugier und staatlicher Terror untrennbar ineinandergreifen. Von Beginn an herrscht eine Atmosphäre latenter Bedrohung, in der Normalität längst ausser Kraft gesetzt ist.
Personenkult als groteskes Ritual
Auf dem Schulhof erreicht der Personenkult seinen absurden Höhepunkt. Ein etwa zehnjähriger Junge verliest mit zitternder Stimme eine Loyalitätsparole auf Saddam Hussein, die anschliessend von der versammelten Schüler:innen- und Lehrer:innenschaft im Chor bestätigt wird. Die Szene ist kaum zu ertragen – und kippt zugleich ins Groteske. Genau in dieser Schwebe zwischen Schrecken und Absurdität findet der Film seinen Ton.
Der Lehrer, der Soldat
Im Klassenzimmer, selbstverständlich geschmückt mit Porträts des Diktators, tritt der Lehrer als willfähriger Vollstrecker des Systems auf. «Ich bin Soldat und melde jeden, der nicht gehorcht», erklärt er den Kindern. Danach inszeniert er das nächste Ritual gleich selbst: die Verlosung jener Aufgabe, die niemand übernehmen will – das Backen des Geburtstagskuchens für den Präsidenten. Das Los fällt auf Lamia. Was harmlos klingt, entpuppt sich als existenzielle Bedrohung. Kuchen bedeutet Zutaten, Zutaten bedeuten Hunger, Mangel und Abhängigkeit. Dass der Lehrer zuvor einen Apfel aus Lamias Schultasche stiehlt, ist dabei kein beiläufiges Detail, sondern ein präziser Hinweis: Im Reich Saddam Husseins herrschen nicht nur Angst und Kontrolle, sondern auch nackter Hunger.
Eine Odyssee durch Armut und Abhängigkeit
Die anschliessende Irrfahrt des Mädchens durch eine moralisch ausgezehrte Gesellschaft ist ebenso verstörend wie genau beobachtet. Besonders eindrücklich ist der Moment, in dem Lamia erkennt, dass ihre Grossmutter Bibi sie bei einer Restaurantbesitzerin faktisch gegen einen Teller Essen eintauschen will – aus purer Überforderung und Not. Der Film zeigt diese Szene ohne melodramatische Zuspitzung, aber mit umso grösserer Wirkung.
Komödie ohne Verharmlosung
Trotz solcher Härte ist THE PRESIDENT’S CAKE alles andere als Elendskino. Dafür sorgt der Ton, den Regisseur Hasan Hadi anschlägt: ein feiner, oft ironischer Humor, bei dem der Schrecken immer wieder ins Absurde kippt, ohne je verharmlost zu werden. In dieser liebevollen, leicht verschobenen Perspektive auf eine Kindheit unter einem faschistischen Gewaltregime erinnert der Film stellenweise an Federico Fellinis AMARCORD.
Neorealistische Spuren
Gleichzeitig hallen im kindlichen Parcours auf der Suche nach unerreichbaren Zutaten deutliche Anklänge an den Neorealismus nach – insbesondere an LADRI DI BICICLETTE. Wie dort ist die Suche existenziell, die Gesellschaft verarmt und moralisch beschädigt, und auch hier drohen reale Konsequenzen, sollte das Ziel verfehlt werden. Nicht zufällig setzt Hasan Hadi fast ausschliesslich auf Laiendarsteller:innen, die ihre eigenen Erfahrungen in das Spiel einbringen.
Kino durch Kinderaugen
Nach dem Gewinn der Caméra d’Or in Cannes wurde der Film unter anderem auch in San Sebastián gezeigt. Dort verwies Hadi auf seine Inspirationsquellen: Filme aus der Spätphase der Franco-Diktatur, die den Faschismus durch Kinderaugen betrachten, etwa CRÍA CUERVOS oder EL ESPÍRITU DE LA COLMENA. Wie in diesen Werken handeln die Kinder auch hier verantwortungsvoller als die Erwachsenen, die sich oft feige, opportunistisch oder kindisch verhalten – und deren Entscheidungen die Jüngsten ausbaden müssen.
Mehr als ein historisches Zeitbild
So erzählt THE PRESIDENT’S CAKE zwar von einem sehr konkreten historischen und politischen Kontext, entfaltet darüber hinaus aber eine universelle Kraft. Der Film spricht von Macht und Anpassung, von Angst und Hunger – und davon, wie Kinder in unmenschlichen Systemen gezwungen sind, erwachsener zu handeln als jene, die sie eigentlich schützen sollten. Eine Geschichte, die bedrückend aktuell bleibt.
