Im Zentrum steht Kweku Adoboli, ehemaliger Investmentbanker der UBS in London. Solange er Milliarden bewegt und Gewinne produziert, gilt er als Leistungsträger eines Systems, das Risiken feiert und Verantwortung verschiebt. Als ein Handelsfehler jedoch zu einem Verlust von über 2,3 Milliarden Dollar führt, kippt das Bild: Aus dem gefeierten Akteur wird ein Schuldiger, aus systemischem Versagen eine persönliche Geschichte.
THE NARRATIVE
- Publiziert am 13. Dezember 2025
Statement von Niccolò Castelli, künstlerischer Leiter Solothurner Filmtage
«Unser Eröffnungsfilm handelt von einem jungen Menschen, der schnell zum Sündenbock für eine komplexe Finanzindustrie wurde. Einmal in die Welt gesetzt, wurde das Narrativ vom skrupellosen Finanzhändler wiederholt und zementiert. Der Film untersucht die Macht medialer Erzählungen und macht deutlich, wie schwierig es ist, diesen zu entkommen. Das Publikum lernt nicht nur den Fall, sondern auch den Menschen Kweku Adoboli kennen. In diesem empathischen Zugang der Filmschaffenden liegt die Kraft von THE NARRATIVE – eine andere Erzählung als die von ‹Tätern› und ‹Opfern› wird möglich.»

THE NARRATIV – Applaus für ein Bauernopfer
Für gesehen hat den Film arttv Chefredaktor Felix Schenker
Ein krankes System – erzählt am Beispiel eines individuellen Kollateralschadens.
THE NARRATIV eröffnete die Solothurner Filmtage – und löste einen selten langen, anhaltenden Applaus aus. Ein Applaus, der nachdenklich macht. Denn er gilt einem Mann, den man zuvor fallen liess – und dessen Verurteilung zu sieben Jahren Haft damals ebenso begeistert beklatscht wurde.
Ein Applaus mit doppeltem Boden
Es waren wohl dieselben Hände, die damals applaudierten. Als erstmals ein Banker öffentlich verurteilt und symbolisch zum Schuldigen erklärt wurde: Kweku Adoboli, blutjunger UBS-Star-Trader. Ihm wurden angeblich nicht autorisierte Geschäfte angelastet, die zu Verlusten von rund 2,3 Milliarden US-Dollar führten. Am 20. November 2012 wurde er in London wegen Betrugs schuldig gesprochen, am 21. November 2012 folgte das Urteil: sieben Jahre Haft. Jetzt applaudieren wir ihm, nachdem der Film aus dem verhassten Finanzjongleur einen Menschen gemacht hat – sympathisch, schlagfertig, lebendig.Und genau in dieser Verschiebung liegt die Kraft dieses Films.
THE NARRATIV, realisiert von Bernard Weber und Martin Schilt, erzählt die Geschichte eines Mannes, der zur Zeit des Skandals als Star-Trader bei der UBS galt – und später zum idealen Bauernopfer eines entfesselten Finanzsystems wurde. Der Protagonist sagt es selbst: Die Eigenschaften, die mich bei der Bank erfolgreich machten, waren genau jene, aus denen man mir später einen Strick drehte.
Die Strafe nach der Strafe
Besonders an die Nieren geht, dass die Sanktion nicht mit dem Urteil endete. Nach Verbüssung der Haft folgte eine zweite, existenzielle Strafe: die Ausweisung aus England – obwohl England für ihn längst zur Heimat geworden war. Seine Eltern hatten ihn schon als Kind aus Ghana in ein englisches Internat geschickt. Dort ging er zur Schule, dort studierte er, dort wurde er Banker – und dort tat er alles, was von ihm verlangt wurde. Der Film macht deutlich, wie sehr er sich als Schwarzer doppelt und dreifach assimilierte, um Anerkennung zu erfahren. Anerkennung, die im entscheidenden Moment ausblieb.
Narrative, Bilder – und vorschnelle Urteile
So sehr THE NARRATIV ein individuelles Schicksal zeigt, so klar macht der Film auch: Unsere Haltung entsteht aus den Narrativen – und aus Bildern. Und wir sind schnell darin, aus ihnen Urteile zu formen. Der Film erzählt in diesem Zusammenhang eine ebenso tragische wie heitere Szene: Auf dem Weg in den Gerichtssaal lächelt der Protagonist. Die Bilder gehen um die Welt. Für viele Medien ist die Deutung rasch gemacht: ein eiskalter Banker, der selbst in Handschellen sein Pokerface wahrt. Doch die Situation ist eine andere. Im Flur sagt ihm die Polizeibeamtin, an deren Arm er mit Handschellen gefesselt ist, er müsse sich keine Sorgen machen: Die Medien seien nicht wegen ihm da, sondern wegen ihres sexy Hinterns. Das Lächeln gilt diesem Satz – nicht der Anklage, nicht der Arroganz. Diese Szene zeigt exemplarisch, wie leicht Bilder missverstanden werden und wie schnell daraus Charakterurteile entstehen.
Die Rolle der Medien
Der Film zeigt eindrucksvoll, wie komplexe Zusammenhänge im öffentlichen Diskurs rasch auf eine eindeutige Tätergeschichte reduziert werden – und wie bereitwillig dieses Narrativ übernommen wird. THE NARRATIVthematisiert dabei auch die zweifelhafte Rolle der Medien bei dieser Vereinfachung. Umso erfreulicher ist, dass der Film trotz dieser kritischen Perspektive vom Schweizer Fernsehen mitproduziert wurde. Dass ein Medium einen Film unterstützt, der auch das eigene Berufsfeld hinterfragt, unterstreicht die Bedeutung öffentlich-rechtlicher Medien für eine selbstkritische Öffentlichkeit.
Mehr als ein Einzelschicksal
Der Film wächst über das Porträt des gefallenen Bankers hinaus und legt die Mechanik eines kranken Casino-Kapitalismus offen: Gewinne werden gefeiert, Risiken externalisiert, Schuld individualisiert.
Formal präzis – visuell beeindruckend
Auch formal überzeugt THE NARRATIV auf ganzer Linie. Die Kameraarbeit von Sergio Cassini und Ramòn Giger ist genial – besser geht es nicht. Besonders die Drohnenaufnahmen der Mangoplantage in Ghana verleihen dem Film eine visuelle Weite, die lange nachwirkt. Imposant ist auch, wie der Tunnelblick, das völlige Gefangensein im sekundenschnellen Traden, filmisch erfahrbar gemacht wird. Wie das gelingt, sollte man an dieser Stelle nicht verraten – nur so viel: Es ist beeindruckend gelöst.
Früher Favorit
Auch wenn das Jahr noch jung ist: Hier könnte soeben ein ernsthafter Anwärter auf den Schweizer Filmpreis für den besten Dokumentarfilm Premiere gefeiert haben. Ein gnadenlos guter Film, der auch entscheidend von der Persönlichkeit Kweku Adobolis getragen wird: Witz, Charme, Selbstironie und ein ungebrochener Lebenswille. Heute lebt der Ex-Trader wieder in Ghana. Er bewirtschaftet die Mangoplantage seines Vaters und produziert mit einigen Angestellten Fruchtsäfte. Sein Satz bleibt hängen: Bei der Bank habe ich Gewinne abgeschöpft – heute schaffe ich solche.
Der Applaus war lang. Die Fragen, die dieser Film stellt, wirken noch länger.