Solidarität gilt als moralischer Grundpfeiler demokratischer Gesellschaften. Doch wie weit reicht sie tatsächlich? Der Dokumentarfilm SOLIDARITY des Schweizer Regisseurs David Bernet untersucht anhand konkreter Krisenherde — Polen/Belarus, Ukraine sowie Gaza und Libanon —, wie unterschiedlich Solidarität praktiziert wird und wo ihre Grenzen liegen.
SOLIDARITY – Wie belastbar ist Solidarität in Zeiten globaler Krisen?
Der Dokumentarfilm von David Bernet beleuchtet Flüchtlingspolitik, Ukrainekrieg und Nahostkonflikt — und stellt die Frage nach selektiver Solidarität.
SOLIDARITY | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Rolf Breiner
Wenn Mitgefühl an Grenzen stösst
Solidarität gehört zu den meistgebrauchten politischen und moralischen Begriffen unserer Gegenwart. Doch was bedeutet sie tatsächlich — jenseits von Sonntagsreden, Hashtags und humanitären Appellen? Der Schweizer Dokumentarfilmer David Bernet geht dieser Frage in seinem Film SOLIDARITY nach und sucht Antworten dort, wo Solidarität konkret geprüft wird: an Europas Aussengrenzen und in den Krisenregionen des Nahen Ostens.
Solidarität als politische Realität
Ausgangspunkt bildet die polnisch-belarussische Grenze im Jahr 2021. Flüchtende Menschen versuchen, über Belarus in die EU zu gelangen — und werden von Polen radikal gestoppt. Polen hat sich abgeschottet. Viele verlieren ihr Leben. Menschenrechtsaktivistin Marta Siciarek zeigt die Gräber jener, die es nicht geschafft haben. Nur ein Jahr später, im Februar 2022, wandelt sich die Stimmung im Land grundlegend: Die aus der Ukraine flüchtenden Menschen werden warmherzig aufgenommen, untergebracht und versorgt. Eine Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität erfasst Polen. Wie ist dieser Wandel zu verstehen? Der libanesische Moralphilosoph Bashshar Haydar erklärt, dass sich Menschen eher mit anderen solidarisch erklären, wenn sie sich verbunden fühlen — wenn es sie unmittelbar betrifft, wenn die Gefahr vor der Haustür liegt.
Flüchtlingshilfe als Sisyphos-Arbeit
Bernet erweitert seinen Blick in den Libanon, nach Jordanien und nach Gaza. Nach dem verbrecherischen Überfall der Hamas und den militärischen Reaktionen Israels sind Tausende Menschen getötet worden. Organisationen wie das UNHCR mit Hauptsitz in Genf versuchen gemeinsam mit unzähligen Helferinnen und Helfern, die Geflüchteten zu unterstützen und so gut es geht zu versorgen — in Gaza wie auch im Libanon oder in Jordanien. Es ist eine Sisyphos-Arbeit. Es fehlen ausreichende Mittel und oft auch der politische Wille, nachhaltige Lösungen und Inklusion zu ermöglichen. An den vielen Freiwilligen, die bis zur Erschöpfung Flüchtlingshilfe leisten, liegt es nicht. Weltweit spricht man heute von rund 110 Millionen Geflüchteten. Gerade der Gaza-Konflikt zeigt zudem, dass Solidarität selten eindeutig ist — pro Palästina oder pro Israel etwa. Man spricht von einer «hellen» und einer «dunklen» Seite der Solidarität.
Aufklärung ohne einfache Antworten
Filmer Bernet, Journalist und Autor, hat eine Reihe von Beteiligten und Akteuren aufgesucht und begleitet: Vertreterinnen und Vertreter des UNHCR, Menschenrechtsaktivist:innen, Migrationshelferinnen und -helfer sowie Geflüchtete selbst. Die Bilanz ist ernüchternd. Die Solidaritätsflamme erlischt mit der Zeit, Hilfsbereitschaft nimmt ab und ermüdet. Sie kann umschlagen und negative Gefühle wie Neid oder Misstrauen wecken. SOLIDARITY leistet wichtige Aufklärungsarbeit und beobachtet differenziert, ohne einfache Antworten zu liefern. Einerseits ist es nachvollziehbar, dass sich der Film auf zwei Brennpunkte — die Ukraine und den Nahen Osten — konzentriert. Andererseits hätte man sich stellenweise eine stärkere Schweizer Perspektive gewünscht: Wie steht es hierzulande um Solidarität? Und beschränkt sie sich tatsächlich auf die Flüchtlingsfrage?
Fazit
SOLIDARITY ist ein solider, eindrücklicher und hochaktueller Dokumentarfilm, der ein grosses moralisches Wort auf seine reale Belastbarkeit prüft — und zeigt, wie fragil und widersprüchlich gelebte Solidarität sein kann.

